Eine Altlast - vier Konzepte

21.09.2000 - (idw) Forschungszentrum Karlsruhe in der Helmholtz-Gemeinschaft

Auf dem 7. internationalen Altlastenkongress in Leipzig präsentierten Expertengruppen aus vier Ländern Konzepte für die Sanierung eines Geländes im Bitterfelder Chemiedreieck

Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen umweltpolitischen Vorgaben in den Ländern der EU auf die Behandlung von Altlasten? Auf Einladung von ConSoil 2000 - des 7. Internationalen Kongresses über Altlasten, der vom 18. bis 22. September in Leipzig stattfindet - haben vier Expertengruppen aus Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien eine Altlast im Raum Bitterfeld auf Grundlage ihrer jeweiligen nationalen Umweltpolitik bewertet und Sanierungskonzepte erarbeitet. Allen Lösungsvorschlägen gemeinsam ist der grundsätzliche Ansatz: Risikobewertung und Unterstützung der natürlichen Selbstreinigungsprozesse spielen eine zentrale Rolle. Unterschiede kommen dagegen in der Vorgehensweise und in den Vorschlägen zum Umfang der Sanierung mitsamt den daraus resultierenden Kosten zum Ausdruck.

Im Rahmen des Kongresses ConSoil 2000, den das Forschungszentrum Karlsruhe und TNO, die niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung, in Zusammenarbeit mit dem UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle veranstalten, wurde ein bisher einmaliges "Experiment" vorgestellt: die Auswirkungen der nationalen politischen Rahmenbedingungen von vier EU-Staaten anhand eines konkreten Sanierungsfalles zu vergleichen und zu bewerten.
ConSoil hatte vor einem Jahr Expertengruppen aus Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien eingeladen, für das Spittelwasser, eine Auenlandschaft im Chemiedreieck bei Bitterfeld (Sachsen-Anhalt), auf der Grundlage ihrer nationalen umweltpolitischen Vorgaben ein langfristiges Sanierungskonzept zu erarbeiten.
Alle Konzepte stimmen darin überein, dass eine Sanierung des Spittelwassers erforderlich ist: Dioxin- und Schwermetallkonzentrationen liegen in dieser hoch belasteten Region weit über den Grenzwerten, die nationale Vorschriften auf Dauer tolerieren. Übereinstimmung findet sich auch bei den Vorgehensweisen: Zunächst wird das Risiko bewertet, um mögliche Schäden an Mensch und Umwelt gegenüber den Sanierungskosten abzuwägen. Dabei wird die spätere Nutzungsform der Landflächen berücksichtigt. In die anschließenden Sanierungskonzepte werden die natürlichen Regenerationsprozesse als wesentliche Elemente einbezogen. Nationale Unterschiede ergeben sich hingegen bei der Frage nach der technischen Unterstützung dieser natürlichen Prozesse, dem erforderlichen Umfang der über sie hinausgehenden Sanierung, den unterschiedlichen Organisationsformen für die Durchführung der Maßnahmen sowie der Überwachung und den resultierenden Gesamtkosten, die zwischen 2,2 (Deutschland) und 472 (Großbritannien) Millionen Euro liegen.
Die Bewertung der verschiedenen Konzepte übernahmen die europäischen Umweltnetzwerke CLARINET (Contaminated Land Rehabilitation Network) und NICOLE (Network for Industrially Contaminated Land). Basis der Bewertung war ein Konzept von CLARINET für die nachhaltige Sanierung kontaminierter Landflächen. Das Konzept beinhaltet Vorgaben für die weitere Nutzung der Landflächen, den Schutz der Umwelt vor Schadstoffeintrag und die Reduktion des Aufwandes für die Nachsorge.

Hintergrund

Der Landkreis Bitterfeld liegt am Nordende des sogenannten Chemiedreiecks, einer großen Industrieregion an der Grenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Nutzung als Chemiestandort begann vor über 100 Jahren; die ökologischen Auswirkungen unter anderem von Chlorchemie, Braunkohleabbau und Film-Zellstoffproduktion bis ins Jahr 1990 waren gravierend. Das Spittelwasser speist den zentralen Fluss der Region, die Mulde, die wiederum in die Elbe fließt.
Die Sedimente des Spittelwassers enthalten hohe Konzentrationen von organischen Verbindungen wie Dioxine, Furane und Pflanzenschutzmittel, aber auch Schwermetalle. Die angrenzenden Uferflächen und Auen sind durch regelmäßige Überschwemmungen ebenfalls stark belastet. Die Schadstoffe werden durch das fließende Wasser in die Mulde und später auch in die Elbe gespült. Eine weitere Schadstoffquelle ist das in dieser Region stark verschmutzte Grundwasser, aus dem das Spittelwasser gespeist wird.

