Wenn Lehrer Gummibärchen kochen und Eiskrem mixen

19.10.2000 - (idw) Universität Bayreuth

Genussmittel im Chemieunterricht herstellen? Genau das taten 20 Chemielehrer bei einer Forbildung in Lebensmittelchemie an der Universität Bayreuth.


Geschafft! Die Lutscher sind gegossen
Wenn das die Schüler wüßten: Mix it teacher! Medienmitteilung
Nr. 39/2000
19. Oktober 2000
Fortbildung zu Lebensmittelchemie
Wenn Lehrer Gummibärchen kochen,
Brause mischen und Eiskrem mixen
Positive Rückmeldungen - besonders auch von Schülern

Bayreuth (UBT). Genussmittel im Chemieunterricht herstellen? Würden Sie Eiskrem essen, die ein Chemiker bereitet hat? Sicher mit einem gewissen Unbehagen, denn Chemie und Essen bzw. Lebensmittel stehen sich in der Laienmeinung unversöhnlich gegenüber.

Dass dies sicherlich nicht gerechtfertigt ist, zeigte eine Lehrerfortbildung, die die Abteilung für Didaktik der Chemie für oberfränkische Chemielehrer in Zusammenarbeit mit dem Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Oberfranken durchführte. 20 Lehrer kochten Gummibärchen, mischten Brause, gossen Lollies oder mixten Eiskrem - wäre ein interessanter Anblick für Schüler gewesen. Gerade Schüler sollen in den Genuss dieser Süsswaren kommen. Und das gleich in zweierlei Hinsicht: einmal im wahrsten Sinn des Wortes, wenn sie die Genussmittel im regulären Unterricht selber herstellen, und im übertragegen Sinn, wenn sie aus der Schulchemie heraus viel mehr über das erfahren, was sie essen, als es der Lehrplan vorsieht.

Mit modernen Inhaltsstoffen wie Verdickungsmitteln, Emulgatoren, Fettersatzstoffen und modifizierter Stärke kann kaum ein Chemielehrer viel anfangen, wenn er sich auf das verlässt, was er aus dem Studium mitbringt. Das ist nicht verwunderlich, da zum einen das gesamte Teilgebiet Lebensmittelchemie in Lehramtsstudienordnungen abwesend ist, zum anderen viele der Stoffe erst aufgetaucht sind, nachdem die meisten Chemielehrer schon unterrichteten.

Auch in Zukunft wird es neue Zusatzstoffe geben. Unkenntnis erzeugt Angst vor Lebensmittel - eine sehr ungute Situation, zumal man den Kontakt naturgemäß nicht vermeiden kann. Schüler auf solche Situationen vorzubereiten bzw. damit nicht allein zu lassen, war einer der Beweggründe für eine solche Fortbildungsveranstaltung. Die Objekte (Gummibärchen, Schokoeis) sind attraktiv, von praktisch allen Schüleraltersstufen umzusetzen, besitzen in Teilen Bezüge zum herkömmlichen Chemie- und Hauswirtschaftsunterricht und liefern nach Selbsttätigkeit ein Produkt, das dem käuflichen, industriellen Produkt im Geschmack in nichts nachsteht. Im Gegenteil: durch die freie Kombinierbarkeit von Säuren, Farb- und Aromastoffen kann jeder seine individuelle Geschmacksvariante kreieren. Blaue Fruchtgummis sind genauso machbar wie Hustengummis, lila Red-Bull-Eiskrem oder pinkfarbene Pflaumenbrause. Dass man dabei auch handfeste Chemiekenntnisse über Gelatine, Johannisbrotkernmehl, Inulin und naturidentische Aromen erwirbt, wird von den Lehrern als angenehme Begleiterscheinung empfunden.

Postwendend kam die Rückmeldung von einem der Teilnehmer: "Die Kinder ... waren begeistert. Die Kommentare sind nicht zu beschreiben. 'Auf diese Fortbildung hätte ich auch gewollt... , ... endlich einmal eine gute Fortbildung... , ... die schmecken viel besser wie die gekauften (gemeint: Fruchtgummis)... , das müssen wir unbedingt auch ausprobieren ...' usw. Das hätten Sie einfach erleben müssen."

Solche Rückmeldungen machen auch dem Ausrichter Spass und Mut zu neuen Anstrengungen in diesem Zwischenbereich zwischen Forschung, Produktion und Konsum - typische Aufgabengebiete einer Fachdidaktik.

Übrigens: wenn Sie demnächst frische Bio-Ananas aus tropischen Gefilden essen, denken Sie nicht daran, dass ganz natürlich Formaldehyd, Chloroform, Furaneol und Benzol enthalten ist, sonst schmeckt sie Ihnen vielleicht nicht mehr so wie vorher. Seien Sie beruhigt: diese "Chemikalien" sind schon einige Millionen Jahre in der Größenordnung von einigen Zehnmillionstel Gramm drin. Wenn man sie herausnähme, würde die Ananas, wenn überhaupt noch, dann sicher nicht mehr nach Ananas schmecken.
Walter Wagner
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