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Analyse: Die Prinzen - "Ungerechtigkeit"
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Ilrookie
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Anmeldungsdatum: 20.03.2011
Beiträge: 12

BeitragVerfasst am: 27 Mai 2011 - 18:18:18    Titel: Analyse: Die Prinzen - "Ungerechtigkeit"

Ein Beispiel-Thema der Zentralen Abschluss Prüfung (ZAP) Deutsch

Gedichtanalyse: Die Prinzen - "Ungerechtigkeit"


Zitat:


Ungerechtigkeit

Artist: Die Prinzen
Album: D (2001)


1 Ich ess' den ganzen Tag Gemüse
2 Und ich trink nur Cola-Light
3 Trotzdem wird mein Hintern breiter-
4 Das ist Ungerechtigkeit
5 Ich hab ein Mädchen eingeladen,
6 Letzten Freitag war's soweit
7 Doch dann kam ihr großer Bruder-
8 Das ist Ungerechtigkeit

9 Ungerechtigkeit
10 Geht manchmal echt zu weit
11 Deswegen werd' ich bald
12 Ungerechtigkeitsanwalt
13 Ungerechtigkeit
14 Geht manchmal echt zu weit
15 Ich verdien' daran nicht schlecht
16 Das finde ich gerecht

17 Wenn ihr im Supermarkt geklaut habt
18 Und völlig unverdächtig seid
19 Und eine Oma wird verhaftet-
20 Das ist Ungerechtigkeit
21 Wenn ein unbegabter Lehrer
22 Statt zu reden nur noch schreit
23 Und die Schüler werden heiser-
24 Das ist Ungerechtigkeit

Ungerechtigkeit...

25 Ungerechtigkeiten
26 Gab es schon zu allen Zeiten
27 Keiner hat den Berechtigungsschein
28 Welcher berechtigt zum Ungerechtsein
29 Ungerechtigkeiten
30 Kann ich überhaupt nicht leiden
31 Ungerechtsein ist in jedem Fall schlecht
32 Sogar ich war schon mal ungerecht

Ungerechtigkeit...



Zum Anhören: http://www.fullsongs.net/source/2/-LNhtHvr/download/Die_Prinzen_-_Ungerechtigkeit.html


ANALYSE:

Das Lied ,,Ungerechtigkeit“ der Gruppe ,,Die Prinzen“ stammt vom Album „D“ aus dem Jahre 2001. An verschiedenen Beispielen erläutert das Lied angebliche Ungerechtigkeiten im Leben von jungen Menschen.

„Die Prinzen“ sind eine Leipziger Musikgruppe, die ausschließlich deutsch singt. Die meisten Bandmitglieder hatten zuvor in Knabenchören gesungen, was sich auch in ihrem Musikstil ausdrückt: ihr bevorzugtes Genre besteht zwar aus Popmusik mit leichten Rockelementen, allerdings singen die Prinzen oft auch „A capella“.

Ihre größten Erfolge hatten die Prinzen in den 90er-Jahren mit ihren vier Alben „Das Leben ist grausam“ (1991), „Küssen verboten“ (1992), „Alles nur geklaut“ (1993) und „Schweine“ (1995). Die nächsten drei Alben waren weniger erfolgreich und nach zwei Jahren schöpferischer Pause erschien 2001, passend zum 40-jährigen Jubiläum des Mauerbaus, ihr achtes Album: „D“ (D als Autokennzeichen für Deutschland). Den größten Erfolg dieses Albums hatte die Singleauskopplung „Deutschland“ (Platz 15 der Deutschland-Charts; das Album erreichte Position 13).

Mit diesem Album wenden sich die Prinzen nun ausdrücklich deutschen Gesellschaftsthemen zu. Die Single „Deutschland“ ist etwa ein respektlos ironisches Spiegelbild der deutschen Mentalität und des deutschen Selbstverständnisses.

„Ungerechtigkeit“ ist auf dem Album das 10. Lied und beleuchtet in diesem Kontext das Thema Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Drei Jahre zuvor (1998) hatte eine rot-grüne Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder die konservativ-liberale Koalition von Kanzler Helmut Kohl abgelöst. Doch das Land steckte in einer Wirtschaftskrise. Es gab eine Reihe umstrittener Reformen zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit. Insbesondere Unternehmen wurden steuerlich entlastet. Zwei Jahre später (2003) folgten die Hartz IV-Gesetzgebung und die Agenda 2010. Der Kündigungsschutz wurde gelockert, Leiharbeit begünstigt, das Arbeitslosengeld gekürzt, die Lohnnebenkosten gesenkt, u.Ä.m. Die Reformen wurden begleitet von einer lang anhaltenden gesellschaftlichen Gerechtigkeitsdebatte, insbesondere da die Arbeitslosenzahlen stiegen und die soziale Schere zwischen wohlhabenden und einkommensschwachen Haushalten immer größer wurde.

