Ernährung und Gesundheit an Nürnberger Hauptschulen

01.04.1999 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Nur an fünf von 23 Nürnberger Hauptschulen sind im Pausenverkauf Nahrungsmittel zu bekommen, die den grundlegenden Anforderungen an eine gesunde Ernährung genügen. Dieses Ergebnis einer Untersuchung von Studierenden unter der Leitung von Dr. Reinhard Wittenberg am Lehrstuhl für Soziologie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg stimmt um so nachdenklicher, als die Schulen die Verantwortung für Gesundheit und Ernährungsverhalten von Kindern nicht allein den Eltern zuweisen können. Sind die häuslichen Gewohnheiten bei Essen, Trinken, Bewegung und Körperpflege nicht gesundheitsfördernd, könnten schulische Angebote zumindest ausgleichend wirken und so zur Gesundheit der Zöglinge beitragen.

Immer häufiger finden sich bei Schulkindern Gesundheitsschwächen wie Karies und Fettsucht, die unter anderem ernährungsbedingt sind. In diesem Kontext stellt sich nicht nur die Frage, was Schulkinder bzw. ihre Eltern über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit wissen und was sie davon in ihr konkretes Verhalten einfließen lassen. Es ist auch zu fragen, ob - und wenn ja, inwieweit - dieser bedenkliche Befund die Schulen dazu veranlaßt, während der Pausen ein ausgewogenes Nahrungsmittelangebot bereitzustellen und die Ernährung im Unterricht stärker zu thematisieren.

Diesen Fragen sind 57 Studierende der Sozialwissenschaften im Rahmen des Grundstudiumsfaches "Methoden der Sozialforschung und ihre Anwendungen in empirischen Untersuchungen" nachgegangen. Untersucht wurden Schülerinnen und Schüler an Nürnberger Hauptschulen, da deren Gesundheitszustand erfahrungsgemäß am meisten zu wünschen übrig läßt.

Die Pausenverpflegung wurde an allen 23 städtischen Hauptschulen in Nürnberg beobachtet. Für die Befragung und medizinische Untersuchung nach sozialstrukturellen und ökologischen Gesichtspunkten wurden vier Hauptschulen ausgewählt, die sich nach ihrem Ausländer- bzw. Aussiedleranteil und ihrer Lage im Stadtgebiet deutlich voneinander unterscheiden. Insgesamt nahmen 324 Schüler/innen der 5. und 8. Klassen an der schulvergleichenden Untersuchung teil.


Mut zur Korrektur

Bis auf die genannten fünf Ausnahmefälle ist das Nahrungsmittelangebot im Pausenverkauf der Nürnberger Hauptschulen aus ernährungswissenschaftlicher Sicht nicht empfehlenswert. Das Sortiment sollte kritisch gesichtet und anschließend der Mut zu Korrekturen gefunden werden. Die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollten dabei schwerer wiegen als das Nachfrageverhalten der Schüler/innen - selbst dann, wenn ökonomische Interessen zurückstehen müßten.

Der allgemeine körperliche Gesundheitszustand kann als "Body-Maß-Index" (BMI) gemessen werden. 79% der Schüler/innen sind normal-, 5% unter- und 16% übergewichtig. An den zwei Schulen mit schlechterer Sozialstruktur der Schülerschaft finden sich überproportional viel übergewichtige, an den anderen beiden Schulen überproportional viel untergewichtige Befragte. Während sich nach Geschlecht, Nationalität und Aussiedlerstatus keine nennenswerten Unterschiede ergeben, sind Altersdifferenzen unübersehbar: Fast ein Viertel der Fünftklässler/innen, aber nur ein Zehntel der Achtklässler/innen haben Übergewicht.

Der BMI hängt statistisch signifikant von einigen sozialen und biologischen Grundlagen ab, die dem Zugriff durch die Schule verschlossen sind. Umso mehr verdienen die restlichen Faktoren Aufmerksamkeit: die Qualität des Frühstücks und der konsumierten Getränke wie die Freizeitaktivitäten kann die Schule durchaus zu beeinflussen versuchen.


Zahngesundheit bei Mädchen besser

Die Zahnuntersuchung ergab Plaque bei 36% und Zahnfleischentzündung bei 13% der Schüler/innen. Jungen sind dabei sehr viel häufiger betroffen als Mädchen. Eine kieferorthopädische Behandlung wäre bei jedem fünften Kind notwendig, bei jüngeren häufiger als bei älteren Kindern, bei denen sie oft bereits abgeschlossen oder in Angriff genommen ist - allerdings bei Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten deutlich seltener. 42% aller Befragten weisen ein naturgesundes Gebiß auf.

Auf den Zustand der Zähne wirkt sich das Alter der Schüler/innen am stärksten (in diesem Fall negativ) aus, aber auch die Integration der Kinder in ihre Familie, die soziale Lage und, damit stark korrespondierend, die besuchte Schule sowie die ethnische Herkunft machen sich bemerkbar. Diese Faktoren entziehen sich weitgehend dem Zugriff der Schulen, nicht jedoch das "Ernährungswissen" und die "Sportaktivitäten".

Zwar hat die Präventionsforschung mit Jugendlichen gezeigt, daß das Ernährungsverhalten bereits im Kindesalter festgelegt wird und spätere Erziehungsversuche deshalb an Grenzen stoßen. Für geeignete pädagogische und sonstige schulische Maßnahmen bliebe dennoch ein Spielraum. Richtet man die Pausenverpflegung an den Vorschlägen der DGE aus und weckt im Unterricht Motivation und Mitarbeit - unter Einbezug der familiären Herkunft von Kindern und Jugendlichen, ihrer Ziele und Einstellungen - dann sollte es durchaus möglich sein, den Ernährungszustand, das Ernährungswissen und, zumindest tendenziell, das gesundheitsrelevante Verhalten auch in unterprivilegierten Bevölkerungsteilen stärker als bisher zu fördern.

* Kontakt:
Dr. Reinhard Wittenberg, Lehrstuhl für Soziologie,
Findelgasse 7 - 9, 90402 Nürnberg, Tel.: 0911/5302 -699, Fax: 0911/5302 -660
E-mail: reinhard.wittenberg@wiso.uni-erlangen.de