Der humanitäre Raum in Gefahr: RUB-Publikation über Krisenhilfe zwischen Unparteilichkeit und Politik

27.05.2010 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Der humanitäre Raum ist in Gefahr: Damit Hilfsorganisationen unparteilich und unabhängig menschliches Leid lindern und Leben retten können, müssen sie frei von politischen oder militärischen Zwängen arbeiten können. Doch aktuelle Entwicklungen bedrohen diesen humanitären Raum und schränken ihn ein von Afghanistan und Nepal bis in den Sudan und Kongo. Eine Bestandsaufnahme der humanitären Hilfe bietet der soeben erschienene Sammelband Humanitaire Ruimte tussen Onpartijdigheid en Politiek (Humanitärer Raum zwischen Unparteilichkeit und Politik), herausgegeben vom RUB-Konfliktforscher Prof. Dr. Dennis Dijkzeul und von Joost Herman. Bochum, 27.5.2010
Nr. 166

Der humanitäre Raum in Gefahr
Krisenhilfe zwischen Unparteilichkeit und Politik
RUB-Publikation zeichnet lebendiges Bild der humanitären Hilfe

Der humanitäre Raum ist in Gefahr: Damit Hilfsorganisationen unparteilich und unabhängig menschliches Leid lindern und Leben retten können, müssen sie frei von politischen oder militärischen Zwängen arbeiten können. Doch aktuelle Entwicklungen bedrohen diesen humanitären Raum und schränken ihn ein von Afghanistan und Nepal bis in den Sudan und Kongo. Eine Bestandsaufnahme der humanitären Hilfe bietet der soeben erschienene Sammelband Humanitaire Ruimte tussen Onpartijdigheid en Politiek (Humanitärer Raum zwischen Unparteilichkeit und Politik), herausgegeben vom RUB-Konfliktforscher Prof. Dr. Dennis Dijkzeul und von Joost Herman. 12 niederländischsprachige Autoren aus sechs Ländern zeichnen darin ein lebendiges und plastisches Bild heutiger humanitärer Hilfe, von ihren Bedrohungen und Chancen.

Bedrohung für die Helfer

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die humanitäre Hilfe für Opfer von Naturkatastrophen und Gewalt einen beachtlichen Höhenflug erfahren, so Herausgeber Dijkzeul vom Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der RUB. Hilfsorganisationen konnten in den vergangenen 20 Jahren Maßnahmen im Umfang vieler Milliarden Euro realisieren um notleidenden Bevölkerungsgruppen zu helfen so wurden z. B. im Jahr 2008 insgesamt 18 Milliarden US-Dollar mobilisiert. Von ungestörter Neutralität und unparteilicher Hilfe ist jedoch oftmals keine Rede mehr, heißt es in dem Band: Regierungen setzen immer häufiger ihr Militär für politisch-humanitäre Aufgaben ein oder verbinden direkte politische Ziele mit der Hilfe, die sie finanzieren. Konfliktparteien missbrauchen Hilfsgüter, erpressen Hilfsorganisationen und töten sogar Hilfeleistende. Der Humanitäre Raum wird heutzutage öfter durch diese Formen der Militarisierung und Politisierung eingeschränkt, sagt Prof. Dijkzeul. So ziehen sich Hilfsorganisationen beispielsweise in Afghanistan und Irak zurück und auch die Sicherheit von Flüchtlingen und Binnenflüchtlingen ist unter diesen Umständen nur schwer zu gewährleisten.

Mögliche andere Ziele

Es ist auch noch nicht eindeutig geklärt, inwiefern humanitäre Organisationen selbst noch andere Ziele verfolgen etwa finanziellen Zugewinn oder eine stärkere Medienpräsenz, so der Herausgeber. Außerdem stelle sich die Frage, ob Friedensmissionen, Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte überhaupt erfolgreich mit humanitärer Hilfe kombiniert werden können. Empirische Forschung findet in diesen Kontexten eher selten statt. Wie genau der humanitäre Raum eingeschränkt wird oder wie die Möglichkeiten aussehen, um ihn zu vergrößern, untersuchen die Autoren in ihren Beiträgen. Um die fundamentalen Bedrohungen und Chancen des humanitären Raumes darzustellen, wird dieser aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet: Was war und ist genau ein humanitärer Raum? Gelten die humanitären Prinzipien noch immer? Wie wägt man ab zwischen Unparteilichkeit und der Notwendigkeit, politische Unterstützung von Regierungen zu erhalten oder verliert der humanitäre Raum dann seinen Wert?

