Ausstellung Jugendengel

10.12.2001 - (idw) Fachhochschule Potsdam

Die Ausstellung Jugendengel wird am 12.12.2001 um 18 Uhr an der FH Potsdam eröffnet.

Inspiriert durch Walter Benjamin hat der Künstler HAP Grieshaber seit Mitte der 60er Jahre unter dem Motto "Engel der Geschichte" Künstlerinnen und Künstler gebeten, ihre zeitkritischen Botschaften in Wort und Bild zu fassen. Die ungewöhnlichen Dialoge sind in 27 Mappen erschienen, die vorerst letzte 1999 - eine Hommage an den berühmten, inzwischen verstorbenen Holzschneider, gestaltet von Kindern und Jugendlichen der Galerie "Sonnensegel" e.V. aus Brandenburg an der Havel. Die Druckoriginale sind weit gereist und haben große Anerkennung gefunden, doch die Botschaft der "Jugendengel" stößt kaum auf Resonanz.

Mehr denn je ziehen Tempo, Dynamik und Sog des technischen Fortschritts Bildungsnotstand, Desorientierung und Arbeitslosigkeit nach sich. Die Sinn-Leere provoziert den Gebrauch von Gewalt und Drogen, als ob derart doch noch ein Leben daraus werde. "Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt." Heiner Müllers Blick auf das Drama des jungen Woyzeck ist hochaktuell, denn die Stunde der Wölfe hat geschlagen. Den Jugendengel plagt Schlaflosigkeit und Depression. War gerade noch "nichts mehr, wie es einmal war", so hat das letzte, uns sprachlos machende Ereignis bereits einen Namen: "NineEleven" - und dem Datum folgt schon wieder business as usual. Kann der "Engel der Geschichte" noch etwas ausrichten? Kann Kunst und Poesie die Welt verändern? "Solange man sie macht", hat Grieshaber insistiert: "Das Machen ist das Entscheidende".

Durch die Initiative von Prof. Dr. Hanne Seitz und Prof. Dr. Karin Weiss kommen die "Engelsbotschaften" aus Brandenburg an der Havel erneut zu Gehör. Unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Joop, unterstützt von dem Aktionsbündnis gegen rechte Gewalt, wird die Ausstellung "Engel der Geschichte. Ein Jugendengel" der Galerie Sonnensegel in der Galerie der Fachhochschule Potsdam eröffnet. Was hier verkündet wird, ist hoffnungsvoll und doch alles andere als die üblich gewordenen Weihnachtsbotschaften und schon gar nicht froh. Sorge, Teilhabe, Mitgefühl, Trauer und Wut sind da in Holz geritzt.

Hier kommt eine Bildlichkeit und Wörtlichkeit zum Ausdruck, die vor dem Hintergrund jener unfassbaren Ereignisse - in New York, in Brandenburg und anderswo - um so eindringlicher wirkt. Die Ausstellung wird am 25.1.02 mit einem Workshop zu Ende gehen. Vorträge, Projektpräsentationen und eine Podiumsdiskussion zum Thema "Jugend und Gewalt" wollen Einblicke in den Stand der Forschung geben und die Praxis im Lande Brandenburg befragen.

Der "Engel der Geschichte" soll nicht mehr wortlos und mit aufgerissenen Augen dastehen. Das Kind, es soll sich in Kritik und Zivilcourage üben. "Es trägt schon Flügel; sein Fuß ist noch schwer. Möge es den Zorn versammeln. Möge es den Krüppel anhören. Möge es sich mit dem schwarzen Juden beraten. Möge es endlich dem Engel begegnen, der als Sturm durch die Geschichte braust." Was Franz Fühmann 1981 in der Mappe "Engel der Behinderten" niederschrieb - alles nur eine Vision?

Die Ausstellung ist bis 25.01.2002 montags bis freitags von 08 bis 20 Uhr, samstags von 08 bis 14 Uhr in der FH Potsdam, Friedrich-Ebert-Str. 4, Foyer 1. Etage, zu besichtigen.