Warum die Spree rückwärts fließt

26.08.2003 - (idw) Forschungsverbund Berlin e.V.


Wasserdargebot pro Einwohner in verschiedenen Flusseinzugsgebieten (in Kubikmeter des mittleren Wasserdurchflusses (MQ) pro Person und Tag). Dr. Martin Pusch vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erklärt ein seltenes Phänomen und seine Hintergründe

Flussaufwärts oder flussabwärts - normalerweise ist diese Frage eindeutig zu beantworten. Oben ist die Quelle, unten die Mündung. Und das Gewässer fließt eben stromabwärts. Doch im Fall der Spree gibt es Ausnahmen. Wie in diesem Jahr. "Wir haben beobachtet, dass die Spree in Köpenick rückwärts fließt", berichtet Dr. Martin Pusch vom Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei im Forschungsverbund Berlin e.V. Der Grund: Die Einleitung von gereinigtem Abwasser aus Klärwerken übersteigt die Zufuhr des normalen Spreewassers aus dem Oberlauf.

Der Wasserberg und die Algen
"Es entsteht gewissermaßen ein Wasserberg in der Stadt", veranschaulicht Dr. Pusch, "und das Wasser fließt dann zu beiden Seiten ab". Das heißt, auch dort, wo die Spree in der Stadt "normal" fließt - flussabwärts von den Klärwerkseinleitungen -, ist die Situation anders als sonst. Ursache der Fließbewegung ist nicht mehr das Gefälle zur Mündung in die Havel hin, sondern die Einleitung des Abwassers. In den "Abwasserfahnen" entwickeln sich nun in der Stadtspree Massenbestände giftiger Blaualgen.

Ursachen des Wassermangels
Hintergrund ist der extrem heiße und trockene Sommer. Die Spree ist auf einem historischen Tiefstand. Nur noch 2,5 Kubikmeter Spreewasser pro Sekunde fließen in die Stadt, wo eigentlich (nach einem zwischen Berlin und Brandenburg geschlossenen Vertrag) mindestens 8 Kubikmeter fließen müssten. Gleichzeitig wird weiterhin Trinkwasser indirekt aus dem von der Spree durchflossenen Großen Müggelsee gefördert, so dass für die Berliner Stadtspree kein Spreewasser mehr übrig bleibt.
Der Wassermangel der Spree hat aber nicht nur saisonale Ursachen. Vielmehr fehlt dem Fluss schon seit einigen Jahren das Wasser, das in den ehemaligen Bergbauregionen der Lausitz abgeleitet wird. Dort laufen die riesigen Tagebaulöcher voll. Und so kommt es eben dazu, dass die Spree stellenweise rückwärts fließt. "Das war das letzte Mal im Jahr 2000 der Fall", sagt Dr. Pusch. "Allerdings ist die Situation in diesem Jahr wesentlich dramatischer, da der Wassermangel bereits im Frühjahr begann."

Die Menge macht's
Zwar sei die Qualität der Abflüsse aus den Klärwerken recht hoch, sagt Pusch, doch selbst bei einer Reinigungsleistung von 98 Prozent bleiben eben 2 Prozent Verschmutzung übrig. Angesichts von rund 500 Millionen Liter Abwasser, die täglich in die Spree geleitet werden, ergebe sich daraus eine erhebliche Belastung. Da die Berliner Stadtspree nahezu still steht, wird das Abwasser darin auch kaum verdünnt. Zur Zeit besteht das Wasser der Stadtspree daher überwiegend aus gereinigtem Abwasser. "Vor allem, wenn diese Mischung in den Müggelsee zurückfließt, kann es dort zu Algenblüten kommen", warnt Dr. Pusch. Die extrem trockene Witterung verschärft das Problem zusätzlich.

Müggelsee als Grenze
Der von der Spree durchflossene Müggelsee stellt eine Art natürliche Grenze dar. Weiter zurück kommt das Abwasser nicht. Doch gerade in diesen See soll es auch nicht gelangen. Dr. Pusch: "Sonst reichert sich das Abwasser irgendwann dort so an, dass auch die Trinkwasserversorgung leidet." Der Müggelsee ist nämlich das sauberste Trinkwasserreservoir Berlins. Gefiltert durch den Boden wird das See- und Flusswasser als so genanntes Uferfiltrat gefördert. Diese Art von Grundwasserversorgung hat sich bisher durch eine sehr hohe Wasserqualität ausgezeichnet. Doch die Gewässerökologen fürchten, dass durch die Trockenheit und die Einleitungen von Abwasser das natürliche Filtersystem an seine Grenzen gelangen könne. Von der Badewasserqualität ganz zu schweigen.
Berlin, die an Wasserressourcen ärmste Großstadt Deutschlands
Generell ist die Region Berlin-Brandenburg mit ca. 550 Litern Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr die abflussärmste Deutschlands. Konkret bedeutet dies, dass für einen Einwohner des Spreegebiets nur ein Viertel der Wasserressourcen zur Verfügung steht, die für einen Einwohner anderer Flussgebiete zur Verfügung stehen (siehe Abbildung). Für Einwohner des wasserreichen Rheingebiets steht sogar achtmal soviel Wasser zur Verfügung. Dies steht zwar in einem scheinbaren Widerspruch zu der Vielzahl an Seen in und um Berlin. Allerdings, so erläutert Dr. Pusch vom IGB, sei deren Wassererneuerung sehr langsam. "Daher werden in Berlin für die Trinkwasserversorgung nicht Grundwasserleiter genutzt, sie würden sich zu langsam erneuern." Daher gewinnen die Berliner Wasserbetriebe (BWB) 75 Prozent des Trinkwassers Berlins (durch sogenannte Uferfiltration und aktive Grundwasseranreicherung) indirekt vor allem aus der Spree (vgl. Fachinfo der BWB unter http://www.wasserforschung-berlin.de/schrift/band6/6-hei.pdf, S. 3). Nur 25 Prozent der Trinkwasserressourcen beruhen auf natürlicher Grundwasserneubildung.