Nationale Konzepte
Das dänische Konzept hebt vor allem auf eine Reduzierung der Dioxinbelastung ab. Um künftige Überflutungen zu vermeiden, wird der Bau eines Auffangbeckens mit Schleuse vorgeschlagen. Kontaminierte Flächen sollen untergepflügt und abgedeckt werden, bis natürliche Prozesse die Schadstoffe abgebaut haben. Die Kosten für dieses Konzept liegen bei 3,8 Millionen Euro, hinzu kommen 0,15 Millionen Euro pro Jahr für die Überwachung über einen längeren Zeitraum.
Die deutsche Expertengruppe hat sich nach Abwägung verschiedener Konzepte (vom Aufbau eines Poldersystems bis zur Flussbegradigung) für einen Ansatz entschieden, der die natürlichen Gegebenheiten langfristig erhält. Die Nutzung der kontaminierten Flächen soll dabei beschränkt und ein Überwachungssystem eingerichtet werden, das von einer zu schaffenden lokalen Organisation verfolgt wird. Schadstoffabbau und Immobilisierung werden weitgehend natürlichen Prozessen überlassen. Die Kosten liegen bei etwa 2,2 Millionen Euro.
Einen erheblich breiter angelegten Ansatz mit größeren technischen Eingriffen verfolgt der niederländische Plan. Das stark kontaminierte Grundwasser, das ständig neue Schadstoffe nachliefert, wird in diesem Konzept mitbehandelt. Durch schnell sedimentierende Stoffe sollen die stark verschmutzten Flächen im Bachbett überdeckt werden, sogar eine vollständige Sanierung wird in Betracht gezogen. Nutzungseinschränkungen der Ufer- und Auenflächen müssen über einen längeren Zeitraum überwacht werden. Außerdem soll ein Überwachungssystem entwickelt werden, das wegen seines allgemeinen Interesses in ein europäisches Forschungsprogramm eingebettet werden kann. Die Kosten für die Umsetzung des Konzeptes liegen zwischen 61 und 237 Millionen Euro über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren.
Auch das britische Konzept verfolgt einen umfassenden, auf technische Eingriffe gestützten Lösungsweg: Der natürliche Abbau der Schadstoffe wird in vielen Fällen als nicht ausreichend angesehen. Insbesondere müssen die Sedimente im Flussbett abgedeckt werden, die natürlichen Abbauprozesse müssen verstärkt und überwacht werden. Stärker belastete Uferabschnitte müssen behandelt werden. Für die Waldflächen wird bei höherer Verschmutzung eine technische Unterstützung natürlicher Vorgänge vorgeschlagen. Insbesondere für die bewohnten Gebiete werden schnell umzusetzende Maßnahmen vorgeschlagen: Ausbaggern und chemisch-technische Behandlung des Aushubs sind die Mittel der Wahl. Die Kosten werden zwischen 87,4 und 472 Millionen Euro geschätzt, die Sanierung erstreckt sich über 20 Jahre.

Vergleich der Konzepte
Die Verschmutzungen im Spittelwasser-Gebiet sind so gravierend, dass sie deutlich über den Toleranzschwellen liegen, die von den verschiedenen nationalen Richtlinien vorgegeben werden. Alle Expertengruppen kommen zu dem Schluss, dass aktive Maßnahmen erforderlich sind.
Auch in der Vorgehensweise der Experten gibt es Parallelen: In allen Fällen beginnt der Prozess mit einer Risikoeinschätzung, um den erforderlichen Sanierungsaufwand einzugrenzen. Die derzeitige oder geplante Nutzung der Landflächen wird dabei in Betracht gezogen. Alle Sanierungskonzepte stützen sich auf natürliche Abbauprozesse, die in verschiedenem Umfang durch technische Maßnahmen unterstützt werden.
Die nationalen Umweltrichtlinien lassen für die Sanierung von Altlasten einen relativ breiten Spielraum; je nach Zielsetzung der Expertengruppe können daraus entweder besonders kostengünstige oder besonders vollständige (und damit teuere) Lösungen abgeleitet werden.
Auffällig sind die stark unterschiedlichen Kosten. Den relativ günstigen Vorschlägen aus Deutschland und Dänemark stehen die sehr umfangreichen Konzepte aus den Niederlanden und Großbritannien gegenüber. Im niederländischen Plan wird eine Vielzahl von Substanzen berücksichtigt, außerdem schreibt die Gesetzgebung die Sanierung des stark belasteten Grundwassers vor. Die britische Lösung geht ausführlich auf die derzeit unterschiedlichen Nutzungsformen der betroffenen Landflächen ein und orientiert daran das Leistungspaket.
Deutschland und in geringerem Maße Dänemark stellen den Aufbau einer lokalen Organisation für die Durchführung und Überwachung der vorgesehenen Maßnahmen in den Vordergrund. Der britische Vorschlag stützt sich dagegen vollständig auf schon vorhandene lokale Verwaltungsstrukturen.
Vor allem das deutsche Konzept stellt die Wirksamkeit natürlicher Abbauvorgänge für die Vielzahl der Schadstoffe in den Vordergrund und schränkt bis dahin die Landnutzung ein. Die höheren Kosten der anderen Konzepte sind dadurch bedingt, dass zusätzliche technische Maßnahmen ergriffen werden.

Fazit
Die unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen in den beteiligten EU-Staaten führen - bei weniger stark verschmutzten Flächen - vor allem in der Phase der Problemdefinition und bei der Risikoanalyse zu unterschiedlichen Handlungsstrategien. Auch das letztendliche Ziel der Maßnahmen, nämlich die Einhaltung von Schadstoffwerten, die für bestimmte Nutzungsarten von Landflächen noch tolerierbar sind, wird durch die nationalen Vorschriften vorgegeben. Zwischen Problemdefinition und Abschluss der Sanierung jedoch liegen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bezüglich der einzusetzenden technischen Maßnahmen, des Zeithorizontes und, daraus abgeleitet, der nötigen Geldmittel für die Sanierung.
Joachim Hoffmann 20. September 2000