"Handbuch der Religionen" gibt Aufschluß über Glaubensvielfalt in Deutschland

20.04.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena. (20.04.99) Ein "Handbuch der Religionen" hat der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Udo Tworuschka von der Universität Jena gemeinsam mit dem Kölner Sozialhistoriker Prof. Dr. Michael Klöcker herausgegeben. Die Loseblatt-Sammlung, die zweimal jährlich aktualisiert wird, gibt Auskunft über alle Religionen und Glaubensgemeinschaften im deutschen Sprachraum, stellt ihre Genese und Entwicklung, die Inhalte ihrer Lehre, ihr Verbreitungsgebiet und auch die Organisationsstrukturen dar.

Weiterführende Literaturhinweise und Adreßlisten ergänzen das Kompendium. "Interessant ist das Handbuch nicht nur für Wissenschaftler, sondern wir haben in erster Linie an Praktiker wie Lehrer, Pfarrer, Sozialarbeiter, Ärzte, Politiker, Journalisten und auch an die Mitarbeiter in Ausländerämtern gedacht", beschreibt Prof. Tworuschka den Adressatenkreis. Grundsätzlich versuchen die Herausgeber und Autoren dem Informationsbedürfnis "einer Gesellschaft gerecht zu werden, in der der Faktor Religion sehr pluralistisch vorkommt".

"Dogmatisch wertende Urteile wird der Leser in unserem Handbuch nicht finden", hebt Udo Tworuschka hervor, "für eine Rangliste, wer den besten Glauben hat, kennt die Religionswissenschaft keine Kriterien." In dieser Hinsicht sei das Handbuch ein zuverlässiges und um wissenschaftliche Objektivität bemühte Nachschlagewerk. So vermeiden die Autoren auch tunlichst die abwertende Bezeichnung ,Sekten', wenngleich sie eine dezidierte Begriffsklärung in der nächsten Ergänzungslieferung anbieten wollen. Bei Gruppierungen jedoch, die wie die sogenannte "Scientology Church" sehr zwiespältig zu beurteilen sind, findet durchaus eine präzise problematisierende Darstellung statt, die quellenkritisch die geistigen Grundlagen dieser Vereinigung analysiert und z. B. gesellschaftspolitische und juristische Einschätzungen wiedergibt.

Etwa ein Drittel des Umfangs nimmt allein das Christentum ein. Überraschend für die Leser ist allerdings auch hier eine bemerkenswerte Vielfalt. Welcher Laie wüßte etwa, daß es außer der Römisch-katholischen auch eine Altkatholische Kirche gibt oder daß neben der griechischen und russischen Orthodoxie auch mazedonische, rumänische, bulgarische, koptische, serbische, äthiopische und syrische Varianten in Deutschland vertreten sind. Ebenso umfassend werden die reformatorischen Kirchen, ökumenischen Bestrebungen und christlichen Glaubensgemeinschaften außerhalb der Großkirchen behandelt.

Natürlich unterteilt sich der Islam nicht nur in Sunna und Schia, und ebenso ist das Judentum in mehrere Glaubensrichtungen gegliedert. "Man darf den Islam doch nicht einfach mit Fundamentalismus gleichsetzen", mahnt Tworuschka, vielmehr sei eine solide Differenzierung die Grundlage für den religionenübergreifenden Dialog. "Anders kann unser gesellschaftliches Gemeinwesen heute überhaupt nicht mehr funktionieren", erklärt der Religionswissenschaftler die politische Brisanz schwelender Glaubenskonflikte, "ob sie wollen oder nicht: Christen müssen heute in Deutschland mit Andersgläubigen zusammen leben." Aber ohnehin bildeten Christentum, Islam und Judentum eine abrahamitische Ökumene, die den einzigen Gott als ,barmherzigen Erbarmer' kenne. "Wer sich intensiver mit der Tora oder dem Koran beschäftigt, kann dabei das Christentum tiefer erfassen", regt Tworuschka an.

Klöcker, Michael/Tworuschka, Udo (Hrsgg.): Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland. Günter Olzog Verlag München. Loseblatt-Sammlung. 98,- DM

Ansprechpartner:
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