Vedische Texte und ihr Ursprung

14.06.2011 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Striche, Bögen, Kringel: Die fremde Schrift auf der linealförmig zugeschnittenen Birkenrinde sieht sehr kunstvoll aus. Hinter ihr verbergen sich uralte hinduistische Überlieferungen aus Indien. Erforscht werden die Texte in einem neuen Projekt am Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Würzburg. Der Begriff Veda (Wissen) bezeichnet jahrtausendealte religiöse Texte aus dem Hinduismus. Sie sind in Sanskrit verfasst und überliefern zum Beispiel Offenbarungen von Weisen, Gesänge, Opfer- und Zaubersprüche. Anfangs wurden die vedischen Texte ausschließlich mündlich weitergegeben. Zur Niederschrift kam es erst ab 1000 nach Christus.

Am Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Würzburg stehen der älteste der vedischen Texte, der Rigveda, und der zweitälteste, der Atharvaveda, im Mittelpunkt. Letzterer ist auf die Zeit um 1100 bis 800 vor Christus zu datieren. Er besteht vor allem aus Zaubersprüchen. Das sind zum Beispiel Formeln, die vor Schlangengift oder parasitischen Würmern schützen sollen, sagt Projektleiter Dr. Jeong-Soo Kim. Aber auch magische Sprüche für Frauen, die einen Mann suchen, und andere Beschwörungsformeln sind darin enthalten.

Historischer Sprachwechsel im Norden Indiens

Für die Zaubersprüche selbst interessieren sich die Würzburger Forscher nicht vorrangig. Wohl aber für die Entstehung des Atharvaveda: Für die Kulturgeschichte und die Sprachwissenschaft ist er von höchster Bedeutung, sagt Kim.

Der Grund dafür: Die Texte spiegeln einen historischen Sprachwechsel im Norden Indiens wider, der mit einem Halbnomadenvolk zusammenhängt, das sich selber die Arier nannte was wörtlich übersetzt "die Gastfreundlichen" bedeutet. Dieses Volk breitete sich vermutlich ab dem dritten Jahrtausend vor Christus von den Steppen südwestlich des Urals aus. Dabei spaltete es sich in einen indischen und einen iranischen Zweig auf. Der indische Zweig gelangte, von Nordwesten kommend, in die Gangesebene, und erreichte, dass die dort einheimische Bevölkerung die Sprache der Neuankömmlinge übernahm.

In dieser Zeit entstanden die Texte des Atharvaveda. Die Worte für Tiger und für Reis zum Beispiel kommen darin bereits vor, während sie in den älteren Rigveda-Texten noch nicht auftauchen weil die Halbnomaden vor der Einwanderung in die Gangesebene weder Tiger noch Reis zu Gesicht bekommen hatten. Man findet im Atharvaveda viele neue Wörter, die es in anderen Veda-Texten nicht gibt, besonders auch umgangssprachliche Formulierungen, so Kim.

Zwei Überlieferungsstränge mit Varianten

Die Überlieferungsgeschichte des Atharvaveda ist relativ kompliziert: Die Textsammlung liegt in zwei Überlieferungssträngen vor, die sich inhaltlich unterscheiden. Die bekanntere Shaunaka-Überlieferung ist gut erforscht, während das bei der so genannten Paippalada-Version noch nicht der Fall ist. Von letzterer wiederum gibt es zwei Varianten, die nach ihren Fundorten in den indischen Bundesstaaten Kaschmir und Orissa benannt sind.

Der Philologe Dipak Bhattacharya von der Universität Kalkutta edierte in den Jahren 1997 und 2008 einige bereits bekannte Orissa-Texte. Doch um die Jahrtausendwende tauchten dann neue Manuskripte aus dieser Linie auf: Arlo Griffiths von der Universität Jakarta, der damals in Leiden in den Niederlanden tätig war, machte sie bei Feldforschungen ausfindig und dokumentierte sie fotografisch.

Auf Anregung von Michael Witzel (Harvard), Arlo Griffiths, Thomas Zehnder (Zürich) und Alexander Lubotsky (Leiden) beschäftigen sich inzwischen einige Forscher mit den neu entdeckten Orissa-Texten. So auch der Würzburger Altertumswissenschaftler Jeong-Soo Kim. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert sein Projekt für drei Jahre.

Neuigkeiten aus Orissa-Texten erwartet

Viel Neues scheinen diese Orissa-Texte zu bergen zumindest die Bücher 8 und 9, mit denen Kim sich auseinandersetzt: Buch 8 besteht aus insgesamt 228 Strophen, und nach meinen ersten Einschätzungen kommt fast die Hälfte davon in anderen vedischen Texten nicht vor, so der Wissenschaftler. Sogar noch höher könne der Anteil bislang unbekannter Texte im Buch 9 ausfallen.

Die vedische Forschung steht vor der großen Aufgabe, durch den Vergleich der bekannten Textvarianten einen Archetyp der Paippalada-Schriften zu erschließen, erklärt Kim. Diese Urmutter der Handschriften zu rekonstruieren, sei philologisch gut machbar. Der Würzburger Sprachwissenschaftler will seinen Beitrag dazu leisten unter anderem durch metrische Analysen, die Übersetzung ins Deutsche, den Vergleich der Manuskripte in Form eines textkritischen Apparates und mit Kommentaren zu lautlichen und anderen Besonderheiten.

Kontakt

Dr. Jeong-Soo Kim, Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Würzburg, T (0931) 31-82825, jeong.kim@uni-wuerzburg.de