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Globalisierung - Segen oder Fluch ?
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Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 16 Apr 2006 - 10:35:54    Titel:

coffeinjunky hat folgendes geschrieben:
Das hoffe ich doch mal nicht. In unserer Zeit der zunehmenden Globalisierung herrscht gigantischer Wettbewerb. Sogar die Staaten selber verstehen sich als mit ihren Sozialsystemen und ihren Steuersystem im Wettbewerb. Ist dies sinnvoll? Nein. Ein System von Staaten, die nebeneinander existieren, aber graduell immer niedrigere und niedrigere Steuerbelastungen generieren wollen damit die ökonomische Basis nicht einfach wegläuft ist langfristig nicht lebensfähig.


Warum nicht lebensfähig ? So kann sich nach und nach ein einheitlicher Steuersatz und Sozialstandard einregeln, wodurch die Migrationen der Wirtschaft - und damit der Arbeitsplätze - zum Stillstand kommen. Das setzt natürlich vorraus, dass die politischen Verantwortlichen eines jeden Staates sensibel für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes bleiben. Davon kann man nicht immer ausgehen, und daher sollte eine Dezentralisierung der Steuersysteme vorangetrieben werden, um Macht und Entscheidungsgewalt Einzelner mehr einzuschränken (s. Beispiel Schweiz, Einkommenssteuer vor allem kantonal festgelegt).
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
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BeitragVerfasst am: 16 Apr 2006 - 10:55:42    Titel:

Sheep hat folgendes geschrieben:
Warum nicht lebensfähig ? So kann sich nach und nach ein einheitlicher Steuersatz und Sozialstandard einregeln, wodurch die Migrationen der Wirtschaft - und damit der Arbeitsplätze - zum Stillstand kommen.


Warum sollte es irgendwann zum Stillstand kommen? Wettbewerb ist kein Stillstand, sondern Kampf. Aber bevor darüber diskutiert werden kann, muss geklärt werden, wofür ein Steuersystem eigentlich gut ist. Ein Steuersystem soll die monetären Mittel für die staatlichen Aufgaben bereitstellen, und dies möglichst effizient. Es ist nicht Sinn und Zweck eines Steuersystems möglichst geringe Steuersätze zu generieren. Dieses Ziel obliegt der Finanzplanung des Staates.

Wenn nun zwei Steuersysteme nebeneinander konkurrieren eines davon einfach niedrigere Steuersätze hat, wird die Wirtschaft dorthin wandern, sofern es sich nicht um zwingend stationäre Dienstleistungen etc handelt.

Ergo wird es einen Wettbewerb um niedrigere und immer niedrigere Steuersätze geben. Warum sonst waren die Off-Shore-Zentren so erfolgreich?

Wenn ein Steuersystem sich aber in einem Wettbewerb um die möglichst niedrigsten Steuersätze befindet, so kann es dem simplen Ziel der Bereitstellung monetärer Mittel für die Aufgabenbewältigung des Staates nur noch sekundär gerecht werden. Und genau das Wörtchen "sekundär" halte ich für gefährlich. Ein Wettbewerb um die niedrigsten Standards und die niedrigsten Ausgaben darf nicht iniitiert werden. Das wäre einfach fatal auch hinsichtlich Ausgaben wie Bildung und Integration.

Auch finde ich die zunehmende Föderalisierung dieser wichtigen Systeme unschön. Es ist doch besser, wenn Unternehmer sich darauf konzentrieren Fortschritt, neue verbesserte Technik und marktgerechtere Leistungen zu generieren als ständig auf der Suche nach Steuersparmodellen / Orten zu sein. Wir brauchen eine neue unternehmerische Initiative und keinen Boom auf dem Steuerberatersektor, der durch zunehmende Föderalisierung des Steuersystems hervorgerufen werden würde.

Beste Grüße
coffeinjunky
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 16 Apr 2006 - 11:50:30    Titel:

coffeinjunky hat folgendes geschrieben:
Aber bevor darüber diskutiert werden kann, muss geklärt werden, wofür ein Steuersystem eigentlich gut ist. Ein Steuersystem soll die monetären Mittel für die staatlichen Aufgaben bereitstellen, und dies möglichst effizient.