Dieses Thema der Frage nach Gerechtigkeit greifen die Prinzen nun auf ihre eigene Art auf:

In den ersten beiden Strophen werden in vier kurzen Szenen beispielhaft Ungerechtigkeiten angeführt: 1) Trotz kalorienarmer Ernährung wird der „Hintern“ eines lyrischen Ichs breiter (Z. 3). 2) Das lyrische Ich hat ein Date mit einem Mädchen, doch es kommt ihr großer Bruder (Z. 7); 3) Eine lyrische „Ihr-Gruppe“ (Z.17) hat im Supermarkt etwas geklaut, es wird eine unschuldige Oma verhaftet (Z. 19) und 4) ein „unbegabter Lehrer“ (Z. 21) schreit, aber die Schüler werden heiser (Z. 23). Am Ende eines jeden Beispiels wird einprägsam immer derselbe Satz wiederholt: „Das ist Ungerechtigkeit“ (Z.4, 8, 20, 24).

Im Refrain beklagt sich das lyrische Ich darüber, dass die Ungerechtigkeit manchmal zu weit geht (Z.10) und es aus diesem Grunde „Ungerechtigkeitsanwalt“ werden will (Z.12). Dann wird es an den Ungerechtigkeiten jedoch gut verdienen und dies wiederum gerecht finden (Z.15+16).

In der dritten Strophe wird gesagt, dass es Ungerechtigkeiten schon zu allen Zeiten gegeben hat (Z.26) und deswegen niemand den alleinigen Anspruch auf das Ungerechtsein hat (Z. 28 ). Das lyrische Ich bekräftigt, dass es Ungerechtigkeiten nicht mag und diese schlecht sind (Z. 30+31) und gibt im letzten Vers zu, dass es selbst auch schon ungerecht gewesen ist (Z.32).

Das Lied besteht aus drei Strophen zu je acht Versen. Zwischen den Strophen wird immer ein Refrain wiederholt (mit ebenfalls 8 Versen), so dass den drei Strophen dreimal im Wechsel der Refrain folgt. Die ersten beiden Strophen bestehen aus unterbrochenen Kreuzreimen, der Refrain und die dritte Strophe aus Paarreimen.

Es fällt beim Hören der im Lied angeführten Ungerechtigkeits-Beispiele sofort auf, dass diese völlig unsinnig sind und komisch wirken sollen. Es gibt keine wirkliche Verbindung zwischen dem Breiterwerden des Gesäßes eines Menschen und kalorienarmer Ernährung, geschweige denn dass dies etwas mit Gerechtigkeit im ethischen Sinne zu tun hätte. Dass Schüler heiser werden sollten, wenn ein unbegabter Lehrer schreit, klingt unlogisch. Eigentlich müsste der Lehrer heiser werden. Warum zu der Verabredung mit dem Mädchen der große Bruder erscheint oder warum die Oma für den Diebstahl im Supermarkt verhaftet wird, bleibt ungeklärt. Es ist im Grunde nicht ernst gemeint und das merkt der Zuhörer/Leser auch sofort. Reizwörter wie „Hintern“ und „Oma“ verstärken den humoristischen Effekt genauso wie die ins Klischeehafte gesteigerten Gegensatzpaare „(süßes) Mädchen – großer Bruder“, „jungendliche Clique im Kaufhaus – (arme, alte, unschuldige) Oma“, „schreiender, unbegabter Lehrer – (arme) Schüler“.

Das Lied wendet sich mit dem Kontext, aus dem die Beispiele stammen (Verabredung mit einem Mädchen, Klauen im Supermarkt, unbegabter Lehrer in der Schule), vornehmlich an ein junges Publikum. Das passt auch zum jugendlich-legeren Sprachstil ("das geht manchmal echt zu weit", Z.10/14; "Und völlig unverdächtig seid", Z. 18 ). Das lyrische Ich kann dabei sowohl ein Junge sein (Verabredung mit einem Mädchen) als auch ein Mädchen (breiter werdender Hintern).

Der Refrain setzt den ironisch-absurden Charakter der Liedstrophen fort: Das lyrische Ich möchte aus Abneigung gegen diese Ungerechtigkeiten „Ungerechtigkeitsanwalt“ werden. Der Begriff ist jedoch ein Neologismus. Es gibt keinen Ungerechtigkeitsanwalt. Das Wortungetüm klingt schon allein aufgrund seiner Wortlänge komisch und ist ein Widerspruch in sich. Plötzlich wechselt das lyrische Ich seine Haltung: als Anwalt würde es an den Ungerechtigkeiten ganz gut verdienen, was es wiederum gerecht findet. Durch den kontrastierenden Widerspruch der Wertvorstellung (Geld zu verdienen an Ungerechtigkeiten wäre gerecht) bekommt das Lied satirische Züge.

