Capsaicin-Forschung: Wenn die Hitzeschwelle sinkt

29.07.2003 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Eigentlich wird die Zentrale falsch informiert. "Verbrennungsgefahr!", besagt die Meldung. "Hier ist es unerträglich heiß!" Tatsächlich herrscht nicht mehr als normale Körperwärme, vielleicht sogar nur Raumtemperatur. Um Fehlalarm handelt es sich trotzdem nicht. Zwar bringt keine heiße Herdplatte oder offene Flamme den Organismus in Gefahr; dennoch ist er bedroht, und das Gehirn interpretiert das Signal korrekt als generelle Warnung. An der Universität Erlangen-Nürnberg verfolgen drei Arbeitsgruppen im Detail, wie Hitzeempfindlichkeit in der Schmerzwahrnehmung zum Vielzweck-Werkzeug wird. Ein Pharmakologe aus Ungarn, Professor Nikolaus Jancso, hatte als Erster den Weg dazu gewiesen.


Prof. Reeh an der Arbeit mit seinem Haut-Nerven-Präparat. Die Untersuchungen sind im Sonderforschungsbereich "Pathogenese der Schmerzentstehung und Schmerzbehandlung" angesiedelt. Prof. Dr. Michaela Kress leitet eine Arbeitsgruppe, in welcher der so genannte Transduktionsmechanismus der Sensibilisierung analysiert wird. Damit ist der gesamte Ablauf von der Bindung an den Rezeptor über die dadurch ausgelöste Kaskade zellbiologischer Prozesse bis zum "Feuern" der Nervenzelle gemeint. Prof. Kress wird nur noch bis Herbst 2003 in Erlangen bleiben, denn sie hat den Ruf auf einen Physiologie-Lehrstuhl in Innsbruck angenommen. Ein Emmy-Noether-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht Dr. Carla Nau die Erforschung der Feinstruktur des Rezeptorproteins. Gezielte Mutationen tauschen abwechselnd jede einzelne der eingebauten Aminosäuren aus, damit deren Funktion bis ins kleinste nachvollziehbar wird. Prof. Reeh und seine Mitarbeiter, darunter eine HWP-Stipendiatin, studieren an Hand von Nervenzellpräparaten die Rolle des Capsaicin-Rezeptors als Auslöser von Schmerz.

Für sie alle gilt trotz unterschiedlicher Ansätze und Methoden dasselbe Fernziel: die Alarmglocke abzuschalten, die unentwegt weiter schrillt, obwohl der Schaden den Nutzen längst überwiegt; das bedeutet: herauszufinden, wie und wo die Kette zu unterbrechen ist, die den Mechanismus bei chronischen Schmerzen in Gang hält. Die bis zu 12 Jahre, die den Arbeitsgruppen in einem Sonderforschungsbereich an Zeit gegeben werden, sind bei der Langwierigkeit der Untersuchungen voll ausgefüllt. Sie werden in der Hoffnung investiert, dass es eines Tages gelingt, dafür zu sorgen, dass es schmerzempfindlichen Nervenzellen nicht mehr unnötig heiß wird.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Peter Reeh
Institut für Physiologie und Experimentelle Pathophysiologie
Tel.: 09131/85 -22228
reeh@physiologie1.uni-erlangen.de