Nomaden - 5.000 Jahre brisante Begegnungen

08.03.2011 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mit einer umfangreichen Ausstellung im Museum für Völkerkunde Hamburg wird der DFG-Sonderforschungsbereich 586 Differenz und Integration ab 17. November 2011 Einblicke in seine über zehnjährige Forschungsarbeit bieten. In der Ausstellung zeigen Archäologen, Ethnologen, Geographen, Historiker und Orientwissenschaftler der am SFB beteiligten Institutionen (Universität Leipzig, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Länderkunde, Helmholtz Institut und MPI für Ethnologische Forschung) die Vielfalt nomadischer Lebenswelten sowie die Interaktionen zwischen nomadischen und sesshaften Gesellschaften. Die interdisziplinäre Betrachtung eines Zeitraums von über 5.000 Jahren in einer regionalen Breite von Marokko bis Tibet und Sibirien eröffnet zahlreiche Forschungsperspektiven auf nomadische Lebensweisen und die Interaktion mit Sesshaften. Die Art der Präsentation soll dem Gedanken des Nomadischen entsprechen. Die Besucher wandern durch das Haus und erleben das Thema in seiner Flexibilität und in seiner Grundbedingung, der Mobilität, erklärt Prof. Dr. Annegret Nippa, Projektleiterin für die Ausstellung und amtierende Direktorin des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig. Gemeinsam mit Dr. Andreea Bretan, wissenschaftliche Mitarbeiterin am gleichen Institut und Mitarbeitern des Hamburger Museums für Völkerkunde, kuratiert sie die Ausstellung des SFB 586.

Eine Besonderheit der Ausstellung wird sein, dass sie sich im ganzen Museum, auch innerhalb der Dauerausstellungsräume, auf annähernd 1.000 Quadratmetern verteilt: Damit können wir dem Besucher die enge Verflechtung mit den bekannten (sesshaften) Kulturen nahebringen, meint Prof. Dr. Wulf Köpke, Direktor des Hamburger Museums für Völkerkunde. Zum Beispiel werden die sogenannten Niltal-Zigeuner vorgestellt, über die Prof. Dr. Bernhard Streck, einer der Gründer des SFBs, geforscht hat, und von denen das Hamburger Museum eine umfangreiche Sammlung besitzt.

In vier großen Themenblöcken erzählt die Ausstellung von vielfältigen Spannungen zwischen nomadischen und sesshaften Menschen, zwischen verschiedenen Kulturen, Wirtschaftsweisen und politischen Strukturen, eben von Brisanten Begegnungen.

Differenz und Integration: Migranten, Jobnomaden, Kunstnomaden

Wichtig ist den Machern der Ausstellung der enge Bezug zu gesellschaftlichen Fragen unserer Gegenwart: Wir wollen die direkte Verbindung zu den entsprechenden aktuellen Diskursen in unserer Gesellschaft aufzeigen, so Prof. Nippa. Sowohl die Bezeichnung Jobnomaden als auch die Identifikation vieler zeitgenössischer Künstler mit Nomaden weist auf die Wichtigkeit hin, in unserer Gesellschaft mobil und flexibel zu sein. Anhand von Beispielen wie der Verleihung des Römischen Bürgerrechts an Nomaden wird deutlich, dass die aktuelle Debatte um Migration und Integration kein Phänomen der Neuzeit ist: Schon immer hat das Fremde existiert, schon immer waren Gesellschaften aus vielfältigen Kulturen und Lebensweisen zusammengesetzt, die Differenz und Integration ständig neu aushandeln mussten.

Ergänzt wird die kulturhistorische Reflexion über die Wahrnehmung von Nomaden durch eine zeitgleich im Museum stattfindende Kunstausstellung mit dem Titel Imaginationen des Nomadischen. Dazu der Kunstkritiker und Kurator Peter Herbstreuth: Seit Beuys kann man eine zunehmende Beschäftigung von Künstlern mit der Idee des Nomadischen feststellen als eine alternative Lebensform, mit der sich Künstler identifizieren, aber auch in der wandernden Aneignung des Raumes als eine Methode der Kunstproduktion. Die Ausstellung wird daher die Fantasien, Analogien und Metaphern kurz: das Imaginäre von zeitgenössischen bildenden Künstlern exemplarisch erhellen.

Auch das vielfältige Rahmenprogramm zur Ausstellung wird die Aktualität des Themas widerspiegeln: ein samisches Tanztheater sucht traditionelle Wurzeln mit postmoderner Bewegungskunst zu verbinden, eine Filmreihe in einem Hamburger Programmkino zeigt Nomadenfilme von der Stummfilmzeit bis in die neueste Gegenwart. Vorträge und Lesungen von SFB-Wissenschaftlern und Gästen runden das Programm ab.

