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Neue Resultate zur christlichen Arbeitsethik
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Lamasshu
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Anmeldungsdatum: 23.12.2005
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BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 10:48:48    Titel: Neue Resultate zur christlichen Arbeitsethik

Bis heute erregen die Anfang des 20. Jahrhunderts von Max Weber erhobenen Ergebnisse zur protestantischen Ethik und zum Geist des Kapitalismus ( http://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus) die Gemüter.

Kernaussage ist, dass der Protestantismus gegenüber dem Katholizismus einen überlegenen Arbeitsethos besitzt, der höhere Produktivität und allgemeinen Wohlstand bedeutet.
Die Zeit vom 23. Dezember berichtete nun darüber, dass diese Theorie an bislang unbekannten preußischen Statistiken des späten 19. Jahrhunderts getestet werden konnte. Tatsächlich ist es so, dass die Landkreise mit zunehmenden Anteil an Protestanten überzufällig wohlhabend waren. Die Wissenschaftler haben aber gleichsam aufgezeigt, dass dies auch über die höhere Bildung in protestantischen Kreisen erklärt werden kann - es braucht also keinen Arbeitsethos als Erklärung.
Dass der Protestantismus von seiner Ausrichtung her deutlich bildungsaffiner als der Katholizismus war, gilt den Wissenschaftlern als unstrittig und wird von anderen Befunden gestützt.

Meine Frage wäre, ob ihr meint seitens der christlichen Kirchen einen eigenständigen Arbeitsethos vertreten zu sehen und ob der Katholizismus tatsächlich den Protestantismus brauchte um seine "Bildungsfeindlichkeit" zu überwinden?
Klimperkasten
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Anmeldungsdatum: 14.02.2007
Beiträge: 3408

BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 10:58:40    Titel:

Lamasshu, ob der Katholizismus überhaupt seine Bildungsfeindlichkeit überwunden hat, wage ich zu bezweifeln!

nach dem Motto, nur schön glauben, was wir katholischen Christen predigen! Aber bitte nichts kritisch hinterfragen! - Nur dann wirst du akzeptiert!

Ich denke dabei an Eugen Drevermann, der seine Professur verloren hat wegen seiner Kritik an der Bibel und an weiteren Behauptungen seitens der katholischen Kirche.

Klimperkasten Wink
dornbusch
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Anmeldungsdatum: 26.10.2007
Beiträge: 3824

BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 11:36:50    Titel:

In der katholischen Theologie gibt es tatsächlich eine Auseinandersetzung mit Arbeitsethik.

Schwerpunkte der Forschung liegen bei der Frage nach dem "gerechten Lohn" und bei der Frage der sittlichen Erlaubtheit mancher Tätigkeit. Da die Kirche selbst der größte Arbeitgeber weltweit ist, werden auch Fragen des Arbeitsrechtes diskutiert.

Klimperkaasten, du schriebst u.a.

Zitat:
Ich denke dabei an Eugen Drevermann, der seine Professur verloren hat wegen seiner Kritik an der Bibel und an weiteren Behauptungen seitens der katholischen Kirche.


Das ist so nicht ganz richtig. Drewermann blieb Professor. Ihm wurde von der Kirche die Missio entzogen. Fortan lehrte er nicht mehr im Auftrag der Kirche.

Dennoch ist Drewermann ein gutes Beispiel für das Thema Arbeitsethos:

Im Verständnis der katholischen Theologie soll sich ein Arbeiter mit den Interessen seines Arbeitgeber identifizieren können (Loyalitätsprinzip).

Dies stellt sowohl an den Arbeitgeber als auch an den Arbeiter hohe Ansprüche. Der Arbeiter verfolgt mit seiner Arbeit nicht nur eigene Interessen, sondern auch die des Arbeitgebers. Ebenso ist es dann Pflicht des Arbeitgebers, auch dem Arbeiter eigene Interessen zuzugestehen.


Gruß Dornbusch
Lamasshu
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Anmeldungsdatum: 23.12.2005
Beiträge: 3462

BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 11:51:58    Titel:

Dornbusch, die innerkirchliche Auseinandersetzung mit arbeitsethischen Fragen interessieren mich. Insbesondere dann, wenn sie eine theologische Fundierung erfahren. Dass die katholische Kirche sich kürzlich, so glaube ich mich zu erinnern, auch direkt im Vatikan mit eher allgemeinen wirtschaftsethischen Fragestellungen (Verbot von Kinderarbeit usw.) beschäftigt hat, meine ich dabei nicht unbedingt.

