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Die brisante Erbsenzählerei des Gregor Mendel

19.11.2007 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Forscher der Universität Jena starten Projekt zum Mendelismus in Böhmen und Mähren Jena (19.11.07) Harmlose Erbsen waren es, mit denen der Augustiner-Mönch Johann Gregor Mendel (1822-1884) in Brünn experimentierte. Bis heute werden seine Erkenntnisse zur Vererbung als Mendelsche Gesetze gelehrt; Mendel gilt als Vater der Genetik. Zunächst aber fanden die 1865 als "Versuche über Pflanzenhybriden" veröffentlichten Resultate keinen Widerhall. Sie wurden erst 1900 u. a. durch Erich Edler von Tschermak-Seysenegg und dessen Bruder Armin wiederentdeckt. Nun zeigte sich, dass in der harmlosen Erbsenzählerei des rührigen Mönchs ein gewaltiges, ein brisantes Potenzial schlummerte. Bot sich Mendel doch plötzlich als "slawischer Heros" an, als Lichtgestalt, dessen Genetik in der Eigenwahrnehmung zur national-slawischen Wissenschaft mutierte.

Die Wissenschaftshistoriker PD Dr. Uwe Hoßfeld und Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach von der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersuchen in einem neuen Projekt "Mendelismus und Genetik in Böhmen und Mähren, 1900-1930". Gefördert wird das auf zunächst zwei Jahre angelegte Vorhaben mit 150.000 Euro durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Ziel ist es, die Rezeption des Mendelismus und der Genetik im Spannungsfeld von öffentlicher, ideologisierter und innerwissenschaftlicher Diskussion zwischen 1900 und 1930 zu beleuchten. "Böhmen und Mähren bieten sich dafür an, weil hier auf engstem Raum progermanische und slawophile Traditionen aufeinander prallten", sagt der Biologie-Didaktiker und Historiker Hoßfeld. Die Jenaer Wissenschaftler wollen der Frage nachgehen, wie die Erkenntnisse des Biologismus durchschlugen in jenes Konglomerat aus Humangenetik, Rasselehre und Eugenikdiskussion, das bis zum Versuch der Heydrich-Stiftung führte, in Prag die Rassenkunde als eigenständigen völkisch bestimmten Forschungsbereich zu etablieren.

"Wir arbeiten direkt mit der Tschechischen Akademie der Wissenschaften zusammen", betont Olaf Breidbach. Bereits im Vorfeld der aktuellen Studie weilten Gastwissenschaftler aus Tschechien in Jena. Breidbach und Hoßfeld waren zudem beteiligt an der Konferenz "Emanuel Radl - Scientist and Philosopher" im Februar 2003 an der Karls-Universität in Prag. Das aktuelle Projekt der Jenaer Wissenschaftshistoriker baut auf ihren vorherigen Forschungen auf - etwa auf erste Studien zur Ideologisierung der Evolutionsbiologie im tschechischen Raum sowie zum relevanten Prager Archivbestand, der im Zuge einer Studie zur Wissenschaftskultur in Prag um 1900 bereits erschlossen wurde.

In den Fokus der Wissenschaftler rückt auch die Brünner Mendel-Gedächtnisausstellung von 1910. Bei dieser seinerzeit vielbeachteten Schau verschmolzen innerwissenschaftliche, völkische und nationalistische Tendenzen zu einem für den Raum Böhmen und Mähren und die Zeit vor 1930 typischen Gemenge. In einem geplanten dritten Projektjahr soll diese Ausstellung zu ihrem Jahrhundertjubiläum mit zahlreichen Bilddokumenten in den Räumen des Ernst-Haeckel-Hauses in Jena rekonstruiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.


Kontakt:
PD Dr. Uwe Hoßfeld
Arbeitsgruppe Biologiedidaktik der Universität Jena
Dornburger Str. 159, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949490 oder 949505
E-Mail: uwe.hossfeld[at]uni-jena.de

Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach
Ernst-Haeckel-Haus der Universität Jena
Berggasse 7, 07745 Jena
Tel.: 03641 / 949500
E-Mail: Olaf.Breidbach[at]uni-jena.de
Weitere Informationen: http://www.uni-jena.de
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