Wasserknappheit erfordert Kreislaufnutzung gereinigten Abwassers
Aufgrund der aktuell geringen Wassermenge in der Spree und ihren Zuflüssen besteht laut Dr. Pusch aktuell eine Wasserknappheit in Berlin. "Zur Zeit nutzen die Wasserwerke fast die gesamte zufließende Menge an Spreewasser. Insofern ist man an der Grenze der Wasserressourcen angelangt." Wegen der generellen Wasserknappheit haben die Berliner Wasserbetriebe daher in den westlichen Stadtbezirken schon seit Jahren eine teilweise Kreislaufführung des Wassers eingerichtet, das heißt eine Wiederaufbereitung des Abwassers zu Trinkwasser (nachzulesen in einer Veröffentlichung Berliner Wasserforscher; vgl. http://www.wasserforschung-berlin.de/schrift/band3/3-heinzm.pdf). Dr. Pusch warnt: "Dies ist wegen der Medikamenten-Rückstände im Abwasser nicht risikolos." In keiner anderen Großstadt Deutschlands sei man, wie in Berlin, gezwungen, Abwasser wieder zur Trinkwassergewinnung zu nutzen.

Umdenken in der Wasserwirtschaft gefordert
Infolge des Klimawandels stehen der Region Berlin-Brandenburg in Zukunft Trockenjahre wie das aktuelle häufiger bevor. Das geht unter anderem aus der Klimastudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung hervor (http://www.pik-potsdam.de/news/Brandenburgstudie_2003-c.pdf). Was ist also zu tun? "Wenn sich die aktuelle Situation nicht häufiger wiederholen soll", sagt Dr. Pusch, "dann muss im Spreegebiet in wasserreichen Zeiten mehr Wasser gespeichert werden." Dies bedeute, dass auch Hochwässer nicht möglichst schnell abgeleitet werden, sondern Überflutungen der Flussauen geduldet werden müssen, damit die Grundwasserleiter aufgefüllt werden können. Auch die vielerorts in Wald und Flur anzutreffenden Entwässerungsgräben müssten geschlossen werden oder zumindest mit regelbaren Stauwehren versehen werden. Insbesondere müssten auch die in der Vergangenheit ausgebauten Flussabschnitte der Spree renaturiert werden, damit der Wasserspiegel erhöht wird. Solche Maßnahmen sind bereits vom Landesumweltamt Brandenburg initiiert (vgl. http://www.brandenburg.de/land/mlur/w/lwh_kurz.pdf). "Ihre Umsetzung stößt aber vielerorts immer noch auf Widerstände", sagt Dr. Pusch.

Nähere Informationen: Dr. Martin Pusch, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Tel.: 030 / 6 41 81 - 685

Hintergrundliteratur: KÖHLER, GELBRECHT, PUSCH (Hrsg): Die Spree. Schweizerbart Verlag (vgl. http://www.schweizerbart.de/pubs/books/es/diespreeli-173001000-desc.html)

Das IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V. und ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Es betreibt multidisziplinäre Grundlagenforschung zur Struktur und Dynamik aquatischer Ökosysteme. Das IGB erarbeitet wissenschaftliche Grundlagen für neue Ökotechnologien, für nachhaltige Binnenfischerei und für ökotoxikologische bzw. -physiologische Bestimmungskriterien der Gewässergüte. Die Forschungen werden an Grundwasser, Seen, Flüssen und deren Einzugsgebieten überwiegend im nordostdeutschen Tiefland betrieben. Das Institut hat rund 170 Mitarbeiter und einen Etat von zirka elf Millionen Euro.

Das IGB im Internet: http://www.igb-berlin.de
Der Forschungsverbund Berlin e.V. (FVB) ist Träger von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Forschungsinstituten in Berlin, die alle wissenschaftlich eigenständig sind, aber im Rahmen einer einheitlichen Rechtspersönlichkeit gemeinsame Interessen wahrnehmen.
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