Sport als Mittel der Resozialisierung von jugendlichen Strafgefangenen

14.12.2000 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das Institut für Sportwissenschaft und der Universitätssportverein e. V. der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg realisieren ein Projekt zur Eingliederung jugendlicher Strafgefangener

Angesichts des hohen Stellenwertes, der dem Sport im Rahmen einer erfolgreichen Resozialisierung von Strafgefangenen beigemessen wird, gibt es für die in der Jugendanstalt (JA) Halle inhaftierten Jugendlichen seit 1993 zielgerichtete Sportangebote.
Von Anbeginn setzte die Anstaltsleitung auf eine sportfachliche und sozialpädagogische Betreuung von außen durch kompetente Partner. Dafür wurden das Institut für Sportwissenschaft an der halleschen Alma mater und der Universitätssportverein Halle e. V. gewonnen.

Die Betreuung der Jugendlichen in der JA Halle ist in die Projektarbeit der Studenten im Hauptstudiengang Diplomsportwissenschaft eingebunden. Bisher waren 17 Studierende für jeweils vier Semesterwochenstunden im Einsatz. Neben den jährlichen Projektberichten initiierten die Mitarbeiter der beiden Einrichtungen 1997 erste wissenschaftliche Begleitstudien. Nun liegt die Diplomarbeit des Studenten Frank Wirth vor, die eine erste Zusammenfassung der bisherigen Projektarbeit vornimmt.

Die Aufgaben der Jugendanstalt stellen sich sehr vielfältig und umfangreich dar. Auf der Basis rechtlicher Voraussetzungen und staatlicher Verantwortung sollen die verurteilten Jugendlichen nicht einfach "weggeschlossen" werden, sondern mit erzieherischen Maßnahmen konfrontiert werden, um den Prozess der Resozialisierung zu unterstützen. Die gegebenen Möglichkeiten und Maßnahmen sind umfassend. Sie schließen die Fortsetzung einer Schul- und Berufsbildung ein, greifen in einer sozialpädagogischen Betreuung unter ergotherapeutischen Gesichtspunkten und werden, wenn notwendig, mit einer psychologischen Betreuung durch einen Anstaltspsychologen ergänzt.
Die im Projekt verankerten Sportangebote stellen also nur e i n Mittel dar. Die Hauptziele, die mit sportlichen Aktivitäten bei jugendlichen Gefangenen verfolgt werden können, lassen sich wie folgt charakterisieren:

1. Ausgleich von Bewegungsarmut und Steigerung der physischen Belastungsfähigkeit

2. Erhalt und Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens

3. Abbau psychischer Spannungen und Stärkung des Selbstwertgefühls

4. Einüben von sozialem Verhalten

5. Erlernen einer sinnvollen Freizeitgestaltung

Die inhaftierten Jugendlichen erhielten einen Fragebogen zur Beantwortung, der ihre Einstellung und ihre Beweggründe zum Freizeitverhalten, vor der Straftat, während des JA-Aufenthaltes und nach der Haftzeit, unter besonderer Berücksichtigung der sportlichen Betätigung, widerspiegelt. Die Auswertung ergab folgende Hauptaussagen:

90 von 101 Befragten (Durchschnittsalter 18,5 Jahre) haben vor ihrer Inhaftierung in ihrer Freizeit Sport getrieben, 49 waren sogar zeitweise Mitglied in einem Sportverein.

Ein Drittel der Befragten ist mit den bisherigen Möglichkeiten zum Sporttreiben unzufrieden und wünscht sich ein verbessertes Sportangebot in der JA Halle.

Die Hauptmotive der Jugendlichen zum Sporttreiben in der JA Halle sind vor allem der Erhalt der körperlichen Gesundheit und die Verbesserung der Fitness, aber auch soziale Anschlußmotive haben eine hohe Bedeutung. So hoffen die Jugendlichen nach ihrer Entlassung, beim Sporttreiben neue Freunde kennenzulernen. Letzteres erhält eine besondere Gewichtung, wenn festgestellt wird, dass bei 90% der Befragten sich das Bedürfnis gefestigt hat, auch nach der Entlassung weiterhin Sport zu treiben, knapp die Hälfte der Befragten könnte sich vorstellen, einem Sportverein beizutreten.

Durch die vorliegenden Ergebnisse sehen sich die Projektmitarbeiter in ihrem Bemühen bestärkt, das Sportangebot in der JA Halle weiter zu verbessern, Freigänger und entlassene Jugendliche gezielter bei der Suche nach Sportmöglichkeiten zu unterstützen und die Wirkung sozialpsychologisch betreuter Sportmaßnahmen auf die Verhaltensänderungen, vor allem von Langzeit-Inhaftierten, zu evaluieren.

Dr. Andreas Lau

Ansprechpartner:
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Sportwissenschaft
Dr. paed. Andreas Lau
Tel. 0345 / 55 244 38
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