"Polarstern" kehrt vom Grönländischen Kontinentalrand zurück

14.10.2002 - (idw) Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Am 15. Oktober kehrt das Forschungsschiff "Polarstern" des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) von seiner 18. Arktisreise zurück nach Bremerhaven. Rund hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren während der vier Monate dauernden Arktis-Expedition an Bord, um Daten zu sammeln über die Kontinentalverschiebungen zwischen Spitzbergen und Grönland, über die Meeresströmungen in der Framstraße und vor der Grönländischen Küste und über die Lebewesen im Eis und in der Tiefsee. Sie fanden die Eisgrenze überraschend weit im Norden. "Polarstern" legte auf dieser Fahrt ihre einmillionste Seemeile für die Forschung zurück.


Im Kielwasser Alfred Wegeners: Forschungsschiff "Polarstern" Weniger Meereis
Die Erforschung des Lebens im Meereis war in diesem Jahr schwieriger als sonst. Das Eis hat sich weit nach Norden zurückgezogen. Die Forscher mussten lange nach geeignet großen und stabilen Eisschollen suchen, um sich dort sicher aufhalten und ihre Geräte aufbauen zu können.
"Die Vermutung, dass diese Situation von der globalen Erwärmung herrührt, liegt nahe. Es kann sich aber auch um eine natürliche Schwankung in der Eisbedeckung handeln", sagt der wissenschaftliche Fahrtleiter Dr. Wilfried Jokat.

Tiefenkonvektion vom Schelf aus
Andere Arbeiten wurden durch die Eissituation begünstigt: Ozeanografische Messungen, die Aufschluss über die Meeresströmungen geben, konnten in diesem Jahr direkt vor der Küste Grönlands begonnen werden. In den vergangenen Jahren hatte dichtes Packeis das verhindert. In einem Langzeitbeobachtungsprogramm wurden zwischen Grönland und der Barentssee hochgenau die Verteilung von Salzgehalt und Temperatur des Wassers in unterschiedlichen Tiefen gemessen.
"Die Tiefenkonvektion vom Schelf her hat überraschenderweise wieder eingesetzt", nennt Dr. Ursula Schauer, Ozeanografin am AWI, ein wichtiges Ergebnis. "Und das, obwohl der Einstrom warmen Wassers vom Atlantik in die Arktis weiter anhält."
Diese Tiefenkonvektion gehört zu den so genannten thermohalinen Prozessen, die das System globaler Meeresströmungen antreiben. Sehr salzhaltiges Wasser, das zum Beispiel bei der Eisbildung entsteht, ist schwerer und auch kälter als das Umgebungswasser. Es gleitet vom flachen Schelfmeer der Barentssee in die tiefe Norwegische See hinab.
An dieser Stelle sank das kalte Wasser in den letzten zehn Jahren bis auf eine Tiefe von nur rund 1000 Metern. Diesmal breitete sich eine kalte Zunge auf dem Meeresboden in 2500 Metern Tiefe aus. Warum diese Konvektion eingesetzt hat wird im Zusammenhang mit Schwankungen des Klimasystems der Arktis und des Nordatlantik untersucht werden.

Driftende Gesteinsschollen
Vor neunzig Jahren stellte der Geophysiker und Polarforscher Alfred Wegener seine Theorie der Kontinentalverschiebung vor. Niemand hielt sie für möglich. Noch heute ist es für viele Nichtwissenschaftler schwer zu glauben, dass der Boden, auf dem wir stehen, keineswegs fest ist. Doch die Kontinentalverschiebung ist messbar, auch am Meeresboden zwischen Spitzbergen und Grönland. Hier konnten vor 70 Millionen Jahren die Dinosaurier zwischen Amerika und Europa hin- und her wandern. Wie es heute dort unten aussieht, wissen wir kaum: "Wir kennen die Oberfläche unseres Mondes besser als die des Meeresbodens", beschreibt Dr. Jokat vom AWI die heutige Datenlage. Mit der "Polarstern" werden vom Schiff aus mit einem Fächersonar Kartierungen des Meeresboden vorgenommen und mit vorliegenden Daten verglichen. Luftpulser und Streamer ermöglichen es darüber hinaus, bis zu viertausend Meter tief in den Meeresboden hinein zu blicken. So können Strukturen erkannt werden, die auf die Bewegung zwischen den Kontinentalplatten hindeuten. Wissenschaftlich begründeten Zweifel an Wegeners Theorie gibt es heute nicht mehr.

Messungen in der Atmosphäre
"Polarstern" ist auch eine schwimmende Wetterstation, die regelmäßig von Mitarbeitern des Deutschen Wetterdienstes begleitet wird. Die Daten aus den wenig beobachteten Gebieten in der Arktis werden stündlich in das globale meteorologische Datennetz (GTS) eingespeist und tragen zur Verbesserung der Wettervorhersagen bei. Unter anderem wird jeden Tag ein Ballon mit einer Radiosonde in die Höhe gelassen, um Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und Windgeschwindigkeit zu messen. Mit einem Aktinometer wurde diesmal auch die Stärke der Sonneneinstrahlung in verschiedenen Spektralbereichen gemessen und die atmosphärische Trübung bestimmt. Diese ist ein Maß für die Reinheit der Luft. Erwartungsgemäß wurden Werte gefunden, die für eine sehr saubere Polarluft sprechen.

Eine Million Seemeilen für die Forschung
Die "Polarstern" wird am Dienstag gegen neun Uhr im Hafen erwartet. Während des zehntägigen Aufenthaltes steht unter anderem ein "Werftkrängungsversuch" auf dem Wartungsplan. Dabei wird das Schiff in eine Schräglage gebracht, um zu sehen, ob die teilweise recht gewichtigen Aufbauten, die in den letzten Jahren dazu gekommen sind, die Stabilität des Schiffes beeinflussen. Am Nachmittag des 26. Oktober beginnt ANT-XX, die zwanzigste Antarktis-Expedition.