Volluniversität - Auslaufmodell oder Zukunftsvision?

09.04.2001 - (idw) Technische Universität Dresden

Nun ist er da - der mit Spannung erwartete Empfehlungsbericht der Sächsischen Hochschulentwicklungskommission (SHEK). Nach dem ersten Lesen verfestigt sich der Eindruck, dass der Bericht vor allem gegenüber dem Vorentwurf an Qualität und Ausgewogenheit deutlich gewonnen hat. Viele Dinge werden angeregt, die erwägenswert sind; viele empfohlen, deren Umsetzung schon unterwegs ist, durch die Kommissionsempfehlung aber einen deutlichen Schub erfahren wird. Die klare Stellungnahme für Umorganisation der Ressourcen statt deren Liquidierung wird sicher auch die Staatsregierung ermutigen, gefasste Beschlüsse nochmals zu überdenken.

Dies alles wird nicht auf dem offenen Markt geschehen. Wir treten ein in eine Zeit intensiver Gespräche. Zunächst innerhalb der Hochschule und dann auch mit der Staatsregierung.

Aber ein Aspekt erscheint mir doch wichtig, öffentlich erörtert zu werden, weil er für die Übergabe des Berichtes die Schlagzeilen geliefert hat: "Die Volluniversität - ein Auslaufmodell" tituliert eine Dresdner Tageszeitung. Von "unkontrolliertem Wildwuchs an Fächern" ist in einer anderen Kolumne die Rede.

Die Technische Universität Dresden, die ihr Selbstverständnis und ihre Zukunftsmission als "Volluniversität" sieht, muss es eigenartig berühren, plötzlich als "Auslaufmodell" deklariert zu werden, wo man doch andererseits Reformuniversität des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft ist, über die einzige medizinische Reformfakultät in Deutschland verfügt und auch sonst über all die Jahre in Medien immer das Image einer progressiven und dem Neuen aufgeschlossenen Institution erwerben konnte.

In solchen Fällen tut man gut daran, sich über den Inhalt des Begriffes Gedanken zu machen, um auszuschließen, dass man über verschiedene Dinge redet.

Der Begriff "Volluniversität" ist in der Tat mit unterschiedlichen Bedeutungen belegt.

Das wurde sogar in der Arbeit der SHEK sichtbar. Noch im Vorentwurf des Berichtes wird "von der einzigen Volluniversität des Landes, nämlich Leipzig" gesprochen. Der Begriff "Volluniversität" wird hier im Sinne einer vollen und tief gestaffelten Präsenz eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächerspektrums gebraucht.

Dass in Leipzig die Ingenieurwissenschaften fehlen, stört bei der Definition offenbar nicht, denn in klassischer universitärer Sicht galten die Ingenieurwissenschaften lange Zeit lediglich als technische Umsetzungen wissenschaftlicher Lösungen, die für sich nicht den Anspruch auf "Wissenschaft" erheben durften. Daher organisierten sich die Ingenieure in eigenen Institutionen, die sie Polytechnika nannten. Auch die Technische Universität Dresden war einmal ein Königlich-Sächsisches Polytechnikum, bevor sie nach langem Kampf am Beginn des 20. Jahrhunderts den Status einer Technischen Hochschule und das Recht erhielt, den Titel "Dr.-Ing." zu verleihen.

Das 20. Jahrhundert war dann gekennzeichnet vom Siegeszug der Technologie, die einher ging mit einer starken Ausdifferenzierung der ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen. Die Technischen Hochschulen avancierten zu Technischen Universitäten, weil die Vielzahl der Fächer universitäre Ausmaße angenommen hatte.
Sie avancierten zu einem "technischem Universum", das aber ebenso nur eine Teilwelt war, wie es für das "geistige Universum" - die klassischen und modernen Geistes- und Sozialwissenschaften - schon lange galt. Aber beide Teilwelten entwickelten sich getrennt voneinander. Es bildeten sich unterschiedliche Denkweisen, Vokabulare und Sujets heraus, die kaum von der jeweils anderen Teilwelt Notiz nahmen.

Nun stehen wir im 21. Jahrhundert und im Anfangsstadium einer naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung, die das Zusammenwirken der beiden Welten unabdingbar macht. Wenn die Entwicklung der Gentechnik die Duplizierung höherer Lebewesen einschließlich des Menschen ermöglicht, wenn künstliche Viren in die Blutbahn geschickt werden können, um Krebszellen gezielt zu zerstören, aber auch anderes zu bewirken, wenn man glaubt, schon bald über "denkende Maschinen" zu verfügen oder ein Gehirn zu scannen und es auf einen anderen Träger zu überführen, dann ist ein isoliertes Weiterentwickeln der technischen Teilwelt unverantwortlich. Diese Entwicklungen müssen nicht nur durch das enge Tor moralischer Beurteilungen gehen, sie müssen auch rechtlich begleitet werden, bedürfen der begrifflichen Untersuchung und der öffentlichen Vermittlung.

Dies kann auch die Gesamtheit der naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen nicht leisten. Dazu bedarf es der Kooperation und nicht etwa nur der Dienstleistung der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Diese Komplexität der zukünftigen Probleme erfordert das Zusammengehen vieler Einzeldisziplinen und braucht auch die gemeinsame Institution, die dieses Zusammenwirken entwickelt und steuert.

Damit sind wir bei einem neuen Inhalt des Begriffes "Volluniversität". Es geht nicht mehr um die Vollständigkeit des Fächerspektrums einer Teilwelt, sondern um ein klug organisiertes Zusammenspiel unterschiedlicher wissenschaftlicher Teilwelten: Der technisch-naturwissenschaftlichen Teilwelt, in die auch die Medizin eingeschlossen werden muss und die geistes- und sozialwissenschaftliche Teilwelt.

Das ist die Idee, die dem Ausbau der Technischen Universität Dresden zur "Volluniversität" durch die Sächsische Staatsregierung in den Jahren 1990 bis 1993 zu Grunde lag. Die SHEK tat gut daran, dies in ihrem Bericht "als eine kluge und weitsichtige Entscheidung der sächsischen Hochschulpolitik in den 90-er Jahren" zu würdigen.

Dass wir auf diesem Weg, Brücken zu bauen über geistige Schluchten, die in Jahrhunderten gewachsen sind, erst am Anfang stehen, bescheinigt uns die Kommission, und niemand wird es bestreiten. Dass es aber im Wettbewerb universitärer Modelle auch diesen Typ einer Volluniversität geben muss, ist für die Zukunft der wissenschaftlichen Entwicklung und damit auch für das Leben aller Menschen genauso sicher.

Die Entwicklung der Wissenschaft ist offen. Es gibt kein "irdisches Superhirn", welches das endgültige Ziel kennt und den Weg dorthin optimieren könnte. Die Ziele der Wissenschaft ändern sich in der Zeit und in Abhängigkeit von den erreichten Ergebnissen. Von Zeit zu Zeit muss man innehalten und das richtige Vorgehen neu überdenken.

Dazu bietet der Kommissionsbericht einen guten Anlass, und die Technische Universität Dresden wird diese Chance zu nutzen wissen.

Dresden, April 2001
Prof. Dr. rer. nat. habil. Achim Mehlhorn
Pressestelle TU Dresden - Mathias Bäumel, Telefon (03 51) 4 63- 23 98