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Prof. Dr. Ursula M. Lehr emeritiert

23.09.1998 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Gerontologin der ersten Stunde in Deutschland und international anerkannte Forscherpersönlichkeit auf dem Gebiet der Altersnforschung - 1988 bis 1991 Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula M. Lehr, Gerontologin der ersten Stunde in Deutschland und national wie international eine der herausragenden Forscherpersönlichkeiten auf dem Gebiet der Alternsforschung, wurde zum Ende des Sommersemesters 1998 als Professorin der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg emeritiert.

Frau Lehr (geb. 1930) hat Psychologie, Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Frankfurt und Bonn studiert. Sie wurde im Jahre 1954 promoviert und habilitierte im Jahre 1968 mit der Arbeit "Berufs- und Lebensschicksal - die Berufstätigkeit der Frau aus entwicklungs- und sozialpsychologischer Sicht". Von 1972 bis 1976 hatte sie den Lehrstuhl für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Köln, von 1976 bis 1986 den Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Bonn inne. Im Jahre 1986 übernahm sie den neu geschaffenen Lehrstuhl für Gerontologie sowie die Direktion des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. Von Dezember 1988 bis Januar 1991 war sie Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Im Jahr 1995 erfolgte die Berufung als Wissenschaftlicher Gründungsvorstand des Deutschen Zentrums für Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Seit Oktober 1997 ist Frau Lehr Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie.

Ihre ersten Forschungsarbeiten beschäftigten sich mit der beruflichen Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer sowie mit der Berufstätigkeit der Frau. Daneben führte sie thematische Analysen zur Lebenssituation von Frauen im Erwachsenenalter durch und wies nach, daß psychische Spannungen und Konflikte in der Lebensmitte weniger durch körperliche Beschwerden bedingt sind (Klimakterium), sondern vor allem auf mögliche Rollenkonflikte in der Familie zurückgehen - entscheidend sind hier die Verpflichtungen, die mit der Tochterrolle gegenüber alten Eltern verbunden sind (vor allem Unterstützung in Notlagen sowie Hilfe und Pflege). Die erst in den vergangenen Jahren von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommenen Belastungen, die mit der innerfamiliären Pflege und Betreuung alter Menschen verbunden sind, hat Frau Lehr schon in den 60er Jahren ausführlich analysiert und differenziert dargestellt.

Im Kontext ihrer familienpsychologischen Untersuchungen beschäftigte sie sich zum einen mit den Entwicklungschancen für Mutter und Kind, die aus der gelungenen Verbindung von familiären und beruflichen Aufgaben im Leben der Frau erwachsen, zum anderen mit Anregungen, die der Vater dem Kind geben kann und die er aus dem Kontakt mit dem Kind erhält. Sie plädierte schon in den 70er Jahren für die Verantwortung der Mutter und des Vaters für die Erziehung des Kindes und unterstützte - aufbauend auf Erkenntnissen entwicklungs-psychologischer Forschung - das Tagesmutter-Modell.

Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Forschungstätigkeit bildete die berufliche Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer, wobei sie sich bereits Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre für eine Flexibilisierung der Altersgrenze, nicht nur nach unten, sondern auch nach oben, einsetzte. Sie konnte nachweisen, daß die berufliche Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer mit jener jüngerer Arbeitnehmer vergleichbar ist, daß jedoch ältere Arbeitnehmer nicht selten Diskriminierungen im Betrieb ausgesetzt sind, wobei diese Diskriminierungen Ausdruck eines negativen Altersbildes sowie einer jugend-zentrierten Beschäftigungspolitik sind. Im Kontext ihrer Arbeiten zur Berufstätigkeit stehen auch Beiträge zur Vorbereitung auf die Pensionierung sowie zur kreativen Gestaltung der nachberuflichen Zeit.