Gerade über das Loyalitätsprinzip würde ich gerne diskutieren, da es immer wieder eine starke Kritik erfährt. So wird von Arbeitnehmerseite der systematische Ausschluss der Beschäftigten von der Interessensvertreter postuliert. Der Aufruf von Kardinal Lehmann und Bischof Huber zur Stärkung der deutschen Betriebsräte wurde daher auch als "scheinheilig" bezeichnet, da die kirchlichen Arbeitgeber dies für sich selbst in aller Regel ablehnen und im Gegensatz zu anderen Arbeitgebern dazu auch nicht gezwungen werden können. Zudem wird der Kirche beständig Sozial- und Lohndumping vorgeworfen, insbesondere in Caritas und Diakonie.

Wie kritisch siehst du die exponierte Stellung des kirchlichen Arbeitsrechts, insbesondere da die Kirche als größer nicht-staatlicher Arbeitgeber der Welt eine besondere Rolle einnimmt?
Lamasshu
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Anmeldungsdatum: 23.12.2005
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BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 12:13:26    Titel:

Kleiner Nachtrag zum "größten Arbeitgeber der Welt". Die katholische Kirche trägt hier und da dieses Prädikat, wobei ich mich frage weshalb genau. Die katholische Kirche scheint 1,2 Millionen Menschen weltweit zu beschäftigen. Diese Zahl wird bereits von der indischen Eisenbahn übertroffen, die den Titel für sich beansprucht. Hingegen beschäftigt das Unternehmen WalMart sogar 2 Millionen Arbeitnehmer und trägt ebenfalls den Titel des größten Arbeitgeber der Welt. Vom chinesischen Staat möchte ich erst gar nicht sprechen, allein die im Militärdienst angestellten Arbeitnehmer sind weit jenseits der 2-Millionen-Grenze.

Dornbusch, stimmt etwas an diesen Zahl nicht oder erhebt die Kirche (tut sie das überhaupt?) den Anspruch da sie z.B. weltweit sehr stark aufgestellt ist?
dornbusch
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Anmeldungsdatum: 26.10.2007
Beiträge: 3824

BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 14:21:58    Titel:

Lamasshu,

Eine Erbsenzählerei bezüglich der Zahl der Angestellten der Kirche möchte ich bei diesem wichtigen Thema gerne vermeiden. Ich nehme also meine Aussage diesbezüglich gerne zurück.

Die katholischen Diözesen in Deutschland haben eine MAV (Mitarbeitervertretung) die von den Mitarbeitern gewählt wird. In Zusammenarbeit mit Arbeitgebervertretern entscheidet die MAV über Dienst-/Arbeitsrechtliche Belange. Sie erfüllt die Aufgaben eines Betriebsrates.
Da die Kirche als Arbeitgeber den Status des öffentlich-rechtlichen Arbeitgebers hat, orientieren sich beide Seiten am Recht des öffentlichen Dienstes.

Dennoch kann man Unterschiede zum Arbeitgeber Staat feststellen:

Einerseits ist die Selbstverpflichtung der Kirche als Arbeitgeber sehr weitgehend gegenüber dem Mitarbeiter, andererseits sind die Ansprüche an den Mitarbeiter bezüglich seiner Loyalität höher als die eines anderen AG.
Die Kirche erwartet von ihren Mitarbeitern immer mehr als die reine Arbeitsleistung. Von Ihren Mitarbeitern erwartet die Kirche immer auch eine aufrichtige katholische Positionierung, sprich Lebenswandel und Bekenntnis.

Du erwähnst das Stichwort "Lohndumping". Kennst du dafür ein belastbares Beispiel?

Der Arbeitgeber Kirche hat im Vergleich zu anderen AGs eine für mich sehr interessante Maxime: Ich mache keine Schulden, und meine Arbeiter machen auch keine Schulden!

