Pusteblume und Paardebloem - Kindergarten zweisprachig

27.03.2004 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Der Kindergarten 'Pusteblume' in Gronau liegt unmittelbar an der niederländischen Grenze, die für die Kinder aber kaum zu erkennen ist: Täglich überqueren sie die Grenzlinie unbemerkt zum Einkaufen, Spielen und Spazierengehen. Niederländische Nachbarkinder sind ganz normal. Nur morgens trennen sich die Wege: Hüben Kindergarten und Grundschule, drüben 'peuterspeelzaal' und 'basisschool'. Jetzt will der Gronauer Kindergarten 'Pusteblume' zweisprachig werden. Das Konzept hierfür wurde in Münster entwickelt von Dr. Veronika Wenzel vom Institut für Niederländische Philologie der Westfälischen Wilhelms-Universität.

In Zusammenarbeit mit der Euregio und der Stadt Gronau entstand ein 25-seitiges Konzept für einen bilingual-bikulturellen Kindergarten. Exemplarisch am Kindergarten "Pusteblume" oder "Paardebloem", wie er auf Holländisch heißt, wird dargelegt, wie man bereits mit den ganz Kleinen zweisprachig arbeiten kann. Es geht aber nicht um das Vorverlegen des schulischen Fremdsprachenunterrichts: Vokabelpauken und Grammatik sind nicht gefragt. Wie in einem 'Sprachbad' tauchen die Kinder in die andere Sprache und Kultur ein, lernen sie ganz natürlich lernen im täglichen Spiel verstehen. Aus anderen Ländern liegen bereits Erfahrungen mit dieser Methode vor: In Kanada, Luxemburg oder der Schweiz wird seit Längerem auf diese Weise Mehrsprachigkeit angebahnt, die gerade in Grenzregionen gefragt ist.

Wieso dann nicht gleich Englisch? Die interkulturellen Erfahrungen, die Drei- bis Sechsjährige in der Euregio machen, erleben sie nun einmal mit ihren direkten Nachbarn, den Niederländern. Dass diese sowieso Deutsch sprechen, mag zwar auf viele Erwachsne zutreffen, übrigens in stark abnehmender Tendenz, aber nicht auf die Kinder. Eine intensive Spracherfahrung in jungen Jahren ist außerdem von pädagogischem Wert. Der frühe Sprachkontakt sensibilisiert für fremde Laute. Und auf einmal klingt Niederländisch gar nicht mehr fremd und 'die Anderen' sind gar nicht so anders.

Im deutschen Grenzraum findet momentan ein starker Zuzug von niederländischen jungen Familien statt, weil die Baupreise hier niedriger sind. Die Eltern fahren morgens in die Niederlande zur Arbeit und ihre Kinder nehmen sie mit zur 'basisschool'. Noch, denn so manche Grenzgemeinde ist nun wachgerüttelt. Wo grenzüberschreitend Feuer gelöscht, Straftaten verfolgt und Baugebiete erweitert werden, sollte auch in der Bildung grenzüberschreitend gedacht werden.

Und da fängt man am besten so früh wie möglich an: Im deutsch-niederländischen Kindergarten werden beide Sprachen zu hören sein: Niederländische und deutsche Lieder werden gesungen, Sinterklaas wird gefeiert und Weihnachten natürlich auch. Vorgelesen werden nicht nur die deutschen Märchen und Janoschs Kinderbücher, die Kinder erleben auch die niederländische Kinderkultur mit ihren 'Helden' Nijtje, Kikker, Jip und Janneke und vielen anderen. Eine niederländische Erzieherin soll ab 2005 gemeinsam mit den deutschen Kolleginnen im Kindergarten arbeiten. Jede spricht dabei ihre Muttersprache.

Das von Dr. Veronika Wenzel entwickelte und vor einigen Tagen in Gronau bei einem Informationsabend vorgestellte Konzept hat zwei inhaltliche Schwerpunkte: einen musisch-ganzheitlichen Bildungsbereich und einen forschend-entdeckenden Bereich. Die Sprachen werden von den Erzieherinnen nämlich nicht unterrichtet, sondern verwendet: Im Puppenspiel, in der Bauecke, beim Besuch des Bauernhofs oder bei der Zubereitung des Frühstücks. Das geht auf Deutsch - und genau so gut auch "in het Nederlands"!