Die dritte Strophe unterscheidet sich erheblich von den vorangegangenen Strophen: in ihr werden keine Beispiele für Ungerechtigkeiten angeführt. Formal besteht sie aus Paarreimen, was sie näher an den Refrain rückt. Musikalisch sticht sie hervor, weil sie eine eigene Melodie hat und die Gitarrenbegleitung wegfällt, so dass sie halb a capella gesungen wird.

Diese Sonderstellung hebt die Bedeutung der Strophe hervor. In ihr kommt eine Deutung des Geschehens zum Ausdruck: Das lyrische Ich gibt eine Gesamtbetrachtung ab („Ungerechtigkeiten gab es schon zu allen Zeiten“ Z.25/26), es legt seine Gefühle dar („Ungerechtigkeiten kann ich überhaupt nicht leiden“, Z. 29/30), es gibt ein Werturteil ab („Ungerechtsein ist in jedem Fall schlecht“, Z.31) und es gibt ein intimes Bekenntnis ab („Sogar ich war schon mal ungerecht“, Z.32).

Dennoch bleiben die Prinzen auch hier dem Charakter des Liedes treu, es gibt nur eine scheinbare Deutung. Die Situation ist völlig absurd: Einen „Berechtigungsschein“, welcher „zum Ungerechtsein“ berechtigt (Z.27/28 ), gibt es nicht. Mit der Idee eines "Berechtigungsscheins zum Ungerechtsein" wird so getan, als gäbe es Menschen, die den Anspruch zum Ungerechtsein für sich alleine wollten. Genau das Gegenteil ist gemeint: es gibt keine Menschen, die den Anspruch des Gerechtseins für sich alleine beanspruchen können.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schluss der Strophe: Wenn Ungerechtigkeit in jedem Falle schlecht ist und wenn das lyrische Ich schon einmal ungerecht gewesen ist, dann ist folglich auch das lyrische Ich schlecht. Damit wird der pathetische Tonfall des ganzen Liedes relativiert und ins Lächerliche gezogen. Das lyrische Ich begehrt leidenschaftlich gegen Ungerechtigkeiten auf, obwohl es weiß, dass es selbst nicht besser ist.

Das Lied „Ungerechtigkeit“ der Prinzen weist alle Stilmittel der Satire auf. Es strotzt vor Ironie, verzerrt und übertreibt Sachverhalte und kontrastiert den angestrebten Idealzustand der Gerechtigkeit mit der fehlerhaften ungerechten Wirklichkeit. Mit viel Polemik wird die Gerechtigkeitsdebatte in Deutschland angegriffen und lächerlich gemacht. Was gerecht und ungerecht sein soll, ist relativ, so die Aussage. Ungerechtigkeiten passieren einfach und gehören zum menschlichen Dasein. Die angeblichen Verteidiger der Gerechtigkeit sind selbst nicht besser; daher können sie sich so schnell mit den Ungerechtigkeiten arrangieren und auf ihren Verdienst bedacht sein.

Obwohl das Lied eine eingängige Melodie hat, kunstvoll gestaltet ist und ein für Pop-Musik ungewöhnliches und interessantes Thema behandelt, ist es relativ unbeachtet geblieben und war letztendlich ein Flop. Das mag daran liegen, dass die Gerechtigkeitsfrage doch nur zu oberflächlich gestreift wird und das Lied allzu deutlich und ausschließlich nur eine Teenager-Zuhörerschaft anspricht.

Das Lied wirkt wie eine Momentaufnahme einer Gesellschaft, die andauernd den Begriff der Ungerechtigkeit im Munde führt und deswegen verspottet wird (der Begriff "Ungerechtigkeit" taucht in allen Variationen inklusive Überschrift 22-mal im Lied auf). Doch es fehlt die Ernsthaftigkeit, die der Frage nach der Gerechtigkeit zu eigen ist. Die Absurdität der Beispiele verhindert ein tieferes Nachdenken. Das Lied wirkt kindlich-verspielt und lässt sich auf die gesellschaftliche Debatte, die es satirisch angreifen will, gar nicht ein.

Dabei hatten die Prinzen durchaus den Nerv der Zeit getroffen - die Gerechtigkeitsdebatte hat sich in Deutschland in den Jahren nach 2001 noch deutlich verschärft und hält bis zur Gegenwart an. Die zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft in Bezug auf die Verteilung von Vermögen, Einkommen, Arbeit und Bildungschancen ist das Objekt zahlreicher Studien und nach wie vor ein viel diskutiertes Thema und ein ungelöstes Problem.


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Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 03 Jun 2011 - 13:22:03    Titel:

Ich bin schwer beeindruckt!

Hier zeigt sich, dass man auch einen Liedtext nach allen Regeln der Kunst analysieren kann, als ob es ein klassisches Gedicht wäre. Razz

Die Prinzen - es wirkt auf den ersten Blick so einfach. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man das in einer 4-stündigen Abiklausur so hinbekommt.

Trotzdem: Hut ab!! Very Happy
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