Aber bevor darüber diskutiert werden kann, muss geklärt werden, was die Aufgaben des Staates eigentlich sein sollen. Wenn dies lokal durch die Bürger entschieden wird, kann "der Staat" besser auf strukturelle Unterschiede und lokale Besonderheiten abgestimmt werden. Das führt weg vom schlichten Steuerwettbewerb zum politischen Wettbewerb.

Zitat:
Das wäre einfach fatal auch hinsichtlich Ausgaben wie Bildung und Integration.


Mehr Steuereinnahmen bedeuten nicht notwendigerweise bessere Bildung und Integration. Damit ziehst Du zu einfache Zusammenhänge, die in der Realität oft widerlegt werden. Integration ist z.B. in den USA sehr gut gelöst, obwohl die Steuern niedriger sind. Bildung ist in Deutschland trotz hoher Staatsquote im europäischen Vergleich schlecht bewertet worden.

Zitat:
Es ist doch besser, wenn Unternehmer sich darauf konzentrieren Fortschritt, neue verbesserte Technik und marktgerechtere Leistungen zu generieren als ständig auf der Suche nach Steuersparmodellen / Orten zu sein.


Sie werden beides tun, das eine schliesst das andere nicht aus. Wir sind alle Unternehmer in eigener Sache. So wie wir beim Konsum nach fortschrittlichen Produkten greifen, dabei aber die Kosten nicht aus dem Auge verlieren. So wie wir niedrige Steuern bevorzugen, aber zum Beispiel fordern, dass der Staat die Kriminalität bekämpft. Würdest Du daher daher auch behaupten, wir brauchen "einen neuen Staatsbürger" ?
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
Wohnort: Europa

BeitragVerfasst am: 16 Apr 2006 - 12:17:45    Titel:

Sheep hat folgendes geschrieben:
Wenn dies lokal durch die Bürger entschieden wird, kann "der Staat" besser auf strukturelle Unterschiede und lokale Besonderheiten abgestimmt werden. Das führt weg vom schlichten Steuerwettbewerb zum politischen Wettbewerb.


Dieser politische Wettbewerb wird aber ziemlich schnell ein Steuerwettbewerb, wenn z.B. Volkswagen in Wolfsburg zum Bürgermeister geht und sagt: "Senke die Steuern, oder wir gehen." Wenn dies noch unternehmensintern verbreitet wird, dann werden die Bürger ebenfalls zum Bürgermeister gehen und sagen: "Senke die Steuern, oder wir werden arbeitslos!". Und schon ist aus einem politischen Wettbewerb ein Steuerwettbewerb geworden. Denn solange es den Unternehmen egal ist, was der Staat / die Kommune / die Gemeinde für Bildung, Integration, Gesundheit, Sicherheit etc ausgibt, liegen ungleiche Verhandlungsbedingungen zugunsten der Unternehmen vor. Man könnte auch Marktmacht sagen.

Es wäre doch sinnvoll, wenn man eher über realwirtschaftliche Strukturmaßnahmen diskutiert als über Steuern. Dies könnte durch einheitliche europaweit gleiche Steuersätze erreicht werden, denn dann würde das Steuerargument wegfallen und die Gemeinden müssten für strukturelle Anreize zur Wirtschaftsansiedlung sorgen. Dies würde zeitgleich auch die Lebensqualität der Bürger verbessern.

Sheep hat folgendes geschrieben:
Mehr Steuereinnahmen bedeuten nicht notwendigerweise bessere Bildung und Integration. Damit ziehst Du zu einfache Zusammenhänge, die in der Realität oft widerlegt werden. Integration ist z.B. in den USA sehr gut gelöst, obwohl die Steuern niedriger sind. Bildung ist in Deutschland trotz hoher Staatsquote im europäischen Vergleich schlecht bewertet worden.


Das stimmt natürlich. Bedeutet das nun, dass geringere Ausgaben für Bildung bessere Bildung verursacht? Das leuchtet mir ebenfalls nicht ein. Auch die Integrationspolitik der USA kann diskutiert werden, wäre hier aber off topic.