Gruß Dornbusch
Lamasshu
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Anmeldungsdatum: 23.12.2005
Beiträge: 3462

BeitragVerfasst am: 12 Jan 2009 - 15:41:58    Titel:

Das Stichwort "Lohndumping" habe ich etwas leichthin in den Raum geworfen, würde aber auch nach weiteren Überlegungen dazu stehen wollen. Auf Erfahrungen aus meinem Umfeld möchte ich aus Gründen der Belastbarkeit bewusst verzichten, sehr wohl kenne ich aber selbst Mitarbeiter von kirchlichen Sozialdienstleistern mit Personverantwortung, die von ihrem Gehalt schlicht nicht leben können.

Ein kurzer Streifzug durch das Internet offenbart mir aber eine Reihe ähnlicher Beispiele. Die Thematik ist durchaus sehr lebhaft. Gegenwärtig ist besonders die Diakonie im Zentrum der Debatte, die Caritaus kommt etwas besser weg, da sie sich weniger deutlich als die Diakonie gegen einen Mindestlohn sperrt und das Thema Lohndumping selbst aufgegriffen hat.

Bezeichnend, und in vielen Quellen zu finden, ist und bleibt die Antwort von Herrn Kottnik (Präsident Bundesverband Diakonie), der auf die Frage nach den "menschenunwürdigen Bedingungen und Lohndumping" in der Kirche (gemeint: ein Lohnniveau, das auch bei Vollzeitausübung und qualifizierter Arbeit nicht ohne Harz-IV-Aufstockung auskommt):
Zitat:
»Die Alternative wäre, und das, ich sage es noch einmal, das ist der Gewissenskonflikt, die Alternative wäre zu sagen, wir machen die Arbeit gar nicht mehr. Wir geben sie auf.«


Ebenso bekannt die Erwiderung von Herrn Lindenmaier (Arbeitsrechtliche Kommission Diakonie):
Zitat:
»Im gesamten Bereich der sozialen Arbeit sind die beiden Kirchen Marktführer. Die beiden Kirchen haben verhältnismäßig großen politischen Einfluss. Sie nützen diesen Einfluss und ihre Marktführerschaft im sozialen Bereich nicht, um endlich vernünftige Entgelte für die Arbeit zu bekommen. Sie nützen ihre Macht ausschließlich um Dumpinglöhne durchzusetzen. Alle Welt regt sich über Lidl und Aldi auf, die Kirche ist schlimmer.«


Nachzulesen beispielsweise in einem transkribierten SWR3-Beitrag zum Thema Lohndumping in der Kirche: http://www.swr.de/report/-/id=3460940/property=download/nid=233454/1l381fu/index.rtf

Sehr interessant und mit klarem Lohndumpingbezug auch eine Verdi-Publikation zur Thematik. Inklusive Gerichtsurteile gegen kirchliche Träger. http://publik.verdi.de/2008/ausgabe_04/gewerkschaft/schwerpunkt/seite_4/A0

Die Ärztezeitung (http://igmetall-zoom.de/05/11/19-10-05_AEZ.pdf) spricht vom "Lohndumping im Namen der Barmherzigkeit" und bemängelt die Situation der Ärzte an katholischen Krankenhäusern.

Ver.di kritisiert ebenfalls im medizinischen Bereich eine gravierende Veränderung zum Schlechtern, das neue Vergütungssystem der Kirche ("Niedriglohngruppen") habe zu überaus deutlichen Lohnverlusten geführt: http://gesundheit-soziales.nrw.verdi.de/kirchen/data/Arbeitgeber%20Kirche%20Nehmen%20ist%20seliger%20als%20Geben.pdf.

Der Spiegel (25/2007) titelte "Heuschrecken unterm Kreuz". Dort findet sich auch ein schönes Beispiel dafür, wie die Stellung kirchlicher Betriebe als Tendenzbetriebe ausgenutzt werden kann: Das Alfred-Krupp-Krankenhaus ist relativ kurzfristig und ohne institutionelle Anbindung in einen kirchlichen Dachverband eingetreten und konnte aufgrund mangelnder Arbeitnehmerrechte deutlich günstigere Verträge diktieren. Ähnliches führt auch der Marburger Bund an (http://www.netzeitung.de/arbeitundberuf/804771.html), nach dessen Mitgliederbefragung die Ärzte an den 720 kirchlichen Kliniken in Deutschland deutlich längere (und unbezahlte) Arbeitszeiten haben, zudem werden sie nach Möglichkeit durch Leiharbeitsfirmen wegrationalisiert. Der Marburger Bund beklagt, dass dies nur möglich sei, da kirchliche Beschäftigte kein Streikrecht und keine wirkliche Vertretung genießen.

