Schlüsselsubstanz der Körperabwehr entdeckt

09.11.1998 - (idw) Charité-Universitätsmedizin Berlin

AUS DER MEDIZIN FÜR DIE MEDIEN Nr. 14 1998

Die Gefahr der Abstoßung verpflanzter Organe ist eines der Hauptprobleme der Transplantationsmedizin geblieben, obwohl die Überlebenszeiten der Organempfänger dank der Entwicklung immunsupprimierender Medikamente (wie des Cyclosporins) seit Mitte der achtziger Jahre deutlich erhöht werden konnten.
Jetzt haben Grundlagenforscher an der Charité, der Medizinischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität, eine für die praktische Anwendung in der Transplantationsmedizin vermutlich sehr folgenreiche Entdeckung gemacht. Wie Nalân Utku vom Institut für Medizinische Immunologie der Charité im angesehenen Fachblatt "Immunity" (9 [1998] 508-519) berichtet, ist es ihr und beteiligten Forschern aus Berlin und der Harvard-Universität in Boston gelungen, ein bisher unbekanntes Protein, das vor allem auf der Zelloberfläche menschlicher T-Lymphozyten exprimiert wird, zu entdecken und seinen Aufbau zu beschreiben. Es gehört zu einer größeren Gruppe ähnlich strukturierter Membranproteine, deren Funktion aber noch nicht endgültig entschlüsselt ist. Das jetzt gefundene Protein mit dem Arbeitsnamen TIRC7 (T-Cell Immune Response cDNA7) ist offenbar notwendig für die Aktivierung von T-Zellen. Erst die Aktivierung der T-Zellen führt dazu, dass sie sich weiter für spezielle Aufgaben in der Immunantwort des Organismus qualifizieren.
Wie TIRC7 hierbei im einzelnen mitwirkt, ist noch nicht vollständig geklärt. Die grundsätzliche Bedeutung des neuen Proteins wird aber daraus ersichtlich, dass der Hauptmechanismus körperlicher Abwehr, die Vermehrung der T-Zellen, verhindert wird, wenn man das Protein in seiner Funktion verändert. Dies haben Utku und ihre Mitarbeiter sowohl im Reagenzglas wie im Tierversuch demonstrieren können: Durch einen spezifischen Antikörper gegen TIRC7, der vornehmlich die außen auf der Zellmembran liegenden Anteile des Proteins moduliert, läßt sich die Vermehrung der T-Zellen nachhaltig unterbinden. Gleichzeitig wird auch die Produktion des für T-Zellen wichtigen (aber auch für andere Immunzellen bedeutenden) Wachstumsfaktors, Interleukin-2, vermindert. Und schließlich blockiert der Antikörper auch die Bildung von Interferon-gamma, einem Signalstoff, der von aktivierten T-Zellen exprimiert wird.
Da T-Lymphozyten auch Hauptträger der Abstoßung transplantierter Organe sind, dürften TIRC7, bzw. Hemmstoffe dieses Moleküls, für die Transplantationsmedizin wichtig werden. Im Tier, nämlich an Ratten, die ein Nierentransplantat erhalten hatten, konnten Utku und Mitarbeiter bereits zeigen, dass die kurzzeitige Gabe eines TIRC7-Antikörpers akute Abstoßungsreaktionen entscheidend vermindert und gleichzeitig die Überlebenszeit stark verlängert. So starben innerhalb von 9 Tagen sieben Kontrolltiere nach Transplantation an den Folgen akuter Abstoßung. Eine nur kurzfristige Behandlung von sieben anderen Ratten mit einem TIRC7-Antikörper nach Verpflanzung einer Fremdniere ließ ein Tier drei Wochen, drei andere 6 Wochen und die restlichen drei sogar rund 10 Wochen (80 Tage) überleben. Es könnte in Zukunft genügen, mit derartigen Antikörpern die immunsupressive Behandlung nach Transplantationen nicht mehr lebenslang, sondern stark verkürzt und befristet durchzuführen.
In einer soeben gegründeten Aktiengesellschaft ist vorgesehen, die neuen Erkenntnisse um TIRC7 und verwandte Membranproteine bzw. entsprechende Antikörper auch kommerziell zu nutzen.
Silvia Schattenfroh

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