Sheep hat folgendes geschrieben:
Sie werden beides tun, das eine schließt das andere nicht aus. Wir sind alle Unternehmer in eigener Sache. So wie wir beim Konsum nach fortschrittlichen Produkten greifen, dabei aber die Kosten nicht aus dem Auge verlieren.


Ich möchte nur, dass auch jeder Bürger sich wieder auf das wesentliche konzentrieren kann. Ständig auf der Suche nach Steuersparmöglichkeiten kann sich die eigene Energie nicht auf die wichtigen Sachen fokussieren wie Weiterbildung und Fortschritt. Weder durch reinen Konsum noch durch Kostenreduktion durch Steuerersparniß steigt der "Wohlstand der Nationen". Dies geschieht nur durch Produktion und Fortschritt.

Das Wettbewerb auf den Gütermärkten etwas gutes ist dürfte heutzutage niemand mehr bestreiten. Ich möchte den Wettbewerb aber gerne dort belassen, wo er hingehört. Und dies ist nicht das Steuersystem und auch nicht die Bildung, denn dafür werden durch diese Institutionen zuviele externe Effekte verursacht.

Und ja, ich behaupte, wir brauchen "neue Staatsbürger". Aufgeklärte mündige Bürger, die sich auch ihrer Rolle als Konsument und politisches Subjekt bewußt sind.
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 17 Apr 2006 - 11:50:47    Titel:

coffeinjunky hat folgendes geschrieben:
Dieser politische Wettbewerb wird aber ziemlich schnell ein Steuerwettbewerb, wenn z.B. Volkswagen in Wolfsburg zum Bürgermeister geht und sagt: "Senke die Steuern, oder wir gehen."


Das muss er ja auch, und so zieht er in eine strukturschwächere Region, die zunächst mal eben nichts als die Steuerschraube besitzt um Industrie anzulocken, aber damit trägt er zur Entwicklung dieser Region bei. Die Frage ist, muss er dabei so weit wandern, oder kann er sich bereits in der Nachbarkommune niederlassen, so dass den meisten ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben ? Wenn wir den Kommunen mehr politischen Spielraum lassen, d.h. weiter dezentralisieren, würden sich die Migrationen nicht so drastisch auswirken.

Zitat:
Denn solange es den Unternehmen egal ist, was der Staat / die Kommune / die Gemeinde für Bildung, Integration, Gesundheit, Sicherheit etc ausgibt


Diese Aspekte sind aber keinem Unternehmen "egal" sondern gehen sehr wohl in die Standortentscheidung mit ein. Darum ziehen ja High-Tech-Unternehmen zur Zeit nicht in die Slovakei, und darum tun das andererseits Produktionsstätten, die Arbeitsplätze mit geringer Qualifikation anbieten. Und aufgrund der Sicherheitslage wollen sich noch nicht so viele Unternehmen für Russland entscheiden.

Zitat:
Es wäre doch sinnvoll, wenn man eher über realwirtschaftliche Strukturmaßnahmen diskutiert als über Steuern. Dies könnte durch einheitliche europaweit gleiche Steuersätze erreicht werden, denn dann würde das Steuerargument wegfallen und die Gemeinden müssten für strukturelle Anreize zur Wirtschaftsansiedlung sorgen. Dies würde zeitgleich auch die Lebensqualität der Bürger verbessern.


Das wäre das fatalste, das wir Europa antun könnten. Strukturschwache Regionen hingen auf ewig am Tropf der reichen Länder, die ihnen Placebo-Unterstützung zukommen liessen, ansonsten aber auf eine möglichst hohe Steuer pochten, damit ja keinem Unternehmen die Abwanderung schmackhaft würde, und sie sich mit den hohen Steuereinnahmen weiterhin zur ersten Wahl machen können.

Und die wenige Industrie in den ärmeren Regionen würde kaputt gehen, oder in Regionen abwandern, die eine bessere Infrastruktur aufweisen. Die Lebensqualität der Bürger kann man damit wahrlich nicht verbessern.


