Hamburger Köpfe-Band porträtiert den Ausnahme-Politiker Karl Schiller

16.10.2008 - (idw) ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Karl Schiller (1911-1994) zählt als Wirtschaftspolitiker zu den prägenden Gestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Aufgewachsen in kleinen Verhältnisse und schon in jungen Jahren von "fast fanatischem Aufstiegswillen beherrscht", studiert der Hochbe-gabte Volkswirtschaft in Kiel, Frankfurt, Berlin und Heidelberg. Mit 36 Jahren wird er Universitätsprofessor in Hamburg, ein Jahr später Senator für das Ressort Wirtschaft und Verkehr, er ist damit der jüngste Senator der Stadt. Er macht sich einen Namen als einer der Wegbereiter für die Rückkehr der zerbombten Handelsmetropole auf die Märkte der Welt. Als Rektor der Hamburger Universität (1956-1958) treibt er mit großer Energie den Ausbau der Hochschule voran.

Überragende Intelligenz, rhetorische Begabung, Mut, Zähigkeit und Durchsetzungsver-mögen machen Schiller auch bundesweit zum Ausnahme-Politiker. Als Bundeswirt-schaftsminister der Großen Koalition von 1966 bis 1969 gelingt es ihm, die Wirtschaft der Bundesrepublik durch eine gezielte Erhöhung der Staatsausgaben aus der ersten großen Rezession in einen "Aufschwung nach Maß" zu führen. Schnell wird er zu einer der einflussreichsten und prominentesten Figuren in Willy Brandts Regierung. Sein Bio-graf Uwe Bahnsen nennt Schiller "den mächtigsten Ökonomen der Republik". Mit der Fähigkeit, einprägsame Metaphern zu formulieren, gepaart mit seinem profunden öko-nomischen Wissen und einem ausgeprägten Realismus versteht er es, Wirtschaftspoli-tik verständlich, populär und greifbar zu machen. Seine keynesianische Wachstumspoli-tik bringt er auf die Formel: "Die Pferde müssen wieder saufen."

Auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn ist Schiller 1971/72 als Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen einer der mächtigsten Männer der Republik mit weltweitem Ansehen. 1972 findet seine steile politische Karriere, auch wegen fehlenden Stallge-ruchs in der SPD ein jähes Ende. Als Superminister hatte er mit einer Fülle von Kon-fliktfeldern zu tun - die Zahl der Widersacher steigt. In der Boom-Zeit wird er der Infla-tion nicht mehr Herr und trit im Juli 1972 zurück. Doch er wird zu einem gefragter Wirt-schaftsberater und handelt dabei immer getreu seinem Motto: "Stabilität ist alles, aber ohne Stabilität ist alles nichts."

Für Karl Schillers Lebensleistung hat Hamburg eine besondere Bedeutung. Hier beginnt sein politisches Engagement in der SPD, hier festigen sich seine wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen und hier bietet sich ihm als erfolgreicher Wirtschaftssenator die Möglichkeit, die Durchsetzbarkeit eigener Konzepte zu erproben.

Nicht ohne Bewunderung schildert der Autor Uwe Bahnsen die triumphalen, aber auch tragischen Phasen in Schillers Leben, einen brillanten Kopf, der auch schwierig und unbequem war.

Bahnsen, Uwe, Karl Schiller, im Rahmen der Hamburger Köpfe herausgegeben von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2008, 200 Seiten mit 35 Abb., ISBN: 978-3-8319-0325-2, ¤ 14,90

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