Was zeichnet einen professionellen Lehrer aus?

09.05.2003 - (idw) Freie Universität Berlin

Mehrheit der Lehrer tritt vor Erreichen des Pensionsalters in den Ruhestand

Viele Lehrer in Deutschland fühlen sich in ihrem Berufsalltag überfordert, schwere psychische Erkrankungen sind in dieser Berufsgruppe überdurchschnittlich häufig und die überwältigende Mehrheit der Lehrkräfte geht vor Erreichen des Pensionsalters in den Ruhestand. Für dieses deprimierende Bild ist nicht zuletzt ein Mangel an Professionalität verantwortlich - so die Diagnose des Bildungsforschers Dr. Dieter Lenzen, Professor für Philosophie der Erziehung an der Freien Universität Berlin. Im aktuellen Schwerpunktheft "Lehren und Lernen" der Wissenschaftszeitschrift UNIVERSITAS (5/2003) entwirft er ein Anforderungsprofil des professionellen Lehrers.

Die Fakten: In etlichen Bundesländern erreichen nur gerade fünf Prozent der Lehrer das normale Ruhestandsalter von 65 Jahren als diensttuende Lehrer. Mehr als dreißig Prozent sind es in keinem der Bundesländer. Der Grund für ein vorzeitiges Ausscheiden ist bei über fünfzig Prozent vorzeitige Dienstunfähigkeit. Zudem nehmen Lehrer Psychotherapie-Angebote überproportional in Anspruch. So sind über sechzig Prozent der privaten Depressionspatienten in der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin Pädagogen.
Bei einer Befragung von 390 somatisch Erkrankten erwies sich, dass sich die Hauptbelastungsfaktoren im Wesentlichen in zwei Gruppen aufteilen: Die erste Gruppe beinhaltet Faktoren, die in der Person der Lehrer liegen und die zweite Gruppe solche, die in der Person der Schüler liegen.
Zu den lehrerbezogenen Faktoren zählen die "Fülle der Anforderungen", darunter die wachsende Zahl von Erziehungsaufgaben, ein "labiler Gesundheitszustand", ein "hoher Verantwortungsdruck". Die weitaus größere Zahl der Faktoren trifft von außen auf die Lehrer: Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern, Schülerzahl pro Klasse, undisziplinierte Schüler, Leistungsunterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen, sinkende Lernmotivation bei Schülern, hoher Lärmpegel, zu geringe Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Schülern. Auch ein hoher Verwaltungsaufwand und die hohe Pflichtstundenzahl gelten als Belastungsfaktoren.

Das Burn-out-Syndrom und seine Ursachen

Der beschriebene Problemkreis wird, nicht nur bei Lehrern, als "Burn-out-Syndrom" bezeichnet. Exemplarisch lässt sich an einer Untersuchung von mittelfränkischen Grund- und Hauptschullehrern zeigen, dass etwa ein Viertel der Befragten in dieser Studie von Burn-out praktisch nicht betroffen war, zwei Viertel Burn-out in mittlerer Ausprägung zeigten und ein Viertel schwerste Symptome aufwies.
Die Tatsache fehlender Stressresistenz muss, so Lenzen, als Folge fehlender Professionalität gesehen werden. Im Gegensatz beispielsweise zu Finnland, wo die Aufnahme eines Lehramtsstudiums von einer Eignungsprüfung abhängig gemacht wird, findet in Deutschland die Wahl des Studienganges als ausschließliche Entscheidung des Lehramtsstudierenden statt. Dabei steht insbesondere bei Lehrern der Sekundarstufe I und II das Interesse an dem Studienfach im Vordergrund, zu dem man während der Schulzeit eine besondere Affinität hatte. Die spätere Tätigkeit als Lehrer - die zu einem erheblichen Teil aus Erziehungsaufgaben und Organisation, aber auch aus der Aufbereitung von Informationen und zum Teil mühseligen Wiederholungen besteht - wird systematisch ausgeblendet. Dieses gilt auch für das Lehramtsstudium. Abgesehen von marginalen Unterrichtspraktika, die nicht unter Ernstbedingungen, sondern unter Aufsicht stattfinden, gibt es keine Begegnung mit einer belastungsintensiven Berufstätigkeit. Sodann versagt das Selektionssystem am Ende des Studiums. Das erste Staatsexamen konzentriert sich auf eine Prüfung der Kompetenz im Unterrichtsfach, und selbst in den so genannten Berufswissenschaften werden nur Theorien zu Erziehung, Schule und Unterricht geprüft, die entsprechende Handlungskompetenz jedoch nicht betrachtet.
Anders auch als bei den Vertretern vieler anderer Berufe gibt es keine kontinuierliche Überprüfung der Berufsfähigkeit, geschweige denn, dass eine professionelle Weiterbildung durchgesetzt würde.

Was ist ein professioneller Lehrer?

Projiziert man landläufige Merkmale der Professionalitätsforschung auf den Lehrerberuf, dann ergäbe sich, wie Lenzen meint, eine Charakterisierung des professionellen Lehrers, die unter anderem folgende Kriterien aufweist:
o Ein professioneller Lehrer wählt seinen Beruf primär in Hinblick auf die Berufstätigkeit, in zweiter Linie aufgrund des Fachinteresses oder aufgrund von Arbeitsmarktbedingungen.
o Er hat ein mehrfaches Selektionsverfahren und eine professionelle, berufsbezogene Ausbildung hinter sich gebracht.
o Er nimmt regelmäßig an Fortbildungsveranstaltungen teil und befindet sich deshalb auf dem jeweils gültigen Stand fachlicher und berufswissenschaftlicher Forschung, deren Resultate in das berufliche Handeln umgesetzt werden.
o Er hält angemessene Distanz zu Schülern und Eltern.
o Er erwartet ein angemessenes Feedback über seine Arbeitsqualität von den Dienstvorgesetzten.
o Er verfügt über die Fähigkeit, gültiges Wissen bei den Schülern entstehen zu lassen und dieses auch begründen zu können.
o Er verfügt über technisch kontrolliertes Regelwissen des Unterrichtens und des Erziehens.
o Er übt seinen Beruf souverän aus, das heißt, er bestimmt selbst den Ausnahmezustand, gegebenenfalls auch mit direktiven Mitteln.
o Er ist konflikt- und teamfähig.
o Er hat eine optimistische Grundeinstellung.
o Er definiert klare Unterrichtsziele und führt einen klar strukturierten Unterricht durch.

Die vollständige Checkliste kann man in UNIVERSITAS 5/2003 nachlesen. Ein kostenloses Probeabonnement (zwei Hefte) ist erhältlich beim S. Hirzel Verlag, Redaktion UNIVERSITAS, Dirk Katzschmann, Birkenwaldstr. 44, 70191 Stuttgart, Tel.: 0711 / 2582-240, E-Mail: universitas@hirzel.de

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Dieter Lenzen, Tel.: 030 / 838-73111, E-Mail: vp1@zedat.fu-berlin.de