Zitat:
Ich möchte nur, dass auch jeder Bürger sich wieder auf das wesentliche konzentrieren kann. Ständig auf der Suche nach Steuersparmöglichkeiten kann sich die eigene Energie nicht auf die wichtigen Sachen fokussieren wie Weiterbildung und Fortschritt.


So viel Energie kostet der Preisvergleich wirklich nicht, aber so viel Energie kann die Masse durch ihr selektives Verhalten bewirken, hin zu Effizienz und Qualität. Wie Du bereits sagtest, Produktion und Fortschritt bringen Wohlstand. Aber es fehlt noch, den Fortschritt zum Wohle aller zugänglich zu machen. Das benötigt Wettbewerb, ohne Wettbewerb besässen immer noch nur die Reichen einen Farbfernseher. Verstaatlichte Bildung hat den adversen Effekt, dass Bildung nur auf dem Niveau angeboten wird, wie Geld in der Staatskasse ist. Und einheitliche Steuer schliesslich hat den Effekt, dass Wachstum nicht mehr aus sich heraus entsteht, sondern externe Strukturmittel benötigt werden. (s. Länderfinanzausgleich)
Macabre Deified
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Anmeldungsdatum: 11.05.2005
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BeitragVerfasst am: 17 Apr 2006 - 12:53:58    Titel:

Zum Thema Schulsystem - Staatlich oder Privatisiert? dürfte euch beide das folgende Interessieren, passt nicht ganz ins Thema, aber könnte ja Teil der Diskussion werden Razz

http://www.galt.de/files/bildung-tha.pdf
http://de.liberty.li/magazine/?id=37
http://www.choices.li/item.php?id=109
Soviel zum Thema staatliche Schule Razz
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
Wohnort: Europa

BeitragVerfasst am: 17 Apr 2006 - 13:03:19    Titel:

Sheep hat folgendes geschrieben:
Wenn wir den Kommunen mehr politischen Spielraum lassen, d.h. weiter dezentralisieren, würden sich die Migrationen nicht so drastisch auswirken.


Das sehe ich nicht so. Gerade Ausgaben für Infrastruktur und Bildung etc entfalten nur langfristig ihre Wirkung. Da Politiker oftmals doch eher kurzfristig denken würden Ausgabenkürzungen in diesen wichtigen Bereichen benutzt werden um kurzfristig die Wirtschaft "anzulocken".

Sheep hat folgendes geschrieben:
Diese Aspekte sind aber keinem Unternehmen "egal" sondern gehen sehr wohl in die Standortentscheidung mit ein. Darum ziehen ja High-Tech-Unternehmen zur Zeit nicht in die Slovakei, und darum tun das andererseits Produktionsstätten, die Arbeitsplätze mit geringer Qualifikation anbieten. Und aufgrund der Sicherheitslage wollen sich noch nicht so viele Unternehmen für Russland entscheiden.


Den Bürgern der Welt ist es auch nicht egal, ob in Südamerika Kinder sterben. Dennoch wird Fair-Trade-Kaffee nur in sehr geringem Maße gekauft. Ebenso würden die Unternehmen zwar wert darauf legen gut ausgebildete Fachkräfte (möglichst von anderen Unternehmen ausgebildet) und eine gute Infrastruktur zu haben. Wenn sie dies aber auch haben können ohne mehr dafür zu bezahlen, werden sie dies nicht tun. Hier liegt doch der klassische Fall von Divergenz zwischen kollektiver und individueller Rationalität vor, vergleichbar mit Studiengebühren für Studenten. Und gerade bei einem solchen Auseinanderdriften der Rationalitäten versagt der Markt und der Wettbewerb. Ich erinnere mich da gerade an den großen "energy cut" in Kalifornien (?). Die Energielieferanten haben einfach die Ersatzinvestitionen unterlassen, da der Preiswettbewerb zu stark war und dadurch keine Mittel dafür vorhanden waren. Ich möchte nicht erleben, dass Schulen einstürzen, da sie nicht gewartet werden konnten...

