Eine moralische Institution in der Krise: Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspie

28.03.2011 - (idw) Ludwig-Maximilians-Universität München

Gefühlsgeschwätz, antibürgerliche Distanzlosigkeit und moralisierender Dauerappell: Er vermisse die geistliche Strahlkraft der Kirchen, beklagt Friedrich Wilhelm Graf in dem gerade erschienenen Buch Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen. Die Streitschrift sammelt kleinere Essays und kritische Diagnosen, die der LMU-Theologe in den letzten Jahren unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht hat. Graf bündelt seine kritische Analyse der Kirchen in sieben Untugenden, die er als tief liegende Ursachen der gegenwärtigen Kirchenkrise sieht. Als Todsünden möchte er die Untugenden ausdrücklich nicht verstanden haben, sondern sie vielmehr den sieben Kardinaltugenden der antiken humanistischen und christlichen Tradition gegenüberstellen: So mache etwa die weise Vernunft im kirchlichen Diskurs nun weitgehend einem dogmatischen Jargon und theologischer Sprachlosigkeit Platz. Die Tapferkeit dagegen weiche einer seichten Bildungsferne; die Gerechtigkeit einem selbstgerechten Moralismus. Selbst ein Mangel an Mäßigung sei nun zu beklagen, wenn sich etwa kirchliche Würdenträger an den demokratischen Institutionen vorbei politische Einspruchsrechte zuschrieben und damit der Demokratievergessenheit schuldig machten.

Nicht zuletzt die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung hätten mittlerweile einen schweren Stand: An ihrer Stelle machten sich Selbstherrlichkeit, Zukunftsverweigerung und Sozialpaternalismus breit. Niemand kennt den Preis, den eine freiheitliche Bürgergesellschaft auf lange Sicht zu zahlen hat, wenn ihre religiösen Institutionen und Organisationen erodieren, schreibt Graf, der an die protestantische Tradition theologischer Kirchenkritik anknüpfen möchte. Er dürfte sehr viel höher sein als von vielen vermutet, und deshalb bedarf es nun im Lande endlich einer politischen Debatte über Aufgabe und Zustand der Kirchen. Sie sind zu wichtig, als dass man sie ihren eigenen, wahrlich ,exzentrischen´ Funktionseliten überlassen darf. (suwe)

Publikation:
Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen
Friedrich Wilhelm Graf,
C. H. Beck Verlag, 191 Seiten
18. Februar 2011,
ISBN-13: 978-3406613791

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf
Evangelisch-Theologische Fakultät der LMU
Tel.: 089 / 2180 3573
Fax: 089 / 2180 2359
E-Mail: ethik@evtheol.uni-muenchen.de
Web: http://www.st.evtheol.uni-muenchen.de/personen/graf/index.html