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Friedrich Wöhler - 200. Geburtstag

28.06.2000 - (idw) Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Wissenschaftlicher Pressedienst Chemie 32/00 vom 26. Juni 2000


"Probieren geht über studieren"
Dem großen Experimentator Friedrich Wöhler zum 200. Geburtstag

Vor 200 Jahren, am 31. Juli 1800, wurde in Eschersheim, heute ein Stadtteil von Frankfurt am Main, einer der bedeutendsten Chemiker Deutschlands geboren: Friedrich Wöhler. Bekannt wurde er insbesondere durch seine Harnstoffsynthese, mit der er erstmals die Schranke zwischen anorganischer und organischer Chemie durchbrach und den unvergleichlichen Siegeszug der organischen Chemie einleitete. Nicht minder wichtig aus heutiger Sicht waren seine erstmalige Herstellung von Aluminium und seine Arbeiten über Silicium. Aluminium und Silicium sind heute hochmoderne, viel verwendete Werkstoffe - Aluminium z. B. im Fahrzeug- und Flugzeugbau oder als leichte Verpackungsfolie; Silicium ist der Werkstoff der modernen elektronischen Halbleitermaterialien. Wöhler, der geniale Chemiker, war zunächst auf dem Weg, Mediziner zu werden.

1820 begann Wöhler, der in Frankfurt am Main in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen war und seine Freizeit mit chemischen Experimenten und Studien verbracht hatte, mit dem Studium der Heilkunde in Marburg; der Medizinerberuf versprach ein besseres finanzielles Auskommen. Doch auch in Marburg frönte er abends seiner Leidenschaft, der Chemie. Weil aber seine Entdeckungen wenig Gehör und Aufmerksamkeit bei seinem Lehrer fanden, wechselte er schon bald nach Heidelberg, wo Leopold Gmelin, der weithin bekannte Professor für Medizin und Chemie, lehrte. Auch er hielt chemische Vorlesungen für reine Zeitverschwendung, gab Wöhler aber die Möglichkeit, in seinem Labor zu experimentieren. Wöhler zog sein Medizinstudium konsequent durch und promovierte in diesem Fach im September 1823. Gmelin hatten allerdings Wöhlers experimentelle Arbeiten über das Cyan und die Cyanursäure so beeindruckt, dass er ihm den Rat gab, zum Chemiker Berzelius nach Stockholm zu gehen und dort seine chemischen Fertigkeiten zu vertiefen. Wöhler entschloss sich, Chemiker zu werden.

Wöhler kehrte als gewandter und sicherer Analytiker nach Deutschland zurück. Er war aber auch vertraut mit der Herstellung schwierigster Präparate und hatte sich hervorragende Kenntnisse in Mineralogie erworben. Er erhielt das Angebot, an der neuen städtischen Gewerbeschule in Berlin Chemie zu lehren und nahm an. Das kleine zugeordnete Laboratorium Wöhlers wurde schon bald berühmt: durch die geglückte analytische Trennung von Arsen, Kobalt und Nickel, durch die Arbeiten über Cyan- und Honigsteinsäure, über Chlorjod und flüchtiges Manganfluorid. Glanzpunkte aber waren die erstmalige Darstellung reinen Aluminiums, die er seinem väterlichen Freund Berzelius im Herbst 1827 mitteilte, sowie die Harnstoffsynthese, über die er im Februar 1828 ebenfalls Berzelius berichtete: "...daß ich Harnstoff machen kann, ohne dazu Nieren oder überhaupt ein Thier, sey es Mensch oder Hund, nöthig zu haben. Das cyansaure Ammoniak ist Harnstoff......Diese künstliche Bildung von Harnstoff, kann man sie als ein Beispiel von Bildung einer organischen Substanz aus unorganischen Stoffen betrachten?" - Ja, man konnte, und damit war der Glaube an das Dogma der Lebenskraft, die zur Herstellung aller organischen Stoffe nötig sei, erschüttert.

Für Liebig, dessen Freundschaft zu Wöhler immer enger wurde, war das der "erste Anfang einer eigentlichen wissenschaftlichen organischen Chemie". Liebig und Wöhler schreiben in einer gemeinsamen Arbeit
wenige Jahre später: "Zucker, Salicin, Morphin werden künstlich hervorgebracht werden. Wir kennen freilich die Wege noch nicht, auf dem dieses Endresultat zu erreichen ist, weil uns die Vorderglieder unbekannt sind, aus denen diese Materien sich entwickeln, allein wir werden sie kennen lernen." - Visionen, die Wirklichkeit wurden. Die organische Chemie trat einen unvergleichlichen Siegeszug an.

