Dag Hasse - ein exzellenter Forscher aus den Geisteswissenschaften

06.07.2004 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

In der arabischen Welt ist das Bewusstsein weit verbreitet, dass die großartige Entwicklung der Wissenschaften und der Philosophie an den europäischen Universitäten des Mittelalters und der Neuzeit nicht zuletzt dem Import arabischen Wissens zu verdanken ist. Die Volkswagen-Stiftung hat dem Würzburger Philosophen Dr. Dag Nikolaus Hasse jetzt Mittel zur Erforschung der "Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der griechisch-arabisch-lateinischen Tradition" bewilligt.


Dag Hasse Durch Übersetzungen aus dem Arabischen, so Hasse, sei der Westen im Hochmittelalter zum Beispiel mit dem Lösen quadratischer Gleichungen, mit einer umfangreichen Pharmakologie und einer systematisch aufgebauten Metaphysik und Psychologie bekannt gemacht worden - ein Erbe, das bis heute nachwirkt, aber im Bewusstsein der Europäer kaum noch verankert ist.

Die Leistungen der arabischen Wissenschaftler selbst basierten wesentlich auf der Rezeption griechischer Schriften, die im 8. bis 10. Jahrhundert nach Christi Geburt in das Arabische übersetzt wurden. Die Erforschung dieser griechisch-arabisch-lateinischen Tradition steht vor großen Aufgaben: Viele Texte müssen noch philologisch erschlossen, viele historische und soziale Bedingungen erforscht und viele Einzelprobleme der inneren Entwicklung der Wissenschaften geklärt werden.

Durch die Einrichtung einer Lichtenberg-Professur in Würzburg bekommt diese Forschung eine in Deutschland einmalige institutionelle Basis. Im Zentrum der Arbeit der kommenden Jahre steht zum einen die Renaissancezeit, in der sich die westliche Welt allmählich von ihren arabischen Quellen löste, zum anderen die Edition eines grundlegenden Textes der griechisch-arabisch-lateinischen Tradition: Des großen Kommentars des arabischen Philosophen Averroes zur Metaphysik des Aristoteles.

Ein weiteres Projekt der Lichtenberg-Professur ist das "Arabic and Latin Glossary", das den Kenntnisstand zum Einfluss der arabischen Terminologie auf das Vokabular der europäischen Wissenschaften dokumentiert - ein Einfluss, der auch heute noch zu spüren ist, zum Beispiel in den vielen Termini, die mit dem arabischen Artikel Al beginnen: Algebra, Alkohol, Alkoven oder Almanach.

Auf Basis der philologischen Grundlagenarbeit sollen Fragen von größerer historischer Bedeutung geklärt werden: Welche Faktoren führten zur Rezeption arabischen Wissens im lateinischen Westen? Welche Theorien und Techniken wurden tatsächlich Teil des westlichen Wissenschaftsdiskurses? Und mit welchen Gewinnen und Verlusten vollzog sich die Ablösung des Westens von arabischen Wissenschaftstraditionen im 15. und 16. Jahrhundert? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht nur von historischem Interesse. In der Geschichte der Wissenschaften bilden die Welt der Antike, die islamische Welt und die lateinische Welt Europas in gewisser Hinsicht eine Einheit. Es hat auch eine gesellschaftliche Bedeutung, wenn die Forschung neues Licht auf eine wissenschaftliche, rationale Tradition wirft, die Europa und die islamische Welt gemeinsam haben.

Die Volkswagen-Stiftung bewilligte insgesamt 6,2 Millionen Euro für Lichtenberg-Professuren, vier für Naturwissenschaften, eine für den Geisteswissenschaftler Hasse. Grundlegendes Ziel der Stiftung sei es, mit diesem Förderinstrument "die aktive Rekrutierung von Professorinnen und Professoren durch die Universitäten zu initiieren und die Hochschulen zu motivieren, frühzeitig Strukturplanung zu betreiben". Damit erhielten viel versprechende junge Wissenschaftler nunmehr auch hier zu Lande die Chance, sich mit selbstständig durchgeführten Forschungsarbeiten zu profilieren - und im Falle einer erfolgreichen Evaluation auf eine reguläre Professur übernommen zu werden. Gefördert würden nur exzellente Wissenschaftler in Verbindung mit innovativen Lehr- und Forschungsfeldern.

Universitätspräsident Prof. Dr. Axel Haase sieht in der Bewilligung für den Würzburger Wissenschaftler - einzig in Bayern - , der in diesem Jahr auch den Röntgenpreis der Universität erhielt, einen "großen Erfolg der Würzburger Geisteswissenschaftler", der beweise, dass auch hier exzellente Forschung betrieben werde. Es zeige zudem wie "wichtig es ist, aktive Nachwuchswissenschaftler zu unterstützen, ihre Projekte zu beantragen und durchzuführen, wenn sie in die Zukunftsvision des Faches passen".