Hilft Spiritualität im Umgang mit Krankheit?

02.09.2010 - (idw) Private Universität Witten/Herdecke gGmbH

Tagung am 9./10. September 2010 erörtert Forschung über Spiritualität und deren Relevanz für Gesundheit Wer chronisch krank wird und dadurch manchmal auch schwere Einschränkungen im Leben hinnehmen muss, der fängt an, sein Leben neu zu organisieren, setzt neue Prioritäten und bewertet bestimmte Dinge in seinem Leben vielleicht auch anders als früher. In diesem Prozess taucht bei vielen auch die Frage nach Religion, Spiritualität, "einer anderen Welt jenseits dieser Welt" auf. "Viele Patienten sind sehr fest davon überzeugt, dass ihr Glaube für sie hilfreich bei der Krankheitsbewältigung ist. Das hilft den Patienten, ist aber im Klinikalltag für Ärzte und Pflegende oft eine Überforderung. Sie fühlen sich für solche Fragen nicht zuständig", erklärt Tagungsleiter Prof. Dr. Arndt Büssing, den Anfang der Idee zu dieser Tagung. Dennoch: Bei der Bewältigung solcher Umbrüche im Leben kann Spiritualität oder Religiosität das Selbstwertgefühl des Kranken unterstützen, seinem Leben Sinn und Bedeutung geben sowie emotionalen Trost und Hoffnung. Für manche eröffnet sich so ein neuer Bezugsrahmen, der über die bloße physische Begrenzung hinausweist und ihnen so Halt und Bedeutung, auch trotz einer bestehenden Krankheitssymptomatik gibt. Denn auch nach der Abkehr von der kirchlichen Religiosität bleibt für viele Patienten ein spirituelles Grundbedürfnis, das seinen Ausdruck sucht, aber gerade im Krankheitsfall nicht immer einen Adressaten findet.

Und tatsächlich: Es gibt in der Literatur zunehmend Hinweise, dass bestimmte Formen einer spirituellen Praxis oder bestimmte Haltungen und Einstellungen einen günstigen Einfluss auf den Krankheitsumgang und sogar auf den Krankheitsverlauf haben können. "Das heißt nicht, dass der Glaube wie ein Medikament verschrieben werden sollte oder könnte, aber wir versuchen die Bedingungen zu verstehen, die zu günstigeren Krankheitsverläufen führen können. Als Ärzte kann uns dies helfen, Menschen zu befähigen, sich (wieder) als mitten im Leben stehend wahrzunehmen - auch, wenn vielleicht die Krankheitssymptome weiter bestehen mögen. Diese Haltung hat nichts mit einer resignierenden Akzeptanz zu tun", erläutert Büssing die Gewichtung. Ob die Ergebnisse der zumeist amerikanischen Studien tatsächlich auf Europa und Deutschland übertragbar sind, will die Tagung kritisch hinterfragen. Daher geht es auch darum, zu erkunden, welche Aspekte der Spiritualität bei unseren Patienten wichtig sind und welche Beziehungen zu Gesundheit und Krankheitsumgang tatsächlich zu finden sind. In Workshops werden aktuelle Projekte aus der Grundlagen- und der Versorgungsforschungsforschung vorgestellt (z.B. Studien zu den spirituellen Bedürfnissen chronisch Kranker, psychophysiologische Erkenntnisse zu verschiedenen Bewusstseinszuständen, geplante Studien zum Einfluss des Yoga bei Tumorpatienten, u.a.), aber auch neue Ausbildungs-Konzepte und Lehrangebote. In Plenarvorträgen werden u.a. "Grundzüge einer westlichen Spiritualität" sowie "Grundzüge einer christlichen Spiritualität zwischen Ethik und Genetik" erörtert und das populäre Konzept einer "Integralen oder kultursensiblen Heilkunde" kritisch hinterfragt.

Um diese Aspekte zu erforschen, schlossen sich vor drei Jahren ca. 70 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in der "Transdisziplinären Arbeitsgruppe Spiritualität und Krankheitsumgang (TASK)" zusammen. Deren dritte Tagung findet nun auf Einladung der mitbegründenden Universität Witten/Herdecke am 9./10. September 2010 an die Universität Witten/Herdecke statt. Die Tagung richtet sich an wissenschaftlich interessierte Ärzte, Pflegende, Psychologen und Soziologen.

Im Frühjahr 2011 erscheint im Springer-Verlag das Buch "Spiritualität transdisziplinär. Wissenschaftliche Grundlagen im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit", mit beachtenswerten Beiträgen der Referenten der ersten beiden Tagungen. Es soll zur weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einer in unserem Gesundheitssystem vernachlässigten Thematik anregen und zu einer eigenständigen, durchaus kritischen (europäischen) Perspektive führen.

Weitere Informationen bei Prof. Dr. Arndt Büssing, Tel.: +49 (0)2330 / 62 3246, Arndt.Buessing (at) uni-wh.de