Prof. Brockmeyer zum Welt-Aids-Tag: Infektionsrate steigt weiter, Impfstudie hat begonnen

29.11.2002 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Bochum, 29.11.2002
Nr. 364

Zehn neue HIV-Infektionen pro Minute
Welt-Aids-Tag 2002: Leben und leben lassen
Infektionsrate steigt weiter, Impfstudie hat begonnen

Mit dem Motto "Leben und leben lassen" (live and let live) soll der Welt-Aids-Tag, der seit 1988 am 1. Dezember begangen wird, das Thema Diskriminierung der weltweit 40 Millionen HIV-Infizierten fokussieren. "Während sich allein im vergangenen Jahr fünf Millionen Menschen neu mit dem Aidserreger infiziert haben - das sind statistisch betrachtet zehn Personen in jeder Minute - scheint sich die Infektionsrate in diesem Jahr noch weiter zu beschleunigen. Und zwar nicht nur in den Brennpunkten wie Afrika, Asien und Südamerika, sondern auch in Europa", erklärt der Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft (DAIG), Prof. Dr. med. H. Norbert Brockmeyer (Klinik für Dermatologie und Allergologie der Ruhr-Universität).

Mehr Infektionen in Deutschland abzusehen

In Osteuropa, vor allem in den Nachfolgestaaten der UDSSR, beobachten die Epidemiologen eine Entwicklung der HIV-Infektion, die mit der in Afrika vergleichbar ist: Bereits jetzt sind in Russland mehr als eine Million Menschen mit HIV infiziert, nach aktuellen Schätzungen werden es im Jahr 2005 sieben Prozent der Bevölkerung sein. Durch Tourismus und Handel wird der Aidserreger auch in Westeuropa verbreitet, wo das Schutzverhalten der Menschen deutlich nachlässt. Allein in Deutschland wurden in diesem Jahr 20 Prozent mehr Fälle an Syphilis diagnostiziert, was ein Zeichen für mehr ungeschützten Geschlechtsverkehr ist. "Vor jedem Anstieg der HIV-Infektionsrate beobachtet man eine Zunahme an Syphilis-Erkrankungen, so dass wir uns auch in Deutschland auf eine Verschärfung der Situation einstellen müssen", so Prof. Brockmeyer. Im vergangenen Jahr wurden 21 Prozent der Neuinfektionen bei Ausländern festgestellt, die aus Gebieten stammen, in denen HIV besonders stark verbreitet ist.

Diskriminierung auch in Industrieländern

Diese Personengruppe wird auch in einem Industrieland wie Deutschland diskriminiert, da Sprachbarrieren ihr den Zugang zu Informationen über HIV und AIDS erschweren. Zudem ist HIV in ihrem sozialen und kulturellen Umfeld tabu. Aus Angst, erkannt zu werden, trauen sich viele nicht in Beratungsstellen, lassen sich nicht testen oder verschweigen ihr positives Testergebnis. Viele Migrant(innen) gehen erst zum Arzt, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist, und sie leiden unter der Angst, ins Heimatland abgeschoben zu werden, wo es oft gar keine Behandlungsmöglichkeit gibt.

Neue Studie untersucht Impfstoff

Zu den positiven Nachrichten der letzten Tage gehört, dass in den USA eine Studie mit einem präventivem Impfstoff begonnen hat. Wissenschaftler der Dale and Betty Bumpers Vaccine Research Center impfen in einer Doppelblindstudie 50 HIV-negative Probanden entweder mit Plazebo oder mit einem HIV-Impfstoff in steigender Dosis. Der Impfstoff ist eine DNS-Vakzine, die aus vier Genen des Erregers zusammengesetzt ist. Frühere Versuche mit Impfstoffen aus einzelnen Genen waren wegen der hohen Mutationsrate des Virus gescheitert. Die Vakzine besteht nunmehr aus den Genen, die dem Stamm B des HI-Virus entnommen wurden, welches in Europa und Nordamerika dominiert, und aus einem Gen, das auf der Oberfläche aller HI-Viren enthalten ist. Damit soll der Impfstoff auch die Stämme C und B abdecken. Erste Ergebnisse der Studie sind nicht vor einem Jahr zu erwarten.

Fallpauschalenregelung (DRG) gefährdet stationäre Behandlung

Eine Gefährdung der stationären Versorgung von HIV-Patienten sieht die Deutsche Aids-Gesellschaft jedoch in den Rahmenbedingungen der Fallpauschalenreglung. "Die HIV-spezifischen Kosten wurden in der DRG-Verordnung so niedrig angesetzt, dass eine Behandlung nach international anerkannten Standards in deutschen Krankenhäusern nicht mehr möglich sein wird", erklärt Brockmeyer. Nach Berechnungen der Deutschen Aids Gesellschaft werde eine kostendeckende Behandlung von HIV-positiven Patienten nicht möglich sein wird. "Für ein Krankenhaus kann es nach Inkrafttreten der Fallpauchalenregelung unwirtschaftlich oder gar unmöglich werden, bei HIV-Patienten eine angemessene Therapie durchzuführen."

Weitere Informationen

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Sprecher KompNet HIV/AIDS, Klinik für Dermatologie und Allergologie der Ruhr-Universität im St. Josef Hospital, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum, Tel.: 0234-509 3471, 74, Fax: 0234-509 3472, 75, E-mail: m.roos@elis-stiftung.de