Behördensprache als Verwaltungshindernis

18.12.1997 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Verwaltete Kommunikation Barrieren in der AEmter-AEmter-Kommunikation am Beispiel von Foerderprogrammen (Ost)

Eine 1992 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgefuehrte Studie des Ifo-Instituts Muenchen kommt zum Ergebnis: "Aufschwung wird kaputtgefoerdert. Ost-Investitionen werden durch Aufbau-Programme behindert" "Ausgerechnet die im Rahmen des Gemeinschaftswerks Aufschwung Ost aufgelegten Foerderprogramme entpuppen sich vielfach als groesstes Inverstitionshemmnis." (DIE WELT 8.12.92).

Foerdermittel fuer den Aufbau "Ost" werden nicht abgerufen. In Sachsen-Anhalt waren es 1994 ueber eine Milliarde, 1995 1,7 Milliarden und 1996 gar 1,9 Milliarden. Kein Wunder, dass es in der Presse heisst: "Aus einem internen Papier des Bonner Finanzministers geht hervor: Neue Laender lassen Milliarden fuer den Aufbau Ost brachlie-gen."(Magdeburger Volksstimme 9.11.95)

In der Rede zur 1. Lesung des saechsischen Staatshaushaltes von 1996 schlaegt der SPD-Oppositionsfuehrer im Dresdner Landtag, Karl-Heinz Kunkel, sogar vor, "dass wir einen Unterausschuss Mittelabfluss im Haushalt- und Finanzausschuss gruenden, um hier der Verwaltung des Freistaates Sachsen auf die Spruenge zu helfen"(!)

Dass der Regierung eines Landes das Angebot gemacht wird, sich gegen die eigene Verwaltung zu verbuenden, zeigt, wie ernst inzwischen die kontraproduktiven Folgen der Buerokratisierung gesehen werden. Dass dies im Osten, wo eine Staatsbuerokratie den eigenen Staat zugrunde gerichtet hat, besonders deutlich gesehen wird, ist dabei nicht verwunderlich.

Nicht nur der beantragende Handwerker oder Unternehmer tut sich mit Foerdermitteln schwer. Auch und gerade die Verwaltung hat grosse Schwierigkeiten mit der eigenen Verwaltungssprache. Dies ist das Ergebnis einer vom Kultusministerium Sachsen-Anhalts gefoerderten Studie zur "AEmter-AEmter-Kommunikation"("Barrieren in der AEmter-AEmter- Kommunikation beim Wissenstransfer von West nach Ost"),die zwischen 1994 und 1997 unter Leitung von Prof. Dr. Gerd Antos und Prof. Dr. Wolfgang Heinemann an der Martin-Luther-Universitaet Halle durchgefuehrt wurde.

Am Beispiel der Umsetzung von Foerdermitteln fuer den Aufbau "Ost" koennen aus sprachlich-kommunikativer Sicht die internen Kommunikationsschwierigkeiten der Buerokratie detalliert belegt werden. Obwohl Barrieren und Probleme der AEmter-AEmter-Kommunikation auf dem Hintergrund der Einfuehrung des westdeutschen Rechts- und Verwaltungssystems in den neuen Bundeslaendern behandelt werden, duerften die gewonnenen Erkenntnisse fuer die gesamte Verwaltung gelten. Denn generell scheint zu gelten:

In Buerokratien wird die Kommunikation der Verwaltung zu einer Verwaltung von Kommunikation!

Auf dieser Reduktion beruhen die Leistungsfaehigkeit und die Macht der Verwaltung ebenso wie deren Grenzen. Die Aufgabe der Verwaltung, naemlich bindende Entscheidungen nach Kriterien der Verfahrens- und Rechtskonformitaet herzustellen und diese im zunehmenden Masse unter Mitwirkung von Buergern auf unterer Behoerdenebene umzusetzen, schafft zwar einerseits Rechtssicherheit, offenbart aber "verwalteten Kommunikation".

"Kommunikation", das Medium von Entscheidungen, ist der blinde Fleck von Verwaltungen. Darin liegt eine zentrale Selbstgefaehrdung des inzwischen alle Lebensbereiche umfassenden Systems "Verwaltung".

Ansprechpartner: Thomas Schubert, Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg, Institut fuer Germanistik Tel.: (0345) 55 236 03 oder 55 236 01 Fax: (0345) 55 27 107 e-mail: schubert@germanistik.uni-halle.de