Sheep hat folgendes geschrieben:
Das wäre das fatalste, das wir Europa antun könnten. Strukturschwache Regionen hingen auf ewig am Tropf der reichen Länder, die ihnen Placebo-Unterstützung zukommen liessen, ansonsten aber auf eine möglichst hohe Steuer pochten, damit ja keinem Unternehmen die Abwanderung schmackhaft würde, und sie sich mit den hohen Steuereinnahmen weiterhin zur ersten Wahl machen können.


Natürlich wäre es zwingende Vorraussetzung für eine einheitliche Steuer, dass die entscheidenden Politiker nahezu neutral und rational sind. Verfolgen sie aber Partikularinteressen und ist der Abstimmungsprozeß so katastrophal geregelt wie zur Zeit in Europa, dann wird daraus natürlich nichts. Man beachte dafür einfach deine Signatur. Aber warum sollte ein einheitlicher Steuersatz für Europa nicht funktionieren? Die strukturschwachen Länder sind in Europa doch in der Mehrheit, also könnten sie bei der Festlegung die Strukturstarken einfach überstimmen (sofern das Einstimmigkeitsprinzip endlich abgeschafft wird).

Anders: warum führen wir in Deutschland nicht unterschiedliche Steuersätze für jede Gemeinde ein? Ich denke da an unterschiedliche Einkommens- und Vermögenssteuersätze.

Das Konzept der Flat Tax ist doch zumindest meiner Meinung nach ein erstrebenswertes Konzept. Dort wird immer mit der Einfachheit diskutiert und wie leicht alles werden würde. Aber wenn man das Konzept auf Gesamt-Europa anwenden will, dann gilt dies nicht mehr? Es wäre doch toll, wenn ein ausländischer Investor darüber nachdenkt nach Europa zu kommen und automatisch weiß, dass er überall genau x Prozent Steuern zahlen muss. Wenn die Flat Tax in Deutschland funktionieren soll, warum nicht auch in Europa? Was ist denn besser daran, wenn wir etliche Steuersysteme, etliche Rechtssprechungen und etliche Verwaltungsstrukturen nebeneinander existieren haben?

Sheep hat folgendes geschrieben:
So viel Energie kostet der Preisvergleich wirklich nicht, aber so viel Energie kann die Masse durch ihr selektives Verhalten bewirken, hin zu Effizienz und Qualität.


Wenn ich hier zu meinem Arzt gehe komme ich an genau drei Steuerberatern vorbei. Früher habe ich mal gelesen, dass 80vH aller Steuerliteratur der Welt aus Deutschland kommt. Das kostet keine Energie?

Sheep hat folgendes geschrieben:
Wie Du bereits sagtest, Produktion und Fortschritt bringen Wohlstand. Aber es fehlt noch, den Fortschritt zum Wohle aller zugänglich zu machen. Das benötigt Wettbewerb, ohne Wettbewerb besässen immer noch nur die Reichen einen Farbfernseher. Verstaatlichte Bildung hat den adversen Effekt, dass Bildung nur auf dem Niveau angeboten wird, wie Geld in der Staatskasse ist. Und einheitliche Steuer schliesslich hat den Effekt, dass Wachstum nicht mehr aus sich heraus entsteht, sondern externe Strukturmittel benötigt werden. (s. Länderfinanzausgleich)


Das stimmt natürlich auf dem Gütermarkt. Dort ist der Wettbewerb ja auch absolut heimisch und dort gehört er auch hin. Aber man muss, wenn man andere "Systeme" betrachtet, die Modellannahmen des Ursprungsmodelles hinterfragen. Wenn ein Unternehmen nicht mithalten kann, meldet es Insolvenz an und verschwindet vom Markt. Was aber sollen Kommunen machen, die einfach höhere Ausgaben wegen Kriminalität haben? Ich denke da an Berlin Kreuzberg oder Gebiete im Osten. Die können nicht einfach das Land "verlassen", wie Unternehmen aus dem Markt austreten können. Und die Steuereinnahmen können sie auch nicht erhöhen, da Inhaftierte und abgewanderte Unternehmen keine Steuern zahlen.

