Eine helfende Hand für Helfer

18.02.2004 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Psychologe der Universität Jena untersuchte Belastungen von Angehörigen Pflegebedürftiger


Hat in einer Meta-Studie untersucht, wie das Pflegen von Angehörigen die Helfer belastet: PD Dr. Martin Pinquart von der Universität Jena. (Foto: Scheere/FSU-Fotozentrum) Jena (16.02.04) Im Bundestag wird aktuell über die Reform der Pflegeversicherung debattiert. Trotz aller Differenzen steht eines außer Frage: Durch finanzielle Unterstützung soll erreicht werden, dass Angehörige verstärkt zu Hause pflegen, statt die Eltern oder den Lebenspartner ins Heim zu geben. Doch einen nahen Angehörigen zu pflegen ist für viele Helfer mit hohen emotionalen und auch körperlichen Belastungen verbunden - also alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

In Deutschland werden derzeit rund 900.000 ältere Menschen von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt - Tendenz steigend. "Viele fühlen sich in der Rolle des selbstlosen Helfers überfordert", weiß PD Dr. Martin Pinquart von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In Zusammenarbeit mit Silvia Sörensen von der Universität in Rochester (USA) hat der Entwicklungspsychologe in einer Meta-Analyse die Ergebnisse von über 700 internationalen Studien ausgewertet. Dabei wollten die Wissenschaftler vor allem Antworten auf zwei Fragen finden: Wie wirkt sich das Pflegen von Angehörigen auf das geistige und körperliche Wohlbefinden der Helfer aus? Und inwieweit kann die wahrgenommene Belastung durch unterstützende Maßnahmen verringert werden?

Pinquart und Sörensen fanden heraus, dass bisherige Interventionsmaßnahmen, wie Therapie oder pflegeentlastende Dienste, nur etwa ein Viertel des psychischen Belastetseins der Helfer reduzieren. "Der Bedarf an zusätzlicher Hilfe ist da, nur an den Angeboten seitens der Pflegeversicherung mangelt es", kritisiert Pinquart. "Wie viele Dinge im Leben hat auch die Pflege von Angehörigen eine Kehrseite der Medaille", illustriert der Jenaer Wissenschaftler. Auf der einen Seite fühlen Helfer große Befriedigung, wenn sie etwas Nützliches tun und Dankbarkeit ernten. "Mehr Hilfe zu leisten - und das wurde bisher in keiner der Studien so explizit herausgearbeitet - ist deshalb auch nicht mit weniger positiven Gefühlen oder weniger Lebenszufriedenheit verbunden", erklärt Pinquart ein Ergebnis der Großstudie. Auf der anderen Seite kann keinesfalls von einem Acht-Stunden-Job die Rede sein. In den meisten Fällen ist rund um die Uhr volle Aufmerksamkeit gefordert. Neben der enormen körperlichen Belastung beklagen viele Helfer, dass sie u. a. den Kontakt zu Freunden entbehren müssen. So erleben sie mehr negative Gefühle und weniger Kontrolle über ihr Leben als Gleichaltrige. In vielen Fällen mündet dies in einer Depression und die gipfelt bei manchem in der Frage, ob es wirklich sinnvoll ist sich zu "opfern", wenn z. B. die demenzkranken Eltern sowieso niemanden mehr erkennen.

"Durch entsprechend weiter ausgebaute psychotherapeutische und Bildungsangebote für die Pflegenden könnten Zweifel zerstreut und Problemlösungen gefördert werden", weiß Pinquart. Zudem würden pflegeentlastende Dienste nur dann helfen, wenn die gewonnene Zeit für sich selbst genutzt wird, um etwa Freunde zu treffen und einen Ausgleich zu schaffen. "Effektive Intervention kann erst durch die individuelle Kombination mehrerer Maßnahmen erreicht werden", sagt der Entwicklungspsychologe. Die Ergebnisse der Meta-Analyse belegen, dass zum einen das soziale Umfeld und zum anderen die jeweiligen Persönlichkeitseigenschaften mitbestimmen, wie stark die Pflege als Belastung wahrgenommen wird.

"Derzeit deckt die Pflegeversicherung vorrangig physische Bedürfnisse, wie Körperpflege, ab", erklärt Pinquart. "Zusätzlicher Bedarf besteht aber bei der psychischen Unterstützung von Kranken und pflegenden Angehörigen", ist er sich sicher. Erst wenn der Pflegende klinisch depressiv ist, kann er z. B. derzeit mit einer durch die Krankenkasse finanzierten Psychotherapie rechnen.

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