Brustkrebs: Bessere Weichenstellung für die Therapie

14.06.2000 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

(München) Neue Diagnosemethoden erleichtern bei Brustkrebs die Therapie-Entscheidung. Ärzte können darum die Behandlung dem individuellen Krankheitsrisiko von Brustkrebspatientinnen in der Zukunft besser anpas-sen, betonen Experten auf dem 53. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München.

Die schlechte Nachricht: Jährlich erkranken in Deutschland 46.000 Frauen an Brustkrebs. Statistiken belegen darüber hinaus, dass die Zahl der Neuerkrankungen steigt. Die gute Nachricht: Mehr als die Hälfte der Tumoren wird - dank besserer Früherkennung - im Frühstadium entdeckt.

Einfach ist die Therapie-Entscheidung bei Frauen mit einem geringen Risiko: Wenn der Tumor-Durchmesser unter einem Zen-timeter liegt, wenn die Geschwulst Bindungsstellen (Rezeptoren) für Östrogene trägt, wenn ihre Zellen nur geringfügig verändert sind und in den Achsel-Lymphknoten keine Krebszellen nachweisbar sind - dann kann die Patientin durch eine brusterhaltende Operation und nachfolgende Strahlentherapie mit großer Sicherheit geheilt werden.

Doch solche idealen Risiko-Konstellationen diagnostizieren die Ärzte nur bei fünf bis zehn Prozent der betroffenen Frauen. Bei der überwiegenden Mehrheit sieht das
Risikoprofil, das mit Hilfe von so genannten Prognosefaktoren (Größe und Reifegrad des Tumors, Vorhandensein von Hormonrezeptoren, Nachweis von Tumorzellen in den Achsel-Lymphknoten) bestimmt wird, hingegen ungünstiger aus. Die Folge: Etwa 90 Prozent der Frauen im Frühstadium der Erkrankung, also immerhin fast 21.000 Frauen pro Jahr, erhalten nach Operation und Bestrahlung eine vorbeugende (adjuvante) Chemotherapie. Diese soll vermeiden, dass der Tumor erneut zu wuchern beginnt oder Tochtergeschwülste (Metastasen) in anderen Organen bildet.

Denn mit den konventionellen Prognosefaktoren gelingt es nicht, jene Hochrisikopatientinnen - etwa 30 Prozent der Betroffenen - zu identifizieren, denen eine adjuvante Therapie wirklich nutzen könnte. Denn nur diese Frauen haben ein hohes Risiko, dass die Krankheit erneut ausbricht. Doch bislang fehlten die Möglichkeiten, diese Betroffenen zu identifizieren. Im Umkehrschluss bedeutet dieses diagnostische Defizit: Nur 30 von hundert Brustkrebspatientinnen, die sich einer adjuvanten Chemotherapie unterziehen, brauchen tatsächlich eine solche Behandlung; und statistisch gesehen profitieren letztendlich nur zehn von hundert Frauen wirklich von dieser Therapie.

Neue Prognosefaktoren erleichtern die Therapie-Entscheidung

Neue Prognosefaktoren, die derzeit in zahlreichen klinischen Studien überprüft werden, könnten Ärzten und Patientinnen nun die Therapieentscheidung erleichtern. Denn mit ihrer Hilfe ist es möglich, das individuelle Risiko betroffener Frauen besser abzuschätzen.

Zum einen handelt es sich dabei beispielsweise um tumorbiologische Faktoren wie uPA und PAI-1. Dabei handelt es sich um Faktoren, die bei der Invasion von Tumorzellen in das umliegende gesunde Gewebe sowie bei deren Ausbreitung im Körper eine Rolle spielen. Sie können durch eine Laboruntersuchung des herausoperierten Tumorgewebes bestimmt werden. Sind diese Werte niedrig, ist das Risiko der betroffenen Frau gering, dass die Krankheit wiederkommt. Dies ist bei mehr als der Hälfte (55 Prozent) der Patientinnen im Frühstadium der Krankheit der Fall. Entsprechend könnte diesen Frauen eine Chemotherapie erspart werden. Untersuchungen deuten darüber hinaus darauf hin, dass Frauen mit hohen Werten von einer vorbeugenden Chemotherapie profitieren.

