Wie DDR-Bürger den Wechsel zur DM erlebte

28.05.1997 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Wie DDR-Buerger den Wechsel zur DM erlebten - und was wir daraus fuer den Euro lernen koennen

Todsichere Tips gibt es nicht oder warum Angst ein schlechter Ratgeber ist

Am 1. Januar 1999 ist es soweit: die Deutsche Mark verschwindet, der Euro kommt. Fuer die meisten Ostdeutschen ist die Umstellung bereits der zweite Waehrungswechsel in nur zehn Jahren. AEltere Deutsche aus Ost und West koennen sogar noch auf zwei weitere Waehrungsre- formen zurueckblicken: 1923 und 1948, beide als Folgen der Weltkriege. 1923 wurden am Stichtag eine Billion (alte) Reichsmark gegen eine (neue) Rentenmark eingetauscht. Grund genug fuer den Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Friedrich Thiessen, zu unter- suchen, wie die DDR-Buerger den Wechsel zur DM erlebten. Denn wie damals, so verspueren auch jetzt wieder viele Buerger Unsicherheit und Ungewissheit vor der Waehrungsumstellung. Die Erfahrungen der ehemaligen DDR-Buerger koennten da helfen, Fehlhandlungen und Irrtue- mer zu vermeiden. Zwar nannten die Deutsch-Ostler ihre Leichtgewicht-Muenzen abwertend "Alu-Chips", doch die Umstellung liess trotzdem keinen kalt. Jeder las die Zeitungen oder versuchte, sich ueber Radio und Fernsehen zu informieren. Deren Berichte freilich wider- sprachen sich haeufig. Dagegen wurden die Banken vergleichsweise selten konsultiert. "Dabei haben die nicht einmal schlecht beraten", so Thiessen. Wichtig waren dagegen den meisten die Gespraeche mit Freunden und Bekannten. Verwertbare Ratschlaege gab's freilich auch da kaum.

Sogar das Klopapier war an vielen Orten ausverkauft

Am kluegsten verhielt sich deshalb letztlich allemal noch, wer gar nichts tat und einfach abwartete. Wer dagegen sein Geld fuer langlebige Konsumgueter ausgab, musste spaeter oft einen schmerzlichen Vermoegensverlust verkraften. Am AErgsten wurden wohl jene gebeutelt, die ihr Geld kurz vor Toresschluss aus Angst vor einer Abwertung in einen "Trabbi" steckten - Preis damals: rund 9.000 DDR-Mark. Haetten die Trabbi-Kaeufer ihr Erspartes dagegen ein- fach auf dem Konto gelassen, haetten sie ein schoenes Suemmchen Westgeld dafuer bekommen. Und auch so mancher, der sich nach der Wende fuer billiges Geld sein Grundstueck abschwaet- zen liess, aergert sich mittlerweile schwarz darueber. Dennoch wurde soviel gekauft, dass teilweise das Bargeld knapp wurde. Vielerorts war schliesslich sogar das DDR-Toiletten- papier ausverkauft - vermeintliche Vorsorge fuer noch haertere Zeiten. Aber nicht alle DDR-ler sahen in der Flucht in die Sachwerte ihr Heil. Wer etwa 1989 noch schnell ein Haus kaufte, hatte sich zwar hoch verschuldet. Doch der Kredit halbierte sich durch die Waeh-rungsunion, gleichzeitig stieg der Wert des Hauses. Eine kapitalistische Ader hatte wohl auch jener DDR- Buerger, der nach der Wende GmbH's gleich im Dutzend gruendete. Kosten: je 500 Mark Ost. Nach der Umstellung verkaufte er die Firmenmaentel zu Westpreisen.

Probleme fuer Schwarzgeld-Horter, Verunsicherte Versicherte

Manchmal freilich gab es auch Probleme ganz anderer Art. Da waren etwa jene Kleingewer- betreibenden wie etwa Kneipiers, die fuerchteten, sie koennten ihr zu Honecker-Zeiten angehaeuftes Schwarzgeld nicht in DM "umrubeln". Sie wurden haeufig leichte Beute beredter westlicher Vertreter. Andere schafften sich von dem Geld noch schnell neue Maschinen oder Ersatzteile an. Verunsichert waren auch viele Versicherte: Die einen zahlten ein, weil sie gehoert hatten, Versicherungen wuerden zu einem guenstigeren Kurs umgestellt. Andere, die das Gegenteil befuerchteten, kuendigten dagegen ihre Police. Dafuer macht Thiessen nicht zu-letzt das lange Hin und Her ueber das "wie" der Umstellung verantwortlich. Der Buerger rea-giere auf aufgeschobene Entscheidungen mit Fluchtverhalten. Und das habe dann rein zu-faellig einige Menschen reicher gemacht, andere aber "echtes" Geld gekostet. Der Chemnitzer Bankenprofessor unterscheidet denn auch zwei Phasen mit ganz unterschiedlichem Verhalten: Phase I dauerte etwa von der Maueroeffnung bis zum Maerz/April 1990. Der Aussenwert der DDR-Mark sank zeitweilig auf ein Vierzehntel der westdeutschen Waehrung. Die meisten Horrormeldungen und die damit verbundenen Panikkaeufe von langlebigen Konsumguetern und Autos fielen in diese Zeit. In der anschliessenden Phase II bis zur Umstellung beruhigte sich die Stimmung allmaehlich. Es wurde klar, schlechter als 1:5 wuerde der Umtauschkurs wohl nicht werden, die Angstkaeufe liessen nach.