Eine FTD im April 2008 beschäftigte sich ebenfalls mit "Lohndumping" und "unchristlicher Gehaltspolitik".

Die Badische Zeitung vom 12.07.2008 mit dem Caritas-Verantwortlichen für die Region Freiburg macht es möglich zwischen den Zeilen zu lesen: Wir begrüßen einen Mindestlohn dann, wenn er exakt dem gegenwärtigen Caritas-Lohn entspricht. Armut, auch Erwerbsarmut, könne effektiv durch eine deutliche Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes bekämpft werden. Zu geringen Löhnen kann also durch staatliche Aufstockung entgegnet werden.

Die Liste ist noch länger und hat mich kaum Rechercheaufwand gekostet. Persönliche Berichte von Betroffenen oder allzu reißerisch aufgemachte Abhandlungen habe ich nicht berücksichtigt. Ich denke die von mir angeführten Quellen sind nicht per se unseriös zu nennen.

Dass die Arbeiter der Kirche keine "Schulden" machen müssen, ist angesichts vieler der oben zitierten Artikel nicht korrekt: Trotz regulärer sozialversicherungspflichtiger Erwerbsarbeit in Vollzeit und in qualifizierter Tätigkeit sind tendenziell immer mehr statt weniger kirchliche Angestellte auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Die Caritas steht weniger in der Kritik als die Diakonie, die Vermögenslage ist (noch) eine andere. Grundsätzlich moniert wird allerdings, dass die Kirchen eine gewisse Scheinheiligkeit an den Tagen legen und - ich zitiere sinngemäß aus einem der obigen Artikel - die Mitarbeiter täglich eine Diskrepanz zwischen den Worten und den Taten der Kirche spüren.

Es ist dabei kein generelles Problem: Priester und Pfarrer verdienen durch die Bank verhältnismäßig gut und sind in sehr sicheren Arbeitsverhältnissen. Laien hingegen sehen sich immer häufiger mit den Effekten von Leiharbeit, Outsourcing, Lohndumping und Arbeitsrechtsverletzungen ausgesetzt. Der Maßstabe für die Kirche sollte aber die "Schwächsten der Gesellschaft" (also ihr Pflegebereich) sein, nicht der theologische Dienst.
dornbusch
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Anmeldungsdatum: 26.10.2007
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BeitragVerfasst am: 13 Jan 2009 - 06:40:06    Titel:

Lamasshu

Der von dir genannte Lohnbereich ist tatsächlich ein Ärgernis!

Der Arbeitgeber Kirche kann aber nur das Geld ausgeben, das er vorher eingenommen hat. Und Schulden werden nicht gemacht!

Eine wichtige Einnahmequelle der Diözesen ist die Kirchensteuer. Die Zahl der Kirchensteuerzahler einerseits und die Höhe der Kirchensteuer andererseits ist rückläufig.

Die Leistungen im Pflegebereich müssen von irgendjemandem bezahlt werden. Höhere Löhne für die Pfleger erfordern anderswo höhere Einnahmen.

Wo würdest du ansetzen?

Gruß Dornbusch
Lamasshu
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Anmeldungsdatum: 23.12.2005
Beiträge: 3462

BeitragVerfasst am: 13 Jan 2009 - 10:33:32    Titel:

dornbusch hat folgendes geschrieben:
Wo würdest du ansetzen?


Das Problem hat aus meiner, nicht unbedingt bis ins Letzte wirklich sachkundige Sicht, mindestens zwei Seite. In Deutschland gilt nicht nur hinsichtlich der Pflege das Subsidiaritätsprinzip. Das bedeutet, dass der Staat (oder eine ähnlich übergeordnete) Institution keine (soziale) Leistung anbietet, wenn bereits von einem kleingliedrigeren Organisation eine solche Leistung angeboten wird. Ergo wird der Staat dort keinen Kindergarten gründen, wo bereits ein katholischer besteht. Er kann sich aber seinen Pflichten nicht entziehen und muss dann diesen Kindergarten finanzieren.

