Gott im Feuilleton

11.12.2000 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Während die christlichen Kirchen einen starken Mitgliederschwund beklagen und sich die Gotteshäuser leeren, singt die Band "Die Toten Hosen" vom Paradies und Buchmessen finden unter dem Titel "Gott" statt: Religion wird zum Kulturgut und Gott rutscht ins Feuilleton. Glauben Jugendliche noch an Gott? Wie sieht ihr Gottesbild aus? Gibt es regionale Unterschiede in Europa? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Tagung, die gestern an der Universität Würzburg zu Ende ging.

Unter dem Titel "Imagining God in Europe - Disappereance or Change?" hatte Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Ziebertz vom Lehrstuhl für Religionspädagogik der Universität Würzburg vom 7. bis 10. Dezember 17 Wissenschaftler aus verschiedenen europäischen Ländern und aus Israel eingeladen. Sie alle stellten ihre Forschungsergebnisse bei öffentlichen Vorträgen und Diskussionsrunden vor.

Alle Untersuchungen stimmen darin überein, dass die meisten Jugendlichen in Europa von der Existenz Gottes überzeugt sind und sich Gedanken über ihn machen. So bejahen nur wenige Heranwachsende Sätze wie "Gott ist eine Erfindung der Menschen" oder "Es gibt keine höhere Macht". Religionskritische Aussagen, welche die Existenz Gottes verneinen, haben laut Prof. Ziebertz "ihren Zauber weitgehend verloren".

Allerdings seien die Vorstellungen, die sich Jugendliche von Gott machen, nicht einfach identisch mit den Gottesvorstellungen des Christentums. In allen untersuchten Ländern gebe es einen Trend zu einem abstrakten und unpersönlichen Gott, der in vielfältigen Bildern ausgedrückt werden kann. So ist laut Prof. Pace (Padua) in Italien die Bereitschaft groß, die Aussagen verschiedener Religionen in den eigenen Glauben aufzunehmen: Den jungen Menschen sei es egal, woher das kommt, woran sie glauben. Wichtig sei, dass es ihnen hilft, ihr Leben zu meistern.

Nach Prof. Tomka (Ungarn) und Prof. Pasierbek (Polen) ist vor allem in den osteuropäischen Staaten seit der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" ein rapider Bedeutungsverlust der christlichen Gottesvorstellungen feststellbar. Gott sei für die meisten Jugendlichen eine höhere Macht, die von den verschiedenen Religionen nur unterschiedlich benannt wird.

Trotz dieser Veränderungen im Gottesbild Jugendlicher sehen die Wissenschaftler gute Chancen für die Zukunft christlicher Motive: Studien am Würzburger Lehrstuhl haben gezeigt, dass Jugendliche sich nach wie vor Gedanken über Gott machen. Allerdings erzählen sie davon in ihrer eigenen Sprache und benutzen Begriffe, die ihnen wichtig sind. Prof. Ziebertz: "Auf den ersten Blick haben diese Erzählungen nichts mit den christlichen Vorstellungen von Gott gemeinsam. Hört man aber genauer zu, dann entdeckt man Motive, die auch im Christentum eine zentrale Rolle spielen." So fühlen sich die Jugendlichen bei Gott geborgen, reden irgendwie mit etwas Höherem und erhoffen sich Heil von ihm. Die neuen Gottesbilder Jugendlicher stehen also offenbar weniger für einen Abschied vom Christentum als für einen Bedeutungswandel christlicher Motive.

Während der Tagung wurde deutlich, wie wichtig empirische Forschung auch im Bereich der Theologie ist. Gerade in einer Zeit, in der die kirchliche Bindung vieler Menschen nachlässt, könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Menschen die Sprache der Theologie verstehen. Theologie müsse deshalb um den Bedeutungswandel christlicher Motive wissen, um die Menschen zu erreichen. In diesem Zusammenhang betonte Prof. Schweitzer (Tübingen) die Notwendigkeit einer eigenständigen empirisch-theologischen Forschung. Die Umfrageergebnisse der Sozialwissenschaften seien nur bedingt brauchbar, das sie aus einem anderen Interesse heraus fragen als Theologen.

Jugendliche suchen nach wie vor Antworten auf die Fragen ihrer Zeit. Dabei spielt die Religion, wie Prof. Hutsebaut (Belgien) zeigte, für sie noch eine Rolle. Allerdings sind Jugendliche nicht mehr bereit, sich die Antworten vorgeben zu lassen: Wo die Kirchen das tun, werden sie von den Heranwachsenden abgelehnt.

Keine Berührungsängste zeigen Jugendliche dagegen, wenn sich die Kirche mit ihnen auf die Suche macht. Dies könne die Theologie mit empirischen Mitteln tun. Von der gemeinsamen Suche profitieren laut Prof. Klinger (Würzburg) auch die christlichen Kirchen: Zum einen führe die eigenverantwortliche Suche Jugendlicher nach Gott nicht zu einem Sammelsurium verschiedener Religionen: Nach wie vor sei im Glauben junger Menschen eine christliche Grundstruktur zu erkennen, in die Elemente anderer Religionen integriert werden. Religiöse Selbstständigkeit führe also nicht automatisch ins religiöse Chaos. Auf der anderen Seite finde die Kirche in der gemeinsamen Suche neue Bilder und Ausdrucksformen für ihre Botschaft, so dass christliche Traditionen lebendig bleiben.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Ziebertz, T (0931) 888-4838, Fax (0931) 888-4840, E-Mail:
hg.ziebertz@mail.uni-wuerzburg.de