Die Analyse psychischer Entwicklungsprozesse im Alter - und zwar in ihrer Wechselwirkung mit physiologischen und sozialen Veränderungen - bildete den Kern der ersten deutschen Längsschnittstudie zur Entwicklung im späteren Erwachsenenalter, die von Frau Lehr gemeinsam mit Prof. Thomae (Bonn) im Zeitraum von 1965 bis 1987 durchgeführt wurde. In dieser Studie wird die von Frau Lehr immer wieder erhobene Forderung nach interdisziplinärer gerontologischer Forschung verwirklicht. Der zentrale Befund dieser Studie - der Nachweis der großen Unterschiede zwischen älteren Menschen sowie der verschiedenartigen Formen des Alterns - wurde in zahlreichen empirischen Untersuchungen bestätigt, die Frau Lehr zu gerontologischen Fragen durchgeführt hat. Entwicklung im Alter wird von ihr als ein Prozeß verstanden, der biologischen, sozialen, ökologischen und personalen Einflüssen (im Sinne der "selbstverantwortlichen Gestaltung des Alterns") unterliegt. Frau Lehr sah eine weitere wichtige Aufgabe ihrer Forschung in der Beantwortung der Frage, inwieweit Entwicklungsprozesse im Alter durch spezifische Formen der Intervention gefördert werden können.

Mit der Gründung des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg im Jahr 1986 und der Einrichtung des Aufbaustudiengangs Gerontologie, der mit einem Diplom abgeschlossen wird, hat Frau Lehr das Ziel verfolgt, die gerontologische Forschung zu intensivieren und Erkenntnisse der Forschung für die gerontologische Praxis fruchtbar zu machen. Das Institut für Gerontologie hat dank ihrer intensiven und kreativen Arbeit rasch ein eindeutiges Forschungsprofil entwickelt, das sich auf Entwicklungsprozesse im Alter, die Bewältigung von Anforderungen und Belastungen im Alter, die Förderung der alltagspraktischen und kognitiven Kompetenz, die Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer und das Altersbild in unserer Gesellschaft konzentriert. 1991 wurde dem Institut für Gerontologie der Status eines WHO-Kollaborations-Zentrums übertragen, wodurch der wissenschaftliche Austausch mit gerontologischen Einrichtungen in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Staaten möglich wurde. Die Ausrichtung von Kongressen im Auftrag der WHO in Heidelberg hat wertvolle Anstöße zu dieser Zusammenarbeit gebracht. In bezug auf die Lehre hat Frau Lehr einen interdisziplinären Ansatz vertreten, der auch darin zum Ausdruck kommt, daß sie großen Wert auf die enge Kooperation mit der Geriatrie und Gerontopsychiatrie in der Ausbildung zum Diplom-Gerontologen gelegt hat. Darüber hinaus bilden sowohl Erkenntnisse der gerontologischen Grundlagenforschung als auch Erkenntnisse der Interventionsforschung Schwerpunkte der Lehre. Die Leitung des Instituts für Gerontologie wurde 1997 von Prof. Dr. Andreas Kruse übernommen, der in den Gründungsjahren des Instituts dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig gewesen war.

Die Gründung des Instituts für Gerontologie ließ Prof. Lehr keineswegs ruhen. Schon zu Beginn ihrer Zeit als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit war eine ihrer Kernaussagen: "Wir brauchen ein nationales Zentrum für Alternsforschung". Unter Leitung von Frau Lehr befaßte sich am 14. und 15. November 1988 in Stuttgart der 6. Zukunftskongreß der Landesregierung Baden-Württemberg mit interdisziplinären Aspekten des Alterns. Während dieses Kongresses mit dem Thema "Altern als Chance und Herausforderung" wurde der Vorschlag gemacht, ein Zentrum für Alternsforschung zu errichten, den Ministerpräsident Späth aufgriff. In Absprache mit Bundeskanzler Kohl sollte das Zentrum von Bund und Land gemeinsam finanziert werden. Bereits am 28. November 1988 verabschiedete der Ministerrat des Landes Baden-Württemberg einen entsprechenden Grundsatzbeschluß. Das Wissenschaftsministerium erhielt den Auftrag, