Chinas Wachstum wirtschaftsgeschichtlich gesehen

07.12.2009 - (idw) Eberhard Karls Universität Tübingen

Forscher analysieren Zusammenhang von Bildung, Volkseinkommen und Wachstumspotential

In einem wirtschaftsgeschichtlichen Forschungsprojekt zum Wachstumspotential in China ist der Tübinger Volkswirt Jörg Baten gemeinsam mit Qing Wang (Universität Tübingen), Debin Ma (London School of Economics) und Stephen Morgan (Nottingham University) zu überraschenden Erkenntnissen gelangt. In einer Untersuchung der chinesischen Bevölkerung und ihrer Eliten zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert ermittelten die Forscher, dass das Bildungsniveau zu dieser Zeit trotz des niedrigen Lebensstandards relativ hoch war und damit günstige Wachstumsvoraussetzungen bot. Insbesondere die Fähigkeit, mit Zahlen umzugehen, die so genannte "Numeracy", war gut ausgeprägt.

Zur Schätzung der Numeracy wird der Anteil der Bevölkerung berechnet, die ihr Alter genau angeben können. Diese Methode basiert auf der Tendenz von Menschen mit geringem Bildungsgrad, ihr Alter auf Zehner- oder Fünferstellen zu runden. Sie sagen beispielsweise häufiger "Ich bin 40", wenn sie tatsächlich 39 oder 41 sind. Der Vorteil dieser Methode liegt in der Verfügbarkeit der entsprechenden Daten, während systematische Quellen für Alphabetisierung und andere Bildungsindikatoren in China kaum vorhanden sind. Länder, in denen Rundungskennziffern hoch sind, schneiden auch bei anderen Bildungsindikatoren schlecht ab. So können die numerischen Fähigkeiten einer Bevölkerung verglichen werden, die für technische oder kaufmännische Tätigkeiten eine große Rolle spielen. Demnach ist der Numeracy-Wert für China im 19. Jahrhundert etwa vergleichbar mit dem von Polen oder Irland, während Länder mit ähnlichem Volkseinkommen wie China deutlich schlechter abschnitten.

Zu einer ähnlichen Feststellung kam Jörg Baten zusammen mit Jan Luiten van Zanden von der Universität Utrecht, mit dem er die Buchproduktion im China des 18. Jahrhunderts in Relation zum Volkseinkommen untersuchte. Während in zahlreichen Ländern ein enger Zusammenhang zwischen diesen Größen besteht, liegt Chinas Buchproduktion etwa auf gleicher Höhe mit der Japans und Russlands, das Wachstum des chinesischen Volkseinkommens jedoch fällt im Vergleich stark ab und ist von 1820 bis 1913 fast negativ. Dies ist deshalb so ungewöhnlich, weil die Buchproduktion sich wie die Numeracy als zuverlässiger Indikator für das Bildungsniveau erwiesen hat. Das wiederum wirkte für nahezu alle Staaten im 18. Jahrhundert als entscheidender Faktor für die erfolgreiche Industrialisierung und folgende wirtschaftliche Entwicklung. Bei den Diskussionen um Chinas rasantes Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte wird die Tatsache außer Acht gelassen, dass Chinas Pro-Kopf-Einkommen das unserige schon längst eingeholt hätte, wenn die zahlreichen Kriege und Bürgerkriege des frühen 20. Jahrhunderts die Entwicklung des Landes nicht so stark zurückgeworfen hätten.
Als Erklärung für das allgemein hohe Bildungsniveau in China zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert könnten die hoch angesehenen Beamten-Prüfungen angeführt werden, um die sich Menschen aus weiten Teilen der Bevölkerung bemühten. Dazu kam die weite Verbreitung des Abakus und arithmetischer Textbücher, die rechnerische Fähigkeiten förderten. Außerdem trug die Faszination für Astrologie zur Numeracy der chinesischen Bevölkerung bei.

Kontakt:

Prof. Dr. Jörg Baten
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Abteilung für Wirtschaftsgeschichte
Mohlstr. 36
72074 Tübingen
T. (07071) 29-72985
E-Mail: joerg.baten[at]uni-tuebingen.de