Austausch und Handel

Das wichtigste Feld, auf dem die Interaktion zwischen Nomaden und Sesshaften stattfindet, ist seit Urzeiten der Handel. Zu diesem Thema soll die enge Verschränkung von sesshafter und nomadischer Wirtschaftsweise aufgezeigt werden. Nomaden waren schon im Alten Ägypten, in Mesopotamien und im Perserreich als Kuriere beschäftigt; sie verfügten über die nötigen Lasttiere (Esel und später Kamele) und führten Karawanen mit Pilgerreisenden und Händlern. Sie versorgten die städtischen Zentren mit Milchprodukten, Fleisch, Wollwaren und Luxusgütern. Auf der anderen Seite bezogen sie von den Märkten der Sesshaften all die Produkte, die sie selbst nicht herstellten: Getreide, Schmiede- und Holzgegenstände, Zucker und Tee. Diese komplementäre Beziehung ist bis in die heutige Zeit und für alle untersuchten Gebiete gültig.

Natur und Tier - Arbeit und Produkt

In einem weiteren Schwerpunkt geht es um die Grundlage nomadischer Wirtschaftsweise, um Tiere und Landschaften, die für nomadische Gesellschaften bedeutsam sind. Arbeitsschritte wie die Herstellung von Butter und Käse, das Weben von Teppichen oder das Recycling von Eisenschrott werden visualisiert und in Zusammenarbeit mit der Museumspädagogik des Hauses nachvollziehbar gemacht.

Neben der praktischen Arbeit zeigt die Ausstellung, dass Mensch-Umwelt-Beziehungen nicht nur ökonomische, sondern auch religiöse und poetische Aspekte betreffen: Die Natur als existentieller ,Partner wird in manchen Gebieten als belebt gedacht, als Akteur, der menschliches Planen befördern, aber auch vereiteln kann. Unerlässlich ist für Nomaden daher ein präzises Wissen über Orte, Pflanzen, Jahreszeiten, Krankheiten und nicht zuletzt Menschenkenntnis, erklärt Dr. Andreea Bretan. Entgegen der unter Sesshaften verbreiteten Vorstellung, dass Nomaden ungebildet und ignorant seien, zeigen die Beispiele aus der Forschung des SFB ein profundes Wissen der Menschen über ihre Lebensumwelt. Dieses Wissen widerspiegelt sich auch in nomadischen Ordnungsprinzipien: Die kosmologische Ordnungsvorstellung der Mongolen wird am Aufbau ihrer Jurten erklärt; die soziale Ordnung der syrischen Beduinen anhand ihrer Stammbäume.

Herrschaft und Kontrolle

Dieser Themenkomplex zeigt, dass die Geschichte nomadischer und sesshafter Interaktion immer auch eine Geschichte von Machtdemonstration, widerstreitenden Interessen und Konflikten war. Karten und interaktive Grafiken veranschaulichen zum Beispiel jene Raumordnungsprinzipien, durch die sich das Römische Reich über Jahrhunderte erfolgreich im nomadischen Nordafrika etablieren konnte. In allen untersuchten Regionen und Zeiten finden wir Beispiele für die Ausbildung von Herrschaftstechniken, mit denen Zentralstaaten Nomaden unterwarfen beziehungsweise integrierten. Unter erschwerten Bedingungen ist auch der Krieg eine der möglichen Begegnungsformen.

Da die Ausstellung Ergebnisse einer langen, interdisziplinären Forschungsarbeit vorstellt, sind die Arbeitsweisen der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen für den Besucher aufschlussreich. Im Themenblock Quellen der Forschung werden die gezeigten Objekte in ihren Fund- und Arbeitskontext eingeordnet. Dabei handelt es sich um Quellen, die aus Grabungen, Archiven, empirischen Untersuchungen, statistischen Erhebungen, naturwissenschaftlichen Analysen stammen oder ermittelt wurden.

Zur Ausstellung sollen zwei Kataloge erscheinen: ein Essayband sowie ein Lexikon des Nomadismus, der zentrale Begriffe der Ausstellung und der Forschung des SFB aufnehmen wird; zur Kunstausstellung Imaginationen des Nomadischen erscheint außerdem ein Begleitheft.

Ausstellungsort:
Museum für Völkerkunde Hamburg, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg

Ausstellungseröffnung am 17. November 2011

Ansprechpartner:
Projektleiterin &