"Blender, Täuscher, Scharlatane"

07.05.2003 - (idw) Universitätsklinikum Heidelberg

Mit Betrug in den Wissenschaften befasst sich ein Symposium der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte Heidelberg vom 29.- 31. Mai 2003

Scheinbar unaufhaltsam nimmt in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Fälle von Betrug und Täuschung in den Wissenschaften zu: Daten werden manipuliert, erfunden und veröffentlicht - nicht selten von renommierten Forschungseinrichtungen wie der Harvard University und der Max-Planck-Gesellschaft sowie in ausgewiesenen Fachjournalen wie Science und Nature.

Die Medien haben das Phänomen in den vergangenen Jahren verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Doch Betrug in den Wissenschaften ist keine Modeerscheinung, sondern ein historisches Phänomen. Vom 29. bis 31. Mai findet in Heidelberg ein Symposium der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte statt, das sich unter dem Titel "Blender Täuscher, Scharlatane - Betrug in den Wissenschaften" mit historischen und aktuellen Beispielen befasst. Geleitet wird die internationale Tagung von Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg.

Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt der Diskussion: Was ist überhaupt als Betrug in den Wissenschaften zu bezeichnen? Welche sozialen und institutionellen Mechanismen decken Betrug in den Wissenschaften auf und sanktionieren ihn? Wie schützen sich die "Scientific Community" und die Gesellschaft vor dem Betrug in den Wissenschaften?

In jüngster Zeit hat sich die Wissenschaftssoziologie für das Phänomen Betrug interessiert und Diskrepanzen zwischen Ideal und Realität der Wissenschaft ausgemacht. Wie in anderen sozialen Organisationen geht es neben dem Ideal wahrheitsverpflichteter Forschung um Karrieren, materielle Vorteile, Einfluss und soziale Anerkennung. Mitunter werden dabei die Regeln der Wissenschaftsethik verletzt. Die Spannbreite der Vergehen reicht von fahrlässigen Irrtümern und "Wissenschaftsdiebstahl" (Plagiaten) bis hin zur vorsätzlichen Fälschung von Daten und Ergebnissen.

Journalisten sind herzlich zur der Tagung eingeladen! Sie findet in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Karlstrasse 4, 69117 Heidelberg statt. Weitere Informationen sind im beigefügten Programm enthalten. Ein Exposé kann unter Henrik_Hansemann@med.uni-heidelberg.de angefordert werden.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Ruprecht-Karls-
Universität Heidelberg
Kontakt: wolfgang.eckart@urz.uni-heidelberg.de

Programm:
Freitag, 30.05.2003
Heidelberger Akademie der Wissenschaften

9.00-9.30 Uhr:
Begrüßungen
Eröffnung des Symposiums und Einführung in das Thema:
Mitchell Ash (Wien), Wolfgang U. Eckart (Heidelberg)

9.30-10.15 Uhr:
Heinz Schott (Bonn)
Imagination - Einbildungskraft - Suggestion: Zur "Scharlatanerie" in der neuzeitlichen Medizin

10.15-11.00 Uhr:
Marian Füssel (Münster)
"Charlataneria Eruditorum" - Zur Semantik des gelehrten Betrugs im 17. und 18. Jahrhundert

11.00-11.30 Uhr: Kaffee/Tee

11.30-12.15 Uhr:
Thomas Brandstetter (Wien)
Elefanten im Mond: Der prekäre Status des wissenschaftlichen Instruments

12.15-13.00 Uhr:
Oliver Hochadel (Wien)
Aufklärung durch Täuschung - Die Natürliche Magie im 18. Jahrhundert

13.00-15.00 Uhr: Mittagspause

15.00-15.45 Uhr:
Brigitte Hoppe (München)
Täuschung bei experimenteller und instrumenteller Forschung - die Wabentheorie des Protoplasmas von Otto Bütschli

15.45-16.00 Uhr: Kaffee/Tee

16.00-16.45 Uhr:
Veronika Hofer (Wien, derzeit Madison):
Der Fall Paul Kammerer in Wien. Ein berühmter Fälschungsskandal, lokalperspektivisch betrachtet

16.45-17.30 Uhr:
Christian Bonah (Strasbourg):
"Le Monde n'a jamais manqué de charlatans". Friedmann, Calmette, Tuberkulose und die Frage des "Scharlatanismus" - Ein internationaler Vergleich, 1900-1940

20.00 Uhr
Alte Aula der Universität

Öffentlicher Abendvortrag:
Christoph Schneider (Bonn/DFG):
Der Scharlatan auf dem Rechtsweg - und was vielleicht zu seiner Umlenkung getan werden könnte

Samstag, 31.05.2003
Heidelberger Akademie der Wissenschaften

9.00-9:45 Uhr
Horst Gundlach (Passau):
Sigmund Freud und die Lauterkeit

9:45-10:30 Uhr
Tilmann Walter (Heidelberg):
Orgasmen, das Leben und fliegende Untertassen - Wahrheit, Betrug und Selbstbetrug im Werk von Wilhelm Reich

10.30-10.45 Uhr: Kaffee/Tee

10.45-11.30 Uhr
Christoph Kühberger (Salzburg):
Gezielter Betrug oder regimegetreue Anpassung? - Historische Forschung unter dem Nationalsozialismus

11.30-12.15 Uhr:
Ulrich Charpa (Bochum)/Ute Deichmann (Köln/Beer-Sheva)
Vertrauensvorschuß und wissenschaftliches Fehlverhalten - Eine reliabilistische Modellierung der Fälle Abderhalden, Goldschmidt, Moewus und Waldschmidt-Leitz

12.15-13.00 Uhr:
Irmeline Veit-Brause (Melbourne):
"The Beagle Boys" - Commercial Contracts, Institutional Controls and Individual Courage

13.00-13.45 Uhr:
Frank Stahnisch (Erlangen-Nürnberg):
"Und nur die Zukunft wird Klarheit bringen!" - Der Fall des Biomediziners Jacques Benveniste aus dem Jahr 1988 im Blickfeld der wissenschaftlichen Publikationsorgane und der Laienpresse

13.45-14.15 Uhr: Schlußdiskussion