Meine erste Frage wäre, wie sich der kirchliche Pflegedienst finanziell trägt. Du erwähntest, Schulden würden nicht gemacht. Das klingt redlich, wenngleich natürlich nicht immer ökonomisch sinnvoll. Ein Professor für Wohlfahrtsökonomie äußerte vor Jahren in einer Vorlesung, Caritas und Diakonie würden nach Abzug jeglicher Trasferleistung, wobei transparante Einblicke für den Laien unmöglich wären, nur zu 3% von der Kirche selbst getragen werden. Die übrigen 97% entrichtet der Staat.
Diese Zahl kann man glauben, oder nicht. An dieser Verteilung habe ich selbst so meine Zweifel. Allerdings finde ich keine wirklich guten Quellen zu dieser Thematik.

Wenn das Subsidiaritätsprinzip aber greift, könnten zwei Unterstellungen angeführt werden:
a) Die staatlichen Transferleistungen sind zu gering und unangemessen,
b) der Mitteleinsatz kirchlicher Träger ist suboptimal bzw. es werden damit sachfremde Leistungen quersubventioniert.

Gehen wir aber nun davon aus, dass einfach nicht mehr Geld in Diakonie/ Caritas vorhanden ist und die Kirche sich redlich Mühe gibt dieses bestmöglich zum Einsatz zu bringen.

Mein spontaner Ansatz:
Weitere Befreigung qualifizierter Pflegekräfte und medizinischen Personals von mehr oder weniger unqualifizierten Aufgaben durch angelernte Kräfte. In Krankenhäusern und in der ambulanten Pflege wird wohl - wie gesagt, ich bin kein Fachmann - ein beträchtliches Zeitbudget für einfache Tätigkeiten wie Essen reichen (nicht: Essen verabreichen im Falle der sehr hohen Pflegestufe), Haushaltsaufgaben, Reinigungspflichten. Bereits heute werden Teile davon von angelernten Pflegehelfern erledigt, die im geringeren Umfang qualifiziert werden und häufig aus der Arbeitslosigkeit in dieses Berufsfeld rutschen. Dies entlastet Kranken- und Pflegepersonal für ihre Kernaufgaben und beugt ihrer Überlastung vor. Auf der anderen Seite können Pflegehelfer auch noch bei entsprechender persönlicher Eignung Aufgaben übernehmen, die in der heutigen Pflege fast komplett dem Rotstift zum Opfer gefallen sind: Zwischenmenschlicher Kontakt über eine strikte Taktung hinaus. Das war früher eine wichtige Funktion der Pflegekräfte, besonders in der ambulanten Pflege alleinstehender Personen.

Wie sorgen wir aber nun dafür, dass wir einen Niedriglohnsektor durch einen anderen (Pflegehelfer) ersetzen? Gegenwärtig ist das insofern kein Problem, da diese Pflegehelfer durch die Arbeitsgemeinschaften abgestellt werden, ähnlich wie die so genannten "Haushaltsengel" (die auch private Haushalte ohne Pflege- oder Krankenfall nutzen können). Auf Dauer ist dies sicherlich keine Lösung, da Motivation und somit Qualifikation dieser Kräfte immer etwas fraglich bleiben wird und da ich keinen Ausweg in einer dauerhaften Zwangsverpflichtung dieser Menschen sehe.

Daher wäre mein Vorschlag, Ehrenamt und informelle Arbeit institutionell zu stärken. Diesbezügliche Bestrebungen laufen bereits, brauchen in meinen Augen aber eine noch breitere Basis. Mir ist mindestens ein Altenheim bekannt, in dem freiwillige Kräfte die wirtschaftliche Tragfähigkeit und das Leistungsniveau gleichermaßen sichern. Diese ehrenamtlich tätigen Personen sind überwiegend Menschen, die selbst kurz davor stehen ins Altenheim gehen zu müssen. Wir brauchen neue rechtliche Rahmenbedingungen für das Ehrenamt (Haftung, Aufwandsentschädigungen, Weiterbildungsmöglichkeiten usw.), sowie eine gesellschaftliche Kultur, die auch ehrenamtliche Tätigkeit und informelle Arbeit als vollwertigen, produktiven Beitrag zur Gesellschaft begreift.
Dies wird in meinen Augen allein deshalb notwendig werden, da die Vorstellung von der Vollbeschäftigung langfristig eine Illusion ist. Wir benötigen immer weniger Menschen um einen immer größeren Anteil der Wertschöpfung zu erbringen. Unsere Gesellschaft wird beständig weniger arbeitsintensiv. Dass wir dennoch versuchen jeden Menschen in Arbeit zu bringen, teilweise mit starken Repressionen, hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass Tätigkeiten als z. B. Fußballjugendtrainer, Kindergottesdienstorganisator oder Altenbetreuer einfach nicht den gleichen gesellschaftlichen Stellenwert genießen, wie Erwerbsarbeit - und auch wenn die Erwerbsarbeit an sich schlussendlich darin besteht bei Rheinmetall Mörsergranaten herzustellen oder Zigaretten zu rollen.
dornbusch
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Anmeldungsdatum: 26.10.2007
Beiträge: 3824

