Hohensteiner Institute

07.04.2005 - (idw) Hohensteiner Institute

Maßnehmen im Dienste der Mode

BÖNNIGHEIM (ri) Die Menschen in Mitteleuropa werden immer größer. In den letzten 130 Jahren schoss der männliche Durchschnittsdeutsche um rund 16 cm in die Höhe - das ist ein Zuwachs von über 1 cm pro Jahrzehnt. Dies belegen u. a. Messungen an Wehrpflichtigen, die seit 1875 dokumentiert sind.

Der damit einhergehenden Veränderung der Körpermaße müssen insbesondere die Bekleidungshersteller durch die Anpassung ihrer Schnittkonstruktionen Rechnung tragen. Diese basieren auf Körpermaßtabellen, die anhand von repräsentativen Reihenmessungen erstellt werden, wie sie von den Hohensteiner Instituten in Bönnigheim seit 1957 durchgeführt werden.

Die heute noch gültigen Körpermaßtabellen für Jungen und Männer beruhen auf Daten aus den 1960er Jahren - die Ergebnisse einer Vermessung im Jahr 1976 sind nie in die Praxis umgesetzt worden, weil in der Branche keine Einigung über eine neue Größensystematik erreicht werden konnte. Darin sehen die Hohensteiner Institute einen der Gründe, weshalb es besonders Männern schwer fällt, die passenden Hosen, Hemden oder Jacken zu finden: "Die Schnittkonstruktionen der Hersteller beruhen heute oft noch auf den Körpermaßtabellen, die vor fast 40 Jahren ermittelt wurden oder auf Maßen, die für firmenspezifische Zielgruppen abgeändert wurden. Es ist klar, dass gerade jüngere Männer Probleme haben, gut sitzende Kleidung zu finden, da sie ja im Durchschnitt rund 6 cm größer als ihre Großväter sind." Im Interesse der Kunden ist deshalb eine baldige Reihenmessung von Jungen und Männern dringend erforderlich. Nach Umsetzung der daraus resultierenden Größentabellen bei der Produktion von Herrenkonfektion, Wäsche, Berufs- und Sportbekleidung dürfte es auch dem männlichen Teil der Bevölkerung leichter fallen, passende Kleidung von der Stange zu erwerben.

Derzeit sind die Frauen dabei noch im Vorteil. Der Damenmode liegt nämlich deutlich aktuelleres Zahlenmaterial zugrunde. Die Hohensteiner Institute legten im Auftrag des DOB-Verbandes (jetzt GermanFashion) alle zehn Jahre für die deutschen Kleidungsgrößen in der DOB die zugehörigen Körpermaße fest und damit die Vorgaben nach denen die Bekleidungshersteller ihre Schnitte ausrichten. Bei den Mädchen und Frauen wurde letztmals bei einem großen Sample 1994 Maß genommen.

Die Ergebnisse der Vermessung von bundesweit rund 10.000 Probandinnen zwischen zwei bis 70 Jahren spiegelt die körperlichen Veränderungen wieder, welche die verbesserten Lebensumstände der letzten Jahrzehnte mit sich bringen: Auch die deutschen Frauen sind heute deutlich größer und vor allem schwerer als ihre Vorfahrinnen. Im Durchschnitt lag der 1994 ermittelte Brustumfang um 1,7 cm über dem von 1981, der Taillen- und Hüftumfang nahm im gleichen Zeitraum um 2,2 cm zu, während die durchschnittliche Körperhöhe 0,5 cm zulegte. Als Ergebnis der Reihenmessung von 1994 wurde deshalb z. B. für die Kleidergröße 40 der Taillen- und Hüftumfang um jeweils 2 cm vergrößert. Bei Größe 34 nahm der Hüftumfang sogar um 2,5 cm zu, während er bei Größe 52 geringfügig reduziert wurde.

Der Trend zu immer ausladenderen Körperproportionen scheint auch weiterhin ungebrochen. Eine Vermessung von rund 1.500 Frauen im Rahmen eines Forschungsprojektes für die Miederwarenindustrie belegte fünf Jahre später (1999) wiederum einen leichten Anstieg der durchschnittlichen Körpermaße. Demnach verfügt die durchschnittliche deutsche Frau über einen Brustumfang von 99,7 cm, einen Taillenumfang von 83,7 cm sowie einen Hüftumfang von 104,1 cm.

Trotz der regelmäßigen Anpassungen klagen viele Frauen darüber, dass ihnen Bekleidung in den üblichen Standard-Bekleidungsgrößen 36, 38, 40, 42 usw. nicht richtig passen. Tatsächlich belegt die Reihenmessung von 1994, dass nur noch 21% (1984: noch 23%) der Frauen mit ihrer Figur in diese Standardgrößen passen. Dies liegt u. a. daran, dass nahezu 60% der deutschen Frauen schmal- oder starkhüftig sind - Grundlage für die Schnittkonstruktionen der allgemein verbreiteten Größen ist aber eine Körperhöhe von 168 cm und eine normalhüftige Figur.

Zu den Anwärterinnen für die sogenannten Petit-Konfektionen (Kurzgrößen) gehören überdurchschnittlich viele ältere Frauen: Während die durchschnittliche Körpergröße bei der Altersgruppe bis 50 Jahre bei 168 cm liegt, verschiebt sich der Durchschnittswert bei den Frauen über 50 Jahren auf 160 cm. Eine große Zukunftschance für die Bekleidungsindustrie ist deshalb auch die zielgruppengerechte Schnittgestaltung. Von den Hohensteiner Spezialisten wurden im Rahmen eines Forschungsprojektes bereits die altersbedingten Veränderungen bei Körpergröße und -proportionen von Frauen untersucht und den Herstellern als Größentabellen für die weibliche Kundschaft ab 50 Jahre bereitgestellt. Während die junge Generation immer größer wird, nimmt die Körperhöhe im Alter ab. Verantwortlich dafür ist u. a. die nachlassende Elastizität der Bandscheiben, die dadurch stärker zusammengepresst werden als in jungen Jahren. In der Folge wird die Wirbelsäule durch das engere Zusammenrücken der Einzelelemente kürzer und die Körperhaltung gebeugt. In Verbindung mit der durchschnittlich geringeren Ausgangsgröße der Best Ager ergibt sich ein deutlicher Größenunterschied zwischen den Generationen. Dieser muss verstärkt in den Maßtabellen berücksichtigt werden, um z. B. auch Frauen über 60 Jahren eine optimale Passform zu gewährleisten.

In Arbeit befindet sich derzeit noch ein einheitliches europäisches Kleidergrößensystem. Dieses soll die heute gängige Gegenüberstellung nationaler Größenbezeichnungen, wie man sie z. B. auf den Etiketten in Kleidungsstücken findet, schon bald ablösen. Die entsprechende Norm wurde von Fachleuten aller europäischen Länder ausgearbeitet und beinhaltet neben einer einheitlichen Messsystematik (Definition der Messstrecken) zugehörige Körpermaße und Intervalle. Darüber hinaus enthält sie die Definition der Primär- und Sekundärmaße, die bei der Größenauszeichnung angegeben werden müssen. Die Größenkodierung ist noch nicht abgeschlossen. Das europäische Größensystem ist so flexibel gestaltet, dass alle europäischen Konfektionsgrößen abgebildet werden können. Informationen zu den nationalen Marktanteilen der einzelnen Konfektionsgrößen können jedoch daraus nicht abgeleitet werden. Um dies zu erreichen sind Reihenmessungen in allen europäischen Ländern erforderlich.

Bönnigheim, im April 2005 http://www.hohenstein.de