Analysen, Fallstudien, Empfehlungen

Das Buch besteht aus drei Teilen: der erste enthält eine politisch-ökonomische, eine juristische, eine anthropologische und eine Management-Analyse; im zweiten Teil geht es um Fallstudien sowohl zum Kongo, Sudan und zu Nepal als auch zur zivil-militärischen Zusammenarbeit in Afghanistan, zum niederländischen Militär in Uruzgan und zu islamitischen Organisationen in Zentralasien und Afghanistan. Der abschließende Teil trägt zur Theoriebildung bei; zudem geben die Autoren konkrete Empfehlungen, wie Hilfsorganisationen den humanitären Raum vergrößern können. Wichtig hierbei ist, die Strategien der Konfliktparteien und die Überlebensstrategien der lokalen Bevölkerung zu verstehen.

Ein Beispiel: Kongo und Sudan

Eine kleine Zahl humanitärer Organisationen im Kongo und Sudan interpretiert das Prinzip der Neutralität zum Beispiel sehr aktiv: Sie stellen auf eine transparente Weise Kontakt mit allen Konfliktparteien her. Im Laufe der Zeit konnten sie das Misstrauen bei mehreren Konfliktparteien abbauen und auf diesem Wege Hilfe auf allen Seiten leisten. Weiterhin war es entscheidend, die lokalen Bedürfnisse sehr gut zu kennen (Unparteilichkeit). In manchen Fällen wagten es die Konfliktparteien nicht, der Bevölkerung die Hilfeleistungen zu versagen. Oft spielen auch kompetente lokale Mitarbeiter mit weitreichenden Kenntnissen über den politischen und ökonomischen Kontext eine positive Rolle bei Verhandlungen mit Kriegsparteien, z. B. an Straßensperren. Am Ende sollten die humanitären Organisationen auch in der Lage sein Rechenschaft abzulegen. Auf diese Weise gewinnen sie das Vertrauen der Kriegsparteien und der lokalen Bevölkerung.

Normative Standpunkte

Die Autoren kritisieren nicht nur Geldgeberregierungen, das Militär oder Kriegsherren, sondern zeigen auch, wie humanitäre Organisationen selbst ebenso wie viele Wissenschaftler die Ergebnisse empirischer Forschung durch ihre normativen Standpunkte vorwegnehmen und beeinflussen. Das Buch verdeutlicht darüber hinaus, wie wichtig lokale Hilfe ist und dass die Rolle der religiösen Organisationen, insbesondere islamitischer, zunimmt.

Bochum international

Obwohl Englisch die vorherrschende Wissenschaftssprache ist, haben die Herausgeber Dijkzeul und Herman den Band bewusst auf Niederländisch veröffentlicht. Die Tatsache, dass dieses Buch von einem Wissenschaftler der Ruhr-Universität herausgegeben worden ist, spricht für die Internationalisierung und Diversität der Bochumer Uni, so Dijkzeul. Die Beiträge stammen von Wissenschaftlern, die neben ihrer Forschung auch praktische Erfahrung haben und in den Niederlanden, in Belgien, New York, Dublin, Oxford und Bochum arbeiten.

Titelaufnahme

Dijkzeul, Dennis / Herman, Joost (red.): Humanitaire Ruimte: Tussen Onpartijdigheid en Politiek. Gent: Academia Press 2010. ISBN: 978-90-382-1559-4. 24,50 Euro.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Dennis Dijkzeul, Professor für Organisations- und Konfliktforschung, Fakultät für Sozialwissenschaft, und Geschäftsführer des Instituts für Friedensicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der RUB, Tel. 0234/32-27932, E-Mail: dennis.dijkzeul@rub.de

Redaktion: Jens Wylkop