Was der Mönch Nikon seinen Klosterbrüdern zu sagen hatte

19.12.2001 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Die Edition eines Klosterhandbuchs aus dem 11. Jahrhundert steht im Mittelpunkt eines Projektes am Lehrstuhl für Slavische Philologie der Universität Würzburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert dieses kulturwissenschaftliche Vorhaben.

Im 11. Jahrhundert lebte und wirkte im Raum Antiochien in Kleinasien in einem Kloster des Schwarzen Berges der Mönch Nikon. Angesichts der Zerstörungen und Plünderungen der dortigen Klosterbibliotheken in dieser Zeit der Seldschuken-Einfälle entschloss er sich dazu, ein Werk zu verfassen, das seinen Mitbrüdern auf ihren häufigen Wanderungen in Fragen des klösterlichen Lebens Orientierung bieten sollte.

Dieses Kompendium, das so genannte Taktikon, enthält in 40 Kapiteln, die als schriftliche Antworten auf häufig gestellte Fragen aufgebaut sind, die Grundlagen des Klosterlebens einschließlich liturgischer und kirchenrechtlicher Bestimmungen. Das Taktikon des Nikon ist darüber hinaus eine einzigartige Quelle für die Geschichte des Raumes Antiochien im 11. Jahrhundert.

Es enthält auch Informationen über verloren gegangene Originale, darunter zum Beispiel Urkunden der Patriarchen von Konstantinopel, die Nikon im Archiv des Patriarchats von Antiochien einsehen durfte. Nikon ist überdies ein zuverlässiger Zeuge für die Beziehungen zwischen den griechischen und armenischen Mönchen im Hinterland von Antiochien.

Das in seiner Konzeption einmalige Werk fand im griechischen Milieu wenig Beachtung und ist nur in einer einzigen Handschrift vollständig erhalten, die sich heute in der Bibliothek des Sinai-Klosters befindet. Eine weit größere Verbreitung erfuhr das Werk des Nikon in der slavischen Überlieferung, beginnend ab dem 14. Jahrhundert bei den Südslaven sowie dann in Russland.

"Das Taktikon spielte bei den Slaven eine außerordentlich große Rolle, bis hin in die Gemeinden der Altgläubigen im Russland der Neuzeit", so der Würzburger Slavist Prof. Dr. Christian Hannick, der das Editionsprojekt leitet. Beispielsweise entnahmen russische religiöse Schriftsteller des Mittelalters und der Frühneuzeit sehr oft ihre Zitate des patristischen Schrifttums aus dem Taktikon.

Der ursprüngliche griechische Text des Taktikon ist bisher unediert; von der slavischen Version existiert nur ein älterer Druck aus dem Jahr 1795. Die Arbeitsgruppe von Prof. Hannick plant eine kritische Edition des gesamten Textes in der griechischen und kirchenslavischen Fassung. Bei der vergleichenden Auswertung verschiedener slavischer Handschriften des Textes in St. Petersburg und Moskau werden die Würzburger Wissenschaftler von russischen Kollegen unterstützt.

Der Text soll durch zeitlich geordnete Urkundenverzeichnisse und Kommentare zu besonderen Fragen erschlossen werden. Von einer Übersetzung ins Deutsche wurde Abstand genommen, um den bereits absehbar großen Umfang der Veröffentlichung - Prof. Hannick spricht von 600 Seiten in jeder Textfassung - nicht weiter zu vermehren. Anstatt einer Übersetzung sollen die Urkundenverzeichnisse die Thematik der jeweiligen Kapitel mit Verweisen innerhalb des gesamten Werkes erschließen.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Christian Hannick, T (0931) 31-2863, Fax (0931) 31-2107, E-Mail:
l-slavistik@mail.uni-wuerzburg.de