Großer deutscher Nationalatlas bestätigt Pisa-Studie

07.08.2002 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Heidelberger Mitarbeiter Dr. Caroline Kramer und Tim Freytag arbeiten am deutschen Nationalatlas mit - "Ergebnisse der Pisa-Studie waren uns nicht neu"

"Die Ergebnisse der Pisa-Studie waren uns nicht neu", sagt Dr. Caroline Kramer. Die Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Geographischen Institut der Universität Heidelberg ist eine von 35 Autoren aus ganz Deutschland, die am sechsten Band des deutschen Nationalatlas mitgearbeitet hat. Insgesamt sind zwölf Bände geplant, die wichtige Daten über das wiedervereinigte Deutschland darstellen sollen.

Als die Arbeit zum Bildungsatlas begonnen wurde, stand die Pisa-Studie noch nicht zur Verfügung. Außerdem sind die Zielsetzungen nicht ganz vergleichbar. "Die Pisa-Studie ist eine Stichprobe", sagt Tim Freytag, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut und weiterer Mitautor, "unser Atlas geht in die Tiefe". Nun zeigt sich, dass der Atlas die Ergebnisse der Pisa-Studie bestätigt.

Der Heidelberger Professor Peter Meusburger, Mitdirektor des Geographischen Instituts der Universität, hat weltweit das erste Lehrbuch zum Thema "Bildungsgeographie" geschrieben. In der Folge waren acht Heidelberger Autoren im Team für den Bildungsatlas vertreten. Es ist nicht einfach, in Deutschland Daten über das Bildungswesen zu sammeln. Jedes Bundesland erhebt andere Daten und stellt sie unterschiedlich zusammen, so dass die Statistiken kaum vergleichbar sind. "Ein Alptraum für Geographen", stöhnt Dr. Kramer. Die Autoren mussten jedes Bundesland gesondert untersuchen, teilweise sogar ungezählte Schulen einzeln anschreiben. Die Daten wurden ausgewertet, in Tabellen und Landkarten anschaulich dargestellt und mit Aufsätzen erläutert.

Für ihren Beitrag hat Dr. Kramer untersucht, wie viele Schüler in Deutschland die Schule ohne Schulabschluss verlassen. "Als ich die ersten Zahlen angeschaut habe, war ich mittelprächtig schockiert", sagt sie. In ganz Deutschland verlassen fast zehn Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss, vor allem Jungen. "Diese Jugendlichen haben nur geringe Aussichten auf einen Ausbildungsplatz", sagt Dr. Kramer, "sie sind für den Rest ihres Lebens auf niedrig bezahlte Arbeitsplätze angewiesen, die krisenanfällig sind." Unter den Jugendlichen ohne Schulabschluss ist der Anteil der ausländischen Kinder hoch. In Baden-Württemberg haben 37 Prozent der Kinder ohne Schulabschluss eine ausländische Herkunft, ein negativer Spitzenwert. "In unserem Bundesland werden ausländische Kinder wenig gefördert", sagt Dr. Kramer. In Hamburg sind es 29 Prozent, in Bayern 26 Prozent, in Rheinland-Pfalz 16 Prozent.

Natürlich beschäftigt sich der Bildungsatlas auch mit den Lehrern. Rund 670 000 Lehrer gibt es bei uns. Fast zwei Drittel des Lehrpersonals sind inzwischen Frauen, an Grundschulen liegt der Anteil noch höher. Der Atlas zeigt ein Ergebnis, das den Laien überraschen mag: Die Zahl der Vollzeitlehrer nimmt ab, gleichzeitig nimmt die Zahl der Teilzeitkräfte zu. "Häufig wird eine Vollzeitkraft, die aus dem Schuldienst ausscheidet, durch eine oder mehrere Teilzeitkräfte ersetzt", erläutert Freytag. So ist der Anteil der Teilzeitlehrer seit 1990 um 20 Prozent gestiegen. Manche Lehrer sind nur wenige Stunden pro Woche in ihrer Schule. Noch ein Ergebnis: Die Statistiken des Bildungsatlas zeigen, dass viele Lehrer älter als 50 Jahre sind, eine große Pensionierungswelle steht bevor. Freytag rät: "Man muss jetzt mit den Einstellungen von neuen Lehrkräften beginnen."

Der Bildungsatlas zeigt bei der Untersuchung der Schulen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern, zwischen Städten und Landkreisen. "Das ist für alle interessant, die sich mit Bildungs- und Kulturpolitik beschäftigen", sagt Dr. Kramer. Also Bildungspolitiker, interessierte Lehrer, Eltern und Laien.
Marion Gottlob

Info: Institut für Länderkunde, Leipzig (Hg.): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Band 6. Bildung und Kultur. 182 Seiten, gebunden. Akademischer Spektrum Verlag, Heidelberg 2002. Euro 99.

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