Bedeutsam für die Prognose ist auch, ob der Tumor zum Zeitpunkt von Diagnosestellung und Erstbehandlung bereits einzelne Zellen über die Blutbahn ins Knochenmark abgesiedelt hat. Diese "schlummernden" Tumorzellen, Mikrometastasen genannt, können Ärzte mit Hilfe von spezifischen Antikörpern in einer Knochenmarksprobe aufspüren, die bei der Operation des Tumors entnommen wird.

Werden bei diesem Test Tumorzellen nachgewiesen, haben die Frauen ein deutlich erhöhtes Risiko, dass sich im Laufe der Zeit Fernmetastasen entwickeln, die bei Brustkrebs zumeist die eigentliche Todesursache sind. Auch eine solche Untersuchung kann - in Kombination mit anderen Prognosefaktoren - dazu beitragen, dass Frauen mit einem geringen Risiko eine vorbeugende Therapie erspart bleibt. Denn eine Untersuchung belegt, dass 99 Prozent der Frauen, bei denen weder in den Achsel-Lymphknoten noch im Knochenmark Tumorzellen nachweisbar sind, vier Jahre nach Diagnosestellung gesund sind.

Allerdings sind Mikrometastasen im Knochenmark mitunter auch bei Patientinnen nachweisbar, deren Lymphknoten nicht von Krebszellen befallen sind. Auch diese Frauen könnten von einer spezifischen Therapie profitieren.

Aggressive Therapie bei Risikopatientinnen

Bei Patientinnen mit ungünstiger Prognose behandeln die Ärzte inzwischen mit stärker wirksamen Chemotherapeutika, sogenannten Anthrazyklinen und Taxanen, alleine oder in Kombination. Sind Hormonrezeptoren auf den Tumoren nachweis-bar, schließt sich eine fünfjährige Hormonbehandlung an. Auch Monoklonale Antikörper werden inzwischen als Immuntherapie eingesetzt.

Blick in die Zukunft

Brustkrebspatientinnen werden in der Zukunft von Telemedizin und der Vernetzung zwischen Kliniken per Internet profitieren: Moderne Kommunikationstechnik wird dazu beitragen, dass beispielsweise Experten in speziellen Kompetenz-Zentren als Zweitgutachter dienen und so die Diagnostik sicherer wird. Dies wird vielen Frauen Angst und unnötige Eingriffe ersparen.
Auch die Operationsverfahren werden schonender, "Schlüsselloch-Eingriffe" (Laparoskopie) werden zum Standardverfahren, die Roboter-Technik wird ebenfalls in der Gynäkologie einziehen.
Aufgrund besserer Prognosefaktoren und präziserer Diagnostik wird die derzeit oft noch unvermeidbare Übertherapie mit Zytostatika minimiert werden. Darüber hinaus ist Professor Walter Jonat von der Frauenklinik der Universität Kiel, der Auffassung, dass bei der konventionellen Chemotherapie "das Ende der Fahnenstange erreicht ist". In der Zukunft dürften neue, tumorbiologisch begründete Therapieverfahren, etwa die Hemmung der Neubildung von Blutgefäßen zum Tumor (Angiogenese), sowie immunologische Strategien das Behandlungsspektrum erweitern und individualisieren.

Bei Rückfragen:
Adjuvante Chemotherapie:
Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg
Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm
Tel.: 0731-502-7601, Fax: 0731-502-7602
e-mail: rolf.kreienberg@medizin.uni-ulm.de

Früherkennung und Diagnostik:
Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Schulz
Direktor der Klinik für Gynäkologie, Gynäkologische Endokrinologie und Onkologie
Klinikum der Philipps-Universität Marburg
Pilgrimstein 3, 35037 Marburg
Tel.: 06421-286-6210
Fax.: 06421-286-8969
e-mail: haines@mailer.uni-marburg.de

Nachweis von Tumorzellen im Knochenmark:
Dr. Stephan Braun
Frauenklinik und Poliklinik der TU München
Klinikum rechts der Isar
Ismaningerstraße 22
81675 München
Tel.: 089-4140-1
Fax.: 089-4140-7410
e-mail: sgbraun@t-online.de

Zukunft der gynäkologischen Onkologie:
Prof. Dr. med.Walter Jonat
Direktor der Klinik für
Gynäkologie und Geburtshilfe
und Michaelis-Hebammenschule
Michaelisstraße 16
24105 Kiel
Tel.: 0431-597-2040
Fax: 0431-597-2146
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