Im Institut für Schweißtechnik und Trennende Fertigungsverfahren (ISAF) der TU Clausthal ist gegenwärtig mit dem kirgisischen Gastwissenschaftler Dr. Talant Ryspaev ein Forscher aktiv, der den Schatz des verloren gegangenen deutschen metallurgischen Wissens zur Superplastizität von Magnesiumlegierungen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, bereichert um die intensive militärische Forschung während der Sowjetära, wieder ans Tageslicht hebt. Um welches, ehemals "Geheimwissen" geht es?
Superplastisch verformtes Aluminiumblech - eine Aufnahme aus der ehemals geheimen Dissertation
Dr. Ryspaev konnte die Ausgangsstruktur des Werkstoffes mit großen Körnern hin zu kleinern Körnern u.a. durch eine Wärmebehandlung modifizieren - eine zentrale Voraussetzung der Superplastizität.
Dr. Ryspaev promovierte in den Jahren 1984-88 an einem Moskauer militärischen Forschungsinstitut über superplastische Aluminiumlegierungen. Seine Dissertation wanderte in den "Giftschrank", nur für den vertraulichen Gebrauch. Mit dem Ende der Sowjetunion und angesichts der Tatsache, daß der sowjetische Chefkonstrukteur der sowjetischen Moskauer Raketenfabrik Sagdeev vor drei Jahren in die USA emigrierte, ist der Geheimnisschutz hinfällig.
Für den Flugzeug- und Raketenbau werden superplastische Legierungen auf Leichtmetallbasis verwandt. Superplastisch heißen sie, weil sie bei extrem langsamer Dehngeschwindigkeit (üblicherweise zwischen ein Hundertmillionstel bis Millionstel der Ausgangslänge pro Sekunde) und oberhalb von zwei Drittel der Schmelztemperatur aus einem vollen Werkstoff bis auf das 5000fache gedehnt werden. Ohne zu reißen! . Dipl.-Ing. Claus Christian Kedenburg, mit dem Dr. Talant Ryspaev im ISAF zusammenarbeitet, bringt es auf den Punkt: "Mit ihnen können, weil sie sich so exzellent umformen lassen, komplizierte Konstruktionen gefertigt werden."
Dr. Ryspaev beabsichtigt die Ergebnisse seiner ehemals geheimen Doktorarbeit in einer westlichen wissenschaftlichen Zeitschrift zu veröffentlichen. In seiner Promotion befaßte er sich mit wehrtechnisch bedeutsamen Alumiumlegierungen, deren Streckgrenze er, angreifend an den Parametern chemische Zusammensetzung und Wärmebehandlung, deutlich verbessern konnte. Dipl.-Ing. Claus Christian Kedenburg arbeitet in dem Clausthal-Hannoveraner Sonderforschungsbereich zum Werkstoff Magnesium an Fragestellungen der Superplastizität von Magnesiumlegierungen. Magnesium wiegt nur ein Drittel im Vergleich zu Aluminium, klar, daß trotz der vielen Probleme (Korrosion, schlechte Verformungseigenschaften) es im Flugzeug- und Automobilbau ein heiß begehrter Werkstoff ist, wenn die zahlreichen Schwierigkeiten im Einsatz überwunden werden können.
"Viele der am Aluminium gewonnen Erkenntnisse geben auch für meine Arbeit Hinweise", sagt Claus Kedenburg und ergänzt: "Vieles von dem, was wir heute am Werkstoff Magnesium erforschen, war in Deutschland in den zwanziger und dreißiger Jahren wohlbekannt. Nach dem Krieg nahmen die Allierten dieses für den (militärischen) Flugzeug- und Raketenbau so wichtige Wissen mit und untersagten den Deutschen die Forschung auf diesem Gebiet. So gelangte über ostdeutsche Wissenschaftler jener Jahre, die zwangsverpflichtet in Moskau arbeiteten, das Wissen in den Ostblock und wurde zielstrebig erweitert. "Militärforschung schöpfte aus dem vollen, wir hatten exzellente Apparaturen", sagt Dr. Ryspaev.
Heute "schleust" Dr. Ryspaev seine Kenntnisse in die internationale Wissenschaftlergemeinschaft ein und hilft so mit, daß die superplastischen Leichtbauwerkstoffe eine metallurgische Renaissance erfahren können. Militärische Anwendungen stehen nicht mehr im Mittelpunkt: "Für die Magnesiumlegierungen finden sich heute viele zivile Einsatzgebiete. Die Autoindustrie beispielsweise möchte und muß, um die Beschlüsse zur Reduktion des Kohlendioxidausstoßes zu erfüllen, Stahl und Aluminium im zunehmenden Maße durch Magnesium ersetzen", sagt Dipl.-Ing. Claus Christian Kedenburg. "Das leichtere Auto verbraucht weniger Sprit."
Dr. Ryspaev ist mit einem Stipendium der kirgisischen Regierung in Clausthal-Zellerfeld bis in den August des nächsten Jahres. Das Flugticket mußte er selbst bezahlen. "Und um das zu können, habe ich mein Auto verkauft", berichtet Dr. Ryspaev. Er arbeitet hart, zwölf bis dreizehn Stunden täglich. Die Familie wartet zuhause in Bischkek.
Weitere Informationen:
Institut für Schweißtechnik und Trennende Fertigungsverfahren
Dipl.-Ing. Claus-Christian Kedenburg
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