Panikkaeufe bei den AEngstlichen

Thiessen konnte die Menschen der DDR nach ihrem Verhalten vor der Waehrungsunion in drei Gruppen einteilen: Die konservativ Erfolgreichen, die AEngstlichen und die Coolen. Das Verhalten der konservativ Erfolgreichen, etwa die Haelfte der DDR-Bevoelkerung: Ruhe be- wahren und Daeumchen drehen. Ganz anders die AEngstlichen: Sie kauften, was der Geldbeu- tel hergab. Sahen sie den Wertverlust der Konsumgueter nicht voraus? Ausgerechnet die AEngstlichen waren bei entsprechenden Fragen sehr zurueckhaltend. Wer gibt schon gerne zu, uebers Ohr gehauen worden zu sein? Allenfalls indirekt berichteten diese Menschen ueber Panikkaeufe: Einer etwa hatte sich 1989 noch schnell einen Fernseher gekauft - fuer 5.000 Ostmark. Die Motive lagen wohl in der Unsicherheit ueber die Zukunft der DDR. Bei Kursen von 1:14 ist Angst um die Ersparnisse mehr als berechtigt. Die "Coolen" hingegen sahen die Waehrungsumstellung weitgehend nuechtern. Sie versuchten, sich zu informieren, erkannten aber schnell, dass niemand - die Medien eingeschlossen - wirklich etwas wusste. Sie liessen sich deshalb nicht verrueckt machen. Dadurch entging ihnen zwar ein moeglicher Gewinn, sie ersparten sich aber auch unnoetige Sorgen. Dennoch: Zahlreiche DDR-Buerger haben bei Fi- nanz-Transaktionen vor der Waehrungsunion viel Geld verloren. Sollten sich die Buerger Eu- ropas vor der Euro-Einfuehrung ebenfalls zu groesseren Vermoegensumschichtungen hinreissen lassen, so Thiessen, dann koennte es zu Verschiebungen von dramatischen Ausmassen kom- men.

Die Angst der Menschen beruecksichtigen

Und was koennen wir nun fuer den Euro daraus lernen? "Trotz einiger offener Fragen wird die Umstellung objektiv gesehen wohl kaum Probleme machen", ist Thiessen ueberzeugt. Der Chemnitzer Wissenschaftler sieht die Schwierigkeiten eher auf der Gefuehlsebene: Da sind die

Sensationsberichte in den Medien, da ist das Gezaenk der Politiker. Kein Wunder, dass viele Menschen den UEbergang gefaehrlicher empfinden als er tatsaechlich ist. Thiessen raet deshalb, veraengstigten Menschen solche Produkte anzubieten, die einen fuehl- aren Nutzen bringen. Doch geeignete Produkte gibt es bisher nicht. Immerhin haelt er etwa Eigentumswohnungen und Wohnrechte in Ferienanlagen oder fuer den kleineren Geldbeutel Bausparanlagen fuer durchaus geeignet, den Buergern ihre AEngste zu nehmen - waeren da nicht die Nebenkosten, etwa fuer Makler oder Notare. Allenfalls Vorauszahlungen auf Autos oder Moebel haelt Thiessen fuer relativ unproblematisch. Auf jeden Fall aber, so der Experte, solle der Buerger gegenueber allen Angeboten, die keine direkten Wertentwicklungen erkennen las- sen, misstrauisch sein: "Das Preis/Leistungsverhaeltnis muss stimmen."

Geloeste Stimmung vor Toresschluss

Wer den Verlust von Vermoegen vermeiden wolle, solle die verfuegbaren Informationen genau pruefen. Solange wichtige Entscheidungen noch gar nicht gefallen seien, beruhten diese nicht auf Fakten, sondern seien lediglich unbegruendete Spekulationen. Vor allem solle man nicht davon ausgehen, dass andere wirklich besser informiert seien als man selbst, und nicht auf irgendwelche vermeintlich todsicheren Tips hereinfallen. Und er zitiert einen seiner Ge- spraechspartner: "Viele haben die Leute doch verrueckt gemacht. Die wussten doch selbst nichts. Es waere viel besser gewesen, die haetten gesagt, dass niemand was weiss." Und noch etwas fiel Thiessen bei seiner Untersuchung auf, "eine Art Endzeitstimmung, etwa so wie die letzten Stunden vor Weihnachten" unmittelbar vor der Umstellung. "Da tritt dann eine ge- loeste Stimmung auf, in der man sich ganz ohne Hintergedanken den einen oder anderen lang- gehegten Wunsch erfuellt." Als Beispiel nennt er die junge Frau, die sich in den letzten Stunden, einfach so, eine Goldkette kaufte. Ein aehnliches Verhalten erwartet Thiessen auch zum Ende der geliebten D-Mark. Und er raet den Anbietern, sich auf solche Endzeitkaeufe schon einmal vorzubereiten. Die duerften ruhig auch ein bisschen teurer sein, muessten aber die richtige Stimmung treffen.

Autor: Hubert J. Giess

Weitere Informationen: Technische Universitaet Chemnitz-Zwickau, Fakultaet fuer Wirtschafts- wissenschaften, Lehrstuhl Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre, Reichenhainer Strasse 39, 09107 Chemnitz, Prof. Dr. Friedrich Thiessen, Telefon 03 71/5 31-41 74, Fax 03 71/5 31-39 65, E-mail: f.thiessen.@wirtschaft.tu-chemnitz.de

Hinweis fuer die Medien: Zu diesem Beitrag koennen Sie in der Pressestelle ein Foto von Prof. Dr. Friedrich Thiessen anfordern. Es zeigt ihn, wie er West- und Ostgeld in seinen Haenden haelt.

Technische Universitaet Chemnitz-Zwickau Abteilung Presse- und Oeffentlichkeitsarbeit Dipl.-Ing. Mario Steinebach Strasse der Nationen 62, Raum 185 D-09107 Chemnitz