Doppelbilder - Zeichnungen zu Rilkes "Duineser Elegien"

05.11.2003 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Ausstellungseröffnung und Workshop am 12. November im Ernst-Haeckel-Haus der Universität Jena


Eines der Werke von Angela Breidbach aus der neuen Ausstellung im Ernst-Haeckel-Haus der Jenaer Universität. Jena (04.11.03) Rainer Maria Rilke lebt im Ernst-Haeckel-Haus der Universität Jena (Berggasse 7) auf. Dort wird am 12. November um 18.00 Uhr die Ausstellung "Doppelbilder - Zeichnungen zu Rilkes ,Duineser Elegien'" eröffnet. Gezeigt werden bis zum 30. Januar 2004 ca. 60 paarweise angeordnete farbige Studien der in Jena lebenden Künstlerin Angela Breidbach. Sie visualisiert nicht die Dinge, die Rilke in seinen Texten benennt. Breidbach schafft Kompositionen aus Figuren, deren Gestik sprechend ist, und Räumen mit konstruktiven und emotionalen Qualitäten.

Die Anordnung der Zeichnungen im Haeckel-Haus folgt dem Text von Rilkes "Duineser Elegien" chronologisch - aber entgegen der üblichen Leserichtung - von rechts nach links. Die Betrachter folgen den Blättern vom unteren Museumsraum durch das Treppenhaus bis in die erste Etage. Dies findet sich auch in den gezeichneten Blättern, wo die Worte Rilkes ebenfalls in umgekehrter Leserichtung, in Spiegelschrift, aufscheinen. In den vier Vitrinen im Obergeschoss des Museums finden sich dann Objekte und Figuren, die in Verbindung mit den Zeichnungen entstanden sind und deren Themen in greifbare, verspieltere Formen übertragen.

Der österreichische Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) hatte sich mit Paul Cézannes (1839-1906) Anschauungskonzept auseinandergesetzt. 1908 schrieb er von Paris aus die "Briefe über Cézanne" an seine Frau Clara Rilke. Über den französischen Impressionismus kannte Rilke die Rezeption der Wahrnehmungslehre um 1900. Hermann von Helmholtz´ "Handbuch der Physiologischen Optik" war 1867 sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache erschienen und es prägte die Anschauungskonzepte der Künstler dieser Zeit entscheidend. Diese Anschauungsmodelle greift Rilke auf und überträgt ihre Konzepte in Sprachbilder.

Die Zeichnungen Angela Breidbachs folgen den Ordnungen des Sehens und Wahrnehmens, die Rilke entwirft - und erfinden für sie Bilder. Dabei zeigen die Zeichnungen nicht, was diese Wahrnehmung sieht, sondern erfinden für das, was nicht sichtbar ist, räumliche Entsprechungen. Die Zeichnungen der 1960 in Aachen geborenen Künstlerin zeigen Figuren in Räumen. Deren Körper sind Träger eines Sehens, einer Wahrnehmung, eigener Empfindungen und räumlicher Ordnungen, in die sie ihre Bilder stellen. Innenräume werden in diesen Studien zu Außenräumen, Choreographien der Wahrnehmung verselbstständigen sich zu Landschaften.

Rilke hatte an seine Frau Clara nach Worpswede geschrieben: "Guten Eingang in Deinem klein-kleinen Atelier; das große, das ganzgroße, den Raum, hat man ja doch in sich." Dieser Raum hat Qualitäten und bindet die Welt in Ordnungsmuster, die zunächst optisch-physiologisch, im weiteren aber als Erinnerungsräume bezeichnet werden können. Den von Rilke in Sprachbildern choreographierten Qualitäten des Zustandekommens dieser Innenräume aus dem Angebot äußerer Wahrnehmungen spürt Angela Breidbach in ihren Zeichnungen nach. Nicht zufällig, denn 2001 schloss die Künstlerin in Basel bei Gottfried Boehm eine Dissertation zum Thema "Anschauungsraum bei Cézanne, Cézanne und Helmholtz" ab, die aktuell im Wilhelm Fink Verlag München erscheint. Die Zeichnungen zu Rilkes Elegien begleiteten diese Zeit intensiver Auseinandersetzung mit der Kunst- und Wissenschaftsgeschichte visueller Wahrnehmung um 1900.

Aus Anlass der Ausstellung veranstaltet das Ernst-Haeckel-Haus unter der Leitung von Professor Dr. Dr. Olaf Breidbach am Nachmittag des 12. November ab 15 Uhr einen Workshop zum Thema "Naturästhetik um 1900".

Interessierte sind zu Vernissage und Workshop herzlich eingeladen. Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 9-12 Uhr und von 13-16 Uhr geöffnet.

Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach
Institut für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaft - Ernst-Haeckel Haus der Universität Jena
Berggasse 7, 07745 Jena
Tel.: 03641 / 949500
Fax: 03641 / 949502
E-Mail: Olaf.Breidbach@uni-jena.de