Was wäre, wenn der Staat keine Bildung mehr anbieten würde? Ich verweise immer wieder gerne auf die Lehrmeinung, dass gerade Bildung positive externe Effekte verursacht und es durch eine adverse Selektion seitens des Marktes zu einem Marktversagen kommt. Ohne staatliche Bildung haben einige Bevölkerungsschichten gar keine Bildung, können nicht lesen, nicht schreiben, deren Produktivität sinkt, und schon sind wir beim Ausgangsthema: wie steigen wir die Produktivität? Nicht dadurch, dass große Bevölkerungsschichten weiter "verdummen" (entschuldigt bitte den Ausdruck).

Was wäre nun so schlimm daran, wenn man einen einheitlichen Steuersatz erhebt? Die Argumentation über Wachstum leuchtet mir beim besten Willen nicht ein. Ein Steuersystem ist kein Gütermarkt. Auf dem Gütermarkt hättest du durchaus recht.

Beste Grüße
coffeinjunky
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 18 Apr 2006 - 14:05:04    Titel:

coffeinjunky hat folgendes geschrieben:
Sheep hat folgendes geschrieben:
Wenn wir den Kommunen mehr politischen Spielraum lassen, d.h. weiter dezentralisieren, würden sich die Migrationen nicht so drastisch auswirken.


Das sehe ich nicht so. Gerade Ausgaben für Infrastruktur und Bildung etc entfalten nur langfristig ihre Wirkung. Da Politiker oftmals doch eher kurzfristig denken würden Ausgabenkürzungen in diesen wichtigen Bereichen benutzt werden um kurzfristig die Wirtschaft "anzulocken".


Wieso Ausgabenkürzungen ? Es geht doch darum, die bestehenden Einnahmen sinnvoll zu verwenden, und gleichzeitig den Regionen und Kommunen die Freiheit zu lassen, über einen großen Anteil der Steuern und Abgaben selbst zu bestimmen. Es macht keinen Sinn, per Diktat der Zentralregierung hohe Steuern und Abgaben über eine strukturschwache Region zu verhängen, die dort sowieso keiner bezahlt, weil eben kaum Betriebe ansässig sind, und sich aus dem Grund auch nicht niederlassen werden.

Sheep hat folgendes geschrieben:
Diese Aspekte sind aber keinem Unternehmen "egal" sondern gehen sehr wohl in die Standortentscheidung mit ein. Darum ziehen ja High-Tech-Unternehmen zur Zeit nicht in die Slovakei, und darum tun das andererseits Produktionsstätten, die Arbeitsplätze mit geringer Qualifikation anbieten. Und aufgrund der Sicherheitslage wollen sich noch nicht so viele Unternehmen für Russland entscheiden.



Zitat:
Hier liegt doch der klassische Fall von Divergenz zwischen kollektiver und individueller Rationalität vor, vergleichbar mit Studiengebühren für Studenten. Und gerade bei einem solchen Auseinanderdriften der Rationalitäten versagt der Markt und der Wettbewerb.


Bei jedem Versuch, politisches Handeln durch "kollektive Rationalität" zu bestimmen, versagt die Gesellschaft, wie zahlreiche sozialistische Diktaturen bewiesen haben.

Warum bilden Unternehmen nicht aus oder errichten keine Infrastruktur ? Ganz einfach, weil - wie Du selber erkannt hast - sie die Ausbildung umsonst bekommen, und der Staat z.B. für Verkehrswege sorgt. Dennoch ziehen Unternehmen in schwach entwickelte Regionen, wo der Staat eben noch kein lauschiges Plätzchen eingeräumt hat, im Gegensatz zu Deiner Behauptung, man müsse erst langfristig eine Region entwickeln, und dann würde sich die Industrie schon niederlassen.

