Islam ist für junge Muslime Hilfe in der Bewältigung des Alltags

29.06.2004 - (idw) Fachhochschule Münster

Absolventin der Fachhochschule Münster befragt muslimische Frauen zu Ausgrenzung und misslungener Integration


Inka Beden hat in ihrer Diplomarbeit muslimische Frauen zur Rolle des Islam im alltäglichen Leben interviewt. An die feindseligen Blicke und Pöbeleien auf offener Straße gewöhnt sich Inka Beden mit der Zeit. Sie trägt ein Kopftuch wie viele muslimische Frauen in Deutschland, und genau deshalb, glaubt sie, wird sie anders behandelt. Kraft und Gelassenheit, die Diskriminierung auszuhalten, findet sie in ihrer Religion. Auch das hat sie mit vielen muslimischen Frauen gemeinsam. In ihrer Diplomarbeit am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster hat sie das Vorurteil, der Islam sei ein Integrationshindernis, hinterfragt. "Er ist vielmehr eine Ressource, die muslimische Frauen in der Lebensbewältigung unterstützt und ihren sozialen Aufstieg fördert", meint Inka Beden. Interviews mit sechs jungen Musliminnen bestätigten ihre Vermutung.

Die Gewissheit, von Gott so gewollt zu sein und von ihm geleitet zu werden, hilft vielen Muslimen, mit dem Alltag in Deutschland besser zurecht zu kommen. "Das ist eine sehr gute Strategie zur Stressbewältigung", erklärt die Diplomandin. Wenn die Diskriminierung unerträglich werde, gebe das tägliche Gebet Rückhalt und Sicherheit. Der Islam verleihe dem Leben einen Sinn, so Beden. "Dieses sinnstiftende Element haben auch andere Religionen, aber im Leben der Muslime nimmt der Islam viel mehr Raum im Alltag ein", sagt die Sozialpädagogin, die zum Islam konvertierte.

Eine weitere Ressource im Alltag sei die Glaubensgemeinschaft. Stabilität und Solidarität, die muslimische Frauen in unserer Gesellschaft nicht erfahren, finden sie in der Moschee. "Dieser enge Zusammenhalt hat jedoch auch einen Nachteil: Um die Solidarität zu erfahren, muss ich mich konform verhalten", merkt Beden kritisch an.

Wenn sich junge Muslime in die Religion zurückziehen, resultiert dies laut Beden häufig aus der permanenten Ablehnung, die sie in Deutschland erfahren. Man könne sich die Haare rot färben und zerrissene Jeans tragen und würde doch nicht integriert, brachte eine Interviewpartnerin das Problem auf den Punkt. Viele Frauen schilderten Situationen, in denen sie den ersten Schritt auf Deutsche zugemacht und diese nicht reagiert hätten. Deutsche Freunde zu finden, ist für viele Muslime immer noch sehr schwierig. "Das typische Beispiel ist die Einladung einer türkischen Familie an ihre Nachbarn und niemand kommt", erzählt Beden.

Berührungsangst sei ein Grund für die Ablehnung, Unwissenheit über den Islam ein anderer. Die radikalen Interpretationen des Korans und Schlagzeilen über Terroranschläge von Islamisten oder Muslime, die ihre Frauen schlagen, würden die Ausgrenzung weiter verstärken, so die FH-Absolventin. Damit die Integration der Muslime in Deutschland gelingt, sei ein Umdenken gefragt. "Muslimische Migranten werden oft mit einem defizitären Blick gesehen und wenn es Probleme gibt, ist der Islam Schuld", beschreibt Beden die schwierige Situation. Anstatt die Religion auszublenden oder sie als Problem wahrzunehmen, müsse sie in die Sozialarbeit einbezogen werden, lautet ihre Empfehlung.

An die Gesellschaft hat die Mutter dreier Kinder noch größere Ansprüche: "Wir sind eine pluralistische Gesellschaft, und das möchte ich im Alltag auch verwirklicht sehen." Als deutsche Muslime in ihrem Heimatland nur toleriert zu werden, reicht ihr nicht. "Gleichwertigkeit der Unterschiede und Akzeptanz der unterschiedlichen Lebensweisen auf beiden Seiten, das erwarte ich."

Inka Beden promoviert jetzt im Fach Religionswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster über das Thema "Konversion als kreativer Akt der Identitätsgestaltung". "In der Fachliteratur bin ich oft auf einen defizitären Blick auf Menschen, die konvertiert sind, gestoßen", erzählt Beden. Sie will nun zeigen, dass Konversion in unserer Gesellschaft nur eines von vielen möglichen Mitteln der Identitätsfindung ist. "Das sollte nicht negativ behaftet sein", sagt sie.