Dortmunder Kinder entkamen dem Bombenhagel auf dem Land

14.11.2001 - (idw) Universität Dortmund

Die erstmals im Zweiten Weltkrieg praktizierte massenweise Evakuierung von Kindern und anderen Zivilpersonen aus den luftkriegsgefährdeten Städten aufs Land ist eine eigentümliche Erscheinung des modernen, durch den massierten Einsatz der Luftwaffe gegen zivile Ziele gekennzeichneten Krieges. Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach vom Historischen Institut der Universität Dortmund hat jetzt unter dem Titel "Der Luftterror geht weiter - Mütter schafft eure Kinder fort!" die "Erweiterte Kinderlandverschickung und Schulevakuierung in der Stadt Dortmund während des Zweiten Weltkriegs" (so der Untertitel) eingehend beschrieben.

Nur etwas mehr als fünf Monate nach Beginn des strategischen Bombenkriegs der Westmächte gegen das Deutsche Reich wurde am 27. September 1940 durch einen "Führerbefehl" Hitlers die "Landverschickung" der Kinder und Jugendlichen aus den luftkriegsgefährdeten Gebieten in andere, ruhigere Gegenden des Deutschen Reichs angeordnet. Zu diesem Zeitpunkt ahnte jedoch niemand, welches ungeheure Ausmaß und welche fürchterliche Zerstörungskraft der Luftkrieg gegen Deutschland mit seinen konzentrierten Flächenbombardierungen der Städte im Verlauf des Krieges annehmen würde.

Erziehung im Sinne der Nazis

Die Verschickungsmaßnahme war seinerzeit nicht in erster Linie aus Schutzabsichten heraus ergriffen worden. Sie sollte vielmehr zur Beruhigung der durch die ersten Bombenabwürfe auf deutsche Städte aufgeschreckten Zivilbevölkerung dienen und zugleich eine wirksame weltanschauliche Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus der in den Lagern von konkurrierenden Einflüssen durch Familie, Schule und Kirche abgeschnittenen Kinder und Jugendlichen dienen.

Mit der Ausweitung des alliierten Luftkriegs gingen die Verschickungen auch in Gebiete außerhalb der deutschen Reichsgrenzen von 1933, u. a. in das Sudetenland, nach Böhmen und Mähren sowie in das aus dem polnischen Reststaat gebildete Generalgouvernement, in die Slowakei und nach Ungarn. Auch konnte Ende September 1940 noch niemand voraussehen, dass sich diese vorsorgliche Evakuierungsmaßnahme, die dann die verharmlosende offizielle Bezeichnung "Erweiterte Kinderlandverschickung" (KLV) erhielt, im Verlauf des Krieges zu einer der bisher größten Binnenwanderungen in der Geschichte der Menschheit ausweiten würde. Die Angaben über die Zahl der im Rahmen der KLV während des Zweiten Weltkriegs Verschickten schwanken zwischen über zwei und fast sechs Millionen.

Drei Gruppen und zwei Phasen

Bei den von der KLV erfassten Personen unterschied man von Anfang an drei Gruppen:

1. Mütter mit Kleinkindern, die vornehmlich auf dem Land bei Familien Unterkunft fanden;
2. Kinder bis zu zehn Jahren, die ausschließlich in sog. Pflegefamilien gegeben wurden und die Schule am Aufnahmeort besuchten; und
3. Jugendliche ab zehn Jahren bis zum jeweiligen Schulabschluss, die möglichst klassen- oder schulweise verschickt und grundsätzlich in KLV-Lagern untergebracht und dort auch von den mitverschickten Lehrkräften ihrer Heimatschule bzw. ihres Heimatortes unterrichtet werden sollten.

Die KLV-Aktion im Zweiten Weltkrieg weist jedoch zwei zu unterscheidende Phasen auf. In der ersten, von Anfang 1941 bis zum Frühjahr/Sommer 1943 reichenden Phase, erfolgte die Teilnahme an der KLV nicht nur in der Theorie, sondern weitgehend auch in der Praxis auf Grund freiwilliger (Einzel-)Meldung. Das änderte sich in der zweiten Phase ab dem Frühjahr/Sommer 1943. Nunmehr wurde als Reaktion auf die sich verschärfende alliierte Luftoffensive die Erweiterte KLV nochmals erweitert.

In den besonders stark luftkriegsgefährdeten Städten, dazu zählten die Städte in dem von den alliierten Luftkriegsplanern als die "Waffenschmiede des Reichs" eingestuften Ruhrgebiet, konnten jetzt sämtliche allgemeinbildenden Schulen geschlossen und im Rahmen der KLV evakuiert werden.

Durchführung der KLV in Dortmund

Die ersten im Rahmen der Erweiterten KLV durchgeführten Transporte aus Dortmund erfolgten, so weit feststellbar, ab Feb-ruar 1941. Kinder aus Dortmund sind in der ersten Phase der Erweiterten KLV vor allem in Lagerorte in Süddeutschland gefahren, und zwar vornehmlich nach Bayern und hier insbesondere nach Oberbayern und ins Allgäu. Aber auch nach Baden, insbesondere in das Gebiet des Schwarzwalds, gingen KLV-Transporte Dortmunder Mädchen und Jungen.

Außerdem waren Dortmunder Gruppen in KLV-Lagern - sog. geschlossenen wie offenen - in dem damals mit dem Deutschen Reich verbündeten Ausland, in der Slowakei (Hohe Tatra) und in Ungarn (hier in den von "Volksdeutschen" bewohnten Gebieten).

Angesichts des hohen Grades der Luftkriegsgefährdung war Dortmund die erste Stadt im gesamten damaligen NS-Gau Westfalen-Süd, für die eine totale Schulevakuierung angeordnet wurde. Vom 16.-28. Juni 1943 sowie vom 8.-12. Juli 1943 erfolgte dann der Abtransport von rd. 55.000 Dortmunder Schülerinnen und Schüler, zum Teil in Begleitung ihrer jüngeren Geschwister und der Mütter, zusammen mit den Lehrkräften in den zugewiesenen Aufnahmegau Baden.

Die Heimkehr von dort bei Kriegsende und in manchen Fällen auch erst danach vollzog sich teilweise unter abenteuerlichen und auch dramatischen Umständen.

Weißer Fleck in der lokalen Geschichtsschreibung gefüllt

Die als Band 30 der "Dortmunder Arbeiten zur Schulgeschichte und zur historischen Didaktik" erschienene Dokumentation von Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach "Der Luftterror geht weiter - Mütter schafft eure Kinder fort!" (der Titel entstammt dem Text eines Plakats, mit dem Anfang 1944 auch in Dortmund nachdrücklich zur Teilnahme an der KLV aufgefordert wurde) enthält zunächst eine aus Verwaltungsakten, privaten Dokumenten, zeitgenössischen Briefen und Tagebüchern erarbeitete Darstellung der Durchführung der KLV in Dortmund während des Zweiten Weltkriegs.

Dazu kommt neben Fotos aus Privatbesitz vor allem noch eine umfangreiche Auswahl der von Prof. Sollbach im Rahmen seines langfristig angelegten Forschungsprojektes über den Kriegsalltag im Ruhrgebiet gesammelten Erinnerungen ehemaliger Dortmunder KLV-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Diese Berichte bezeugen die enorm große Bandbreite der KLV-Erfahrungen. Viele erfuhren diese Zeit fern von dem Bombenkrieg jedoch im Hinblick auf die damaligen allgemeinen Verhältnisse als alles in allem recht angenehm, für einige war es sogar der schönste Abschnitt ihres Lebens.

Nicht wenige haben sowohl seitens ihrer Lagerleitung als auch von ihren Pflegeeltern eine fürsorgliche und teilweise sogar liebevolle Betreuung erfahren. Andere wiederum erlebten während ihres KLV-Aufenthaltes sowohl in den geschlossenen Lagern als auch in ihren Gastfamilien genau das Gegenteil und durchlitten hier eine schlimme und leidvolle Zeit, die sie ihr ganzes weiteres Leben belastet hat. Fast alle Verschickten haben ihre Zeit in der KLV jedenfalls als irgendwie für ihr ganzes Leben positiv wie negativ prägend erfahren, wenn auch in individuell recht unterschiedlichem Ausmaß. In einem Großteil der Fälle hat dabei vor allem das Gemeinschaftserlebnis in der KLV eine bedeutende Rolle gespielt.

Diese ganz persönlichen Erinnerungen erlauben einen ebenso unmittelbaren wie anschaulichen Einblick in die Wirklichkeit des KLV-Alltags. Zugleich stellen sie die Kriegserfahrung einer ganzen Generation dar und bezeugen eindringlich, dass zu den unschuldigen Kriegsopfern stets auch die Kinder gehören. Es ist das besondere Verdienst von Prof. Sollbach, diese Erinnerungen von KLV-Zeitzeuginnen und -Zeitzeugen gesammelt und für die Nachwelt festgehalten zu haben. Die Publikation füllt einen bisher weißen Fleck in der örtlichen Geschichtsschreibung.

Forschungsschwerpunkt Schulgeschichte

Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach lehrt mittelalterliche und neuere Geschichte an der Universität Dortmund.

Die beim historischen Institut eingerichtete Forschungsstelle zur politischen sozialen Geschichte der Schule wurde 1981 gegründet. Sie wurde und wird ideell und finanziell gefördert durch die "Dortmunder Gesellschaft für Schulgeschichte e. V.". In ihrem Auftrag erscheint seit 1982 die Reihe "Dortmunder Arbeiten zur Schulgeschichte und historischer Didaktik", die von Klaus Goebel und Hans Georg Kirchhoff herausgegeben wird. Gerhard E. Sollbachs Buch ist soeben als Band 30 erschienen:

"Der Luftterror geht weiter - Mütter schafft eure Kinder fort!" Erweiterte Kinderlandverschickung und Schulevakuierung in der Stadt Dortmund während des Zweiten Weltkriegs, Projekt Verlag Bochum 2001. 143 S., Illustriert. 24,50 DM (ab 1.1.2002: 12,50 Euro).

Im Druck befinden sich (als Bd. 31) die Lebenserinnerungen von Hermann Horn. Horn war u. a. Gründungsrektor der PH Hagen und Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Universität Dortmund. Weitere Bände sind in Vorbereitung.


Das Bild kann als Datei angefordert werden.

Weitere Information:
Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach, Ruf 0231-755-5207.