Invasion von Tumorzellen im Gehirn

26.05.2008 - (idw) Wilhelm Sander-Stiftung

Der aggressivste und gleichzeitig auch häufigste Hirntumor, an dem Menschen erkranken, ist das Glioblastom. Die meisten betroffenen Patienten versterben innerhalb der ersten 18 Monate nach Operation des Tumors. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der diffusen Invasion einzelner Tumorzellen bis weit in das umgebende Hirngewebe hinein, was eine komplette Entfernung des Tumors unmöglich macht. Die Arbeitsgruppe von Dr. Volker Senner und Professor Werner Paulus vom Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Münster sucht nun auf molekularer Ebene nach bisher unbekannten Schaltern, die die Invasion von Glioblastomzellen steuern. Dies hilft nicht nur beim weiteren Verständnis dieser Tumorerkrankung, sondern kann auch neue Angriffspunkte für zukünftige Therapieansätze identifizieren. Unterstützt wird diese Arbeit von der Wilhelm-Sander-Stiftung. Das Glioblastom ist ein bösartiger Hirntumor, der rund 25 % aller Tumorerkrankungen dieses Organs ausmacht. Bereits zu einem frühen Stadium der Erkrankung, wahrscheinlich noch bevor erste Symptome bestehen, sind einzelne Glioblastomzellen bis weit in das umgebende Hirngewebe eingewandert. Wird der Tumor entdeckt und kommt es zu einer operativen Behandlung, können diese einzelnen "Guerilla" - Zellen bereits nicht mehr entfernt werden. Auch chemo- und strahlentherapeutische Maßnahmen sind nicht auf Dauer wirksam, so dass es meist innerhalb weniger Monate zu einem erneuten Tumorwachstum kommt.
Für eine zukünftig erfolgreichere Behandlung von Glioblastomen ist es daher von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, worin die Ursachen des fatalen Invasionsverhaltens der Tumorzellen liegen. Am Universitätsklinikum Münster machen sich die Neuropathologen Volker Senner und Werner Paulus daran, diese Ursachen in den Molekülen der Tumorzelle zu finden und zu verstehen. Genanalysen machten es möglich, die Art und Menge von Molekülen in invasiven Glioblastomzellen zu bestimmen und mit ihren weniger invasiven Gegenstücken zu vergleichen. Dieser Vergleich ergab eine Reihe von verschiedensten Molekülen, die in beiden Zellarten in jeweils stark unterschiedlicher Menge vorlagen. Daher liegt es nun nahe, zu untersuchen, ob diese Moleküle für das Invasionsverhalten der Tumorzellen verantwortlich sind.
Eines der Moleküle trägt den Namen VAT-1 und ist auf der Oberfläche der Tumorzellen lokalisiert. In invasiven Glioblastomzellen liegt wesentlich mehr VAT-1 vor als in weniger invasiven oder gar in den normalen Zellen des Gehirns, den Astrozyten. Mit Hilfe gentechnischer Methoden wurde in Glioblastomzelllinien, die als Modell für den Tumor dienen, der Gehalt an VAT-1 zeitweise reduziert. Dies hatte zur Folge, dass die betroffenen Tumorzellen im Laborversuch nicht mehr in dem Maße wanderten wie die Kontrollzellen mit hohem VAT-1 Gehalt. Ein ähnliches Ergebnis fand sich für das Molekül Cadherin-11, das sich auf der Zelloberfläche von Glioblastomzellen befindet. Auch hier ging eine künstliche Absenkung mit einer verringerten Zellwanderung im Labor einher. Offenbar vermitteln diese Moleküle Signale zwischen den Tumorzellen oder in den Zellkern hinein, die letztlich dazu führen, dass das Invasionsverhalten verstärkt wird.
Die Liste der zu untersuchenden Moleküle der Münsteraner Forscher weist noch weitere Kandidaten auf, deren Einfluss auf die Invasion und Beweglichkeit von Glioblastomzellen experimentell überprüft wird. Dabei handelt es sich nicht nur um Moleküle auf der Oberfläche der Zelle, sondern auch um solche, die sich im Zellkern oder im Zellkörper befinden. Die Neuropathologen hoffen, einen Zusammenhang zwischen diesen Molekülen und den sie verbindenden Signalwegen zu finden, so dass es letztlich möglich wird, therapeutisch gezielt in den Mechanismus der Glioblastomzell-Invasion einzugreifen.

Kontakt: Dr. V. Senner, Münster
Tel. +49 (251) 835697, Fax +49 (251) 8356971
e-mail: senner@uni-muenster.de

Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit über 150.000 ¤.
Stiftungszweck der Stiftung ist die medizinische Forschung, insbesondere Projekte im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden dabei insgesamt über 160 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Weitere Informationen: www.wilhelm-sander-stiftung.de