Wöhler wurde 1828 zum Professor ernannt, und er erhielt ein neues Laboratorium, in dem er sogleich mit einem neuen spektakulären Experiment auf sich aufmerksam machte, der Gewinnung von elementarem Phosphor durch Reduktion von Phosphaten ("aus Pulver von schwarz gebrannten Knochen"). Große Aufmerksamkeit erlangten auch seine Arbeiten, die er gemeinsam mit Liebig publizierte, z. B. die über die Cyan- und Honigsteinsäure oder später dann die über Bittermandelöl und das Amygdalin. "Wir beiden, Liebig und ich, haben ungleiche Arten von Talent, die, zusammenwirkend, einander ergänzen und etwas zu leisten vermögen." Einen Urlaubsaufenthalt in Kassel nutzte Wöhler zu einem längeren Besuch bei Liebig in Gießen, der einen neuen Apparat zur organischen Analyse, den sog. Fünf-Kugel-Apparat, testete. Mit ihm ließen sich organische Elementaranalysen erstmals sehr genau und vor allem wesentlich schneller als bislang durchführen.

Wöhler übersiedelte mit seiner Familie - er hatte 1830 geheiratet und mittlerweile einen kleinen Sohn - nach Kassel, nachdem ihm dort eine Professur an der Gewerbeschule angeboten worden war. Bei der Geburt seiner Tochter verstarb seine Frau. Wöhler suchte Trost bei Liebig, den er nun häufiger aufsuchte, um mit ihm zusammen organisch zu arbeiten. In Kassel konzentrierte sich Wöhler auf anorganische Themenstellungen, wie die Züchtung künstlicher Kristalle oder die Analyse von Mineralien
oder Mineralwässern. Von einer Reise nach Paris, auf der er Bekanntschaft mit allen angesehenen französischen Naturwissenschaftlern machte, kehrte er mit von Dumas erhaltenen Platinrückständen zurück, aus denen er die seltenen Metalle Iridium und Osmium isolierte. Schon zuvor hatte er erstmalig Yttrium und Beryllium nachweisen können.

1834 heiratete Wöhler erneut. 1836 wurde er als ordentlicher Professor für Chemie und Pharmazie an die Göttinger Universität berufen. Die regelmäßigen Apothekenvisitationen, die nun zu seinen Verpflichtungen
gehörten, ihm aber ein Greuel waren, führten sie doch in die entlegensten Winkel der Region, und die Prüfungen der Mediziner kosteten ihn wertvolle Zeit, die er nicht für seine Forschungen nutzen konnte. Wöhlers Arbeiten auf anorganischem und organischem Gebiet fanden in der Fach-welt dennoch weiterhin große Anerkennung; allem voran wieder eine gemeinsam mit Liebig verfasste Abhandlung über Harnsäure, die sie aus Schlangenkot isolierten. Zu erwähnen sind außerdem seine Arbeiten über Opium und Cocain, über Chinasäure, aber auch über reines Silicium und Siliciumverbindungen oder seine Arbeit über Calciumcarbid, mit der er den Grundstein für die später aufstrebende Carbidindustrie wie auch für das autogene Schweißen legte. Man sagt Wöhler nach, dass von ihm das geflügelte Wort "Probieren geht über studieren" stamme.

Bedeutend war auch Wöhlers Wirken als Lehrer und Autor. Sein Lehrbuch der Chemie erfuhr 15, sein Grundriss der organischen Chemie 13 Auflagen. Als Klassiker gilt sein Buch "Beispiele zur Übung in der analytischen Chemie", das in späteren Auflagen unter anderen Titeln erschien.

Wöhlers Arbeiten wurden viel zitiert und bildeten Grundlage zahlreicher weiterführender Forschungsarbeiten. Es versteht sich von selbst, dass Wöhler sogleich Ehrenmitglied der 1867 neu gegründeten Deutschen Chemischen Gesellschaft, der Vorgängerorganisation der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), wurde und dieser 1877 als Präsident vorstand.

Wöhler liebte Reisen und die Natur. Er galt als humorvoll, friedfertig und versöhnlich, als Lebensphilosoph voll abgeklärter Ruhe. Am 23. September 1882 verlor die Chemie eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten, die durch August Wilhelm von Hofmann anlässlich der Errichtung des Wöhler-Denkmals in Göttingen eingehend gewürdigt wurde: Es liege ihm die Absicht fern, "die großen Errungenschaften des Göttinger Forschers im Einzelnen zu besprechen. Solches Beginnen wäre gleichbedeutend mit dem Entschluss, ein Compendium der Chemie zu schreiben."

In der jüngeren Vergangenheit war es zunächst die Chemische Gesellschaft der DDR, die Wöhler würdigte, indem sie zwischen 1961 und 1991 den Friedrich-Wöhler-Preis an junge, begabte Wissenschaftler verlieh. Mittlerweile vergibt die GDCh den angesehenen "Wöhler-Preis für ressourcenschonende Prozesse" und hat eine Fachgruppe für anorganische Chemie gegründet, die Wöhler-Vereinigung für Anorganische Chemie, der rund 750 Chemiker angehören.


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Hinweis an die Redaktionen:
Ein Bild von Wöhler kann bei der GDCh-Öffentlichkeitsarbeit angefordert werden.
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