So entstehen zwar zuerst nur Arbeitsplätze für Niedrigqualifizierte, nichtsdestotrotz bedeutet das gestiegene Löhne und mehr Steuereinnahmen für die Region. Und mit genau diesen Einnahmen muss langfristig vorgesorgt werden. Ob das nun auf individueller Ebene geschieht, - der Vater bezahlt seinem Sohn durch sein besseres Gehalt eine gute Ausbildung - oder etatistisch, - Steuereinnahmen werden für Weiterentwicklung der Bildungsmaßnahmen (Staatsschulen) verwendet, sei dahingestellt.

Zitat:
Ich erinnere mich da gerade an den großen "energy cut" in Kalifornien (?). Die Energielieferanten haben einfach die Ersatzinvestitionen unterlassen, da der Preiswettbewerb zu stark war und dadurch keine Mittel dafür vorhanden waren.


Ich erinnere mich an das alljährliche Staatsversagen in Deutschland, beim Hochwasserschutz. Es wird viel geplant, aber aufgrund Mittelstreichungen wenig umgesetzt. Ich erinnere mich an das Staatsversagen beim Gesundheitssystem, wo definitiv nicht der Preiswettbewerb, sondern die fehlenden Investitionen des Staates dafür sorgen, dass ständig Leistungen gekürzt werden. Du willst nicht erleben, dass "Schulen einstürzen", aber wenn Du die Augen öffnest, erlebst Du wie Turnhallen einstürzen - staatlicher Schulen wohlgemerkt. Die staatsverherrlichende Mentalität wird immer wieder durch die Realität in Frage gestellt.

coffeinjunky hat folgendes geschrieben:
Aber warum sollte ein einheitlicher Steuersatz für Europa nicht funktionieren? Die strukturschwachen Länder sind in Europa doch in der Mehrheit, also könnten sie bei der Festlegung die Strukturstarken einfach überstimmen (sofern das Einstimmigkeitsprinzip endlich abgeschafft wird).


Fällt die einheitliche Abgabenlast zu hoch aus, verhindert man die natürliche Entwicklung einer Wirtschaft in ärmeren Regionen. Ist sie zu niedrig, bricht unser Rundum-Versorgerstaat Deutschland mit einem Schlag zusammen.

Letztendlich werden sich Steuern und Abgaben in Europa mehr und mehr angleichen. Durch die Verlockungen günstiger Standorte (sei es steuerlicher, oder (un-)bürokratischer Art) verteilt sich die Wirtschaft langfristig über Europa, bis alle Regionen mehr oder weniger strukturell gleich aufgestellt sind.

Ob man dann zur Verriegelung durch den "einheitlichen Steuersatz" greifen muss, oder den politischen Handlungsspielraum der Kommunen beibehält, damit eine ständiger Ausregelungsprozess stattfinden kann, mögen die Bürger in der Zukunft entscheiden Wink

Zitat:
Anders: warum führen wir in Deutschland nicht unterschiedliche Steuersätze für jede Gemeinde ein? Ich denke da an unterschiedliche Einkommens- und Vermögenssteuersätze.


So wie in der Schweiz: Einen nicht unerheblichen Teil der Einkommenssteuer darf der Kanton mitbestimmen.

Zitat:
Das Konzept der Flat Tax ist doch zumindest meiner Meinung nach ein erstrebenswertes Konzept. Dort wird immer mit der Einfachheit diskutiert und wie leicht alles werden würde. Aber wenn man das Konzept auf Gesamt-Europa anwenden will, dann gilt dies nicht mehr?


Das widerspricht sich doch nicht. Nur dass die Flat-Tax eben lokal begrenzt ist, aber über alle Einkommensschichten gilt. Wie Du selbst berichtest, ist die Erleichterung des Steuersystems sicher notwendig, und wenn man sich hundert mal über den "Bierdeckel" lustig machen möchte.
Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 24 Apr 2006 - 16:21:56    Titel:

Jedenfalls bietet die Globalisierung viele Chancen.
Pauker
Moderator
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Moderator


Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
Wohnort: Schwäbisch Hall

BeitragVerfasst am: 24 Apr 2006 - 16:27:08    Titel:

@Dirk: gut jetzt hast du die 200 voll. Super. Vielleicht bekommen wir in Zukunft wieder gehaltvolle Beiträge? Wink

Gruß
Pauker
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