BeitragVerfasst am: 13 Jan 2009 - 12:33:20    Titel:

Hallo Lamasshu

Nach meinen Informationen liegt der Staatsanteil bei öffentlichen Einrichtungen der Kirche bei etwa 90%. Wobei hier von Fall zu Fall Abweichungen möglich sind.

Deinen folgenden Text verstehe ich nicht ganz. Meinst du, daß im Pflegebereich tatsächlich unqualifizierte Arbeiter eingesetzt werden sollen?

Ich habe selbst vor kurzem ein mehrwöchiges Praktikum in einem Pflegeheim absolviert (Ja, das ist auch im Alter möglich). Die Situation ist katastrophal!
Wer in der Pflege arbeiten möchte, braucht ein sehr spezielles Persönlichkeitsprofil. Pfleger müssen eine hohe Widerstandkraft gegen Ekel und Leid haben. Das nötige praktische Wissen muß vor Beginn der Arbeit vorhanden sein. Experimente und Lernen am Kunden wären abwegig und unethisch. Der Heimleiter, bei dem ich als Praktikant arbeitete hat, wie er mir sagte "nur einmal den Fehler gemacht, eine freie Stelle an's Arbeitsamt zu melden" .
Und letztlich müssen auch die billigsten Pfleger den Ansprüchen des Tendenzbetriebes Kirche genügen.

Ganz recht hast du natürlich mit deinen Aussagen zum Ehrenamt. Ergänzend dazu will ich noch das freiwillige soziale Jahr erwähnen. Mein politischer Vorschlag wäre, diese Tätigkeiten in der Rentenversicherung anzurechnen. Vielleicht in allen Sozialversicherungen?

Allerdings wurden der Kirche als Arbeitgeber auch schon Vorwürfe gemacht wegen der "Ausbeutung" der Ehrenamtlichen.

Für die Mitarbeiter der Kirche gibt es meist einen Pfarrer als Dienstvorgesetzten. Und auch hier entwickelt sich ein Problem: Pfarrer werden alt und der Nachwuchs fehlt.
Warum entscheiden sich sowenige junge Männer für diesen Beruf?

Vorhin ist mir noch ein Gedanke gekommen zum Eingangsthema Arbeitsethos.

"Faulheit" galt nicht nur in der christlichen Gesellschaft als "Sünde". Das Werk Gottes galt es zu tun, dem Volk/Staat mußte gedient werden. Das Wort Freizeit tauchte erst nach dem Wiederaufbau auf.
Vielfach höre und lese ich auch heute noch, daß jeder, der Arbeit suche, diese auch fände.

Die katholische Kirche war einer der ersten Arbeitgeber, die das Sabbathjahr einführte und ist meines Wissens der einzige Arbeitgeber, der Ehepaaren nur 1 1/2 Stellen gibt.

In der Theologie wird durchaus auch mit Sorge das Phänomen des "Jobs" beobachtet. Job bedeutet, daß im Prinzip jede Arbeit von jedem getan werden kann/muß (lt. Arbeitsagentur)
"Job" verdrängt in vielen Bereichen den "Beruf". Das was du zu den Pflegern schriebst, zeigt dieses Problem. "Beruf" ist das, wozu der Mensch (von Gott) berufen ist, wozu er die nötigen Talente erhalten hat.
Wenn heute jede Arbeit als Job bezeichnet wird, wird dadurch meines Erachtens Berufsarbeit entwertet. "Das kann doch jeder" wird dann hörbar.

bis später

Gruß Dornbusch
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