Wertvolle Sammlung der Pädagogischen Stiftung Cassianeum für die UB Augsburg

05.07.2001 - (idw) Universität Augsburg

Feierliche Übergabe mit Vortrag und Katalogpräsentation am 9. Juli -

Mit dem jüngst erfolgten Ankauf der privaten Bibliothek des Donauwörther Verlagsgründers und Publizisten Ludwig Auer (1839-1914) sowie des Archivs der vollständigen Verlagsproduktion des katholischen Schulbuchverlags Ludwig Auer von 1875 bis heute ist der Universitätsbibliothek Augsburg eine bedeutende Erweiterung ihrer historischen Bestände gelungen. Die rund 10.000 Bände umfassende Erwerbung komplettiert die vor 20 Jahren von der Universitätsbibliothek übernommene Sondersammlung Cassianeum, einst Bibliothek der 1875 von Ludwig Auer gegründeten Pädagogischen Stiftung Cassianeum. Zur offiziellen Übergabe und einem anschließenden Empfang laden die Universität und die Pädagogische Stiftung Cassianeum am Montag, dem 9. Juli 2001, auch die Vertreterinnen und Vertreter der Medien herzlich ein (Beginn um 18.00 Uhr im Foyer der Zentralbibliothek, Universitätsstraße 22).


Durch den Ankauf der privaten Bibliothek des Donauwörther Verlagsgründers und Publizisten Ludwig Auer (1839-1914) hat die Universitätsbibliothek Augsburg ihre historischen Bestände bedeutend erweitern können. Grafik: K. Urch/UB Augsburg Bei der feierlichen Übergabe steht u. a. ein Vortrag von Peter Kastner, Mitglied des Vorstands der Pädagogischen Stiftung Cassianeum, über "Die Entwicklung der Pädagogischen Stiftung Cassianeum und ihrer Bibliothek" auf dem Programm. Außerdem präsentiert die Universitätsbibliothek erstmals einen Katalog der einmaligen, ca. 14.000 Bände umfassenden Schulbuchsammlung des Cassianeums auf CD-ROM. Noch bis zum 27. Juli 2001 ist in der Stadtsparkasse Augsburg, Halderstraße 3, eine Ausstellung der Universitätsbibliothek zu sehen, die unter dem Titel "Schöne Bücher - herrliche Zeiten - glückliche Kinder?" illustrierte Kinderliteratur der Kaiserzeit aus der Sondersammlung Cassianeum vorstellt (siehe PD 50B/01).

EINMALIGE HISTORISCHE SAMMLUNG PÄDAGOGISCHER LITERATUR

Die Universitätsbibliothek Augsburg ist unter den neueren Universitätsbibliotheken des Freistaats Bayern die einzige, die über einen wertvollen Altbestand verfügt. Nach der Bibliothek Oettingen-Wallerstein ist das Cassianeum die zweitgrößte Sondersammlung im Hause. Sie enthält die ehemalige Pädagogische Bibliothek der Pädagogischen Stiftung Cassianeum und umfaßt rund 85.000 Bände. Die Sammlung kam 1981 zunächst als Dauerleihgabe ins Haus und konnte 1989 angekauft werden; sie wird derzeit katalogisiert. Die Schwerpunkte liegen auf pädagogischer Literatur (Fachbücher, Schulbuchsammlung) und Belletristik.

Die Schulbuchsammlung mit dem Schwerpunkt auf dem Erscheinungszeitraum 1880-1920 ist überregional bedeutsam, weil Schulbücher seinerzeit nicht systematisch gesammelt wurden, heute aber als wichtige Quellen zur Geschichte der Bildung und Erziehung geschätzt werden. Daher wurde die Erschließung dieses Spezialbestandes durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Gefehlt hatten aber bislang die Werke aus dem Verlag des Cassianeums-Gründers Ludwig Auer, der einer der ältesten und bedeutendsten bayerischen Schulbuchverlage ist. Sie ergänzen nun als komplette Reihe von 1875 bis heute den Bestand. Zusätzlich erhält die Universitätsbibliothek die Neuerscheinungen ab 2001 kostenlos. Angekauft wurde auch die private Bibliothek Auers, seinerzeit der Grundstock der Cassianeums-Bibliothek. Sie enthält u.a. weit verbreitete Publikumszeitschriften, die bundesweit nirgends vollständig vorhanden waren.

DIE PÄDAGOGISCHE STIFTUNG CASSIANEUM - EIN GANZHEITLICHES KONZEPT

Die "Pädagogische Stiftung Cassianeum" mit Sitz in Donauwörth hat ihren Namen von dem frühchristlichen Märtyrer Cassian von Imola; er gilt als Schutzpatron der Lehrer. Entstehung und Geschichte des Cassianeums sind eng verbunden mit der Person des Lehrers, Verlegers und Publizisten Ludwig Auer (1839-1914). Er gründete 1875 die "Pädagogische Stiftung Cassianeum", die bis heute besteht, und gliederte sie in drei Abteilungen, die der Familienerziehung, der Schulbildung und der Fortbildung im katholischen Geist dienen sollten.

Geistiger Mittelpunkt war das "Pädagogium" d. h. die pädagogische Abteilung, in der Lehrer und Geistliche tätig waren. Hier entstanden die Publikationen zur Pädagogik; hier wurden Zeitschriften, Kalender und die übrige Verlagsproduktion lektoriert. Zum "Pädagogium" gehörten auch ein "Knabeninstitut" zur Berufsvorbereitung und ein Internat; nach 1910 kam ein Waisenhaus hinzu. Als Hilfsmittel für die Arbeit wurden die Pädagogische Bibliothek und Sammlungen für Unterrichtszwecke aufgebaut.

Ludwig Auer veröffentlichte 1908 eine "Erziehungslehre". Darin plädiert er vehement für die kindliche Entwicklung als Maß der schulischen Dinge und forderte, dass Lehrer und Eltern ihren Kindern "Zeit zum Lernen lassen" und nicht "das Einochsen einer Menge von Lehrstoff" zur Hauptsache machen. Er schrieb: "An einem Holzblock und an einem Steinblock kann man herumschneiden und herumklopfen, wie man will und kann daraus machen, was man will, aber an einem lebendigen, organischen Wesen kann kein anderer nützlicher Einfluß geübt werden, als dass man seinen natürlichen Entwicklungsgang genau studiert und diesen natürlichen Entwicklungsgang zu fördern sucht." In diesem Punkt ist Auer mit den Schriften der Reformpädagogik seiner Zeit einig und heute noch modern.

Die zweite Abteilung, die Geschäftsabteilung, bildete die wirtschaftliche Ertragsbasis. Auer hatte schon 1875 auch eine Buchdruckerei - die Keimzelle seines Verlagsunternehmens -, eine Buchhandlung und ein Antiquariat ins Leben gerufen. Wie ausgeprägt sein Organisationstalent als Verleger war, zeigt die Zahl der Abonnements, die sein Verlag bediente. Schon 1877 sollen es 200.000 gewesen sein, darunter z.B. die Publikumszeitschriften "Monika", eine Wochenzeitschrift für Frauen, und die Kinderzeitschrift "Schutzengel", die bis in unsere Zeit hinein erschienen. Die Abteilung wurde laufend ausgebaut; 1922 hatte sie 250 Mitarbeiter. Die dort hergestellten und verlegten religiösen Bücher, Kalender, Lehrbücher, Gebetbücher, Zeitschriften und Broschüren summierten sich zu Millionen von Bänden.

Die dritte Säule des Cassianeums bildete der Grundbesitz, bestehend aus dem ehemaligen Benediktinerkloster Heilig Kreuz, den Verlags- und Wirtschaftsgebäuden sowie Spielplätzen, Obstpflanzungen und weiteren Grundstücken. 1877 hatte Auer auch die Heilig-Kreuz-Kirche gekauft, restaurieren lassen und die traditionelle Wallfahrt dorthin wiederbelebt.

1910 überführte Ludwig Auer das Cassianeum, das sein Privateigentum war, in die Rechtsform einer Stiftung. Damit erhielten die Einrichtungen in Donauwörth ein Fundament, das bis heute trägt. Die Stiftung ist heute das Dach der Wirtschaftsunternehmen der Ludwig Auer GmbH in Donauwörth. Zu ihnen gehören der Verlag, die Druckerei, die Buchbinderei und die Buchhandlungen Seitz & Auer.

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Universitätsbibliothek Augsburg, 86135 Augsburg
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o Dr. Paul-Berthold Rupp, Referat Altes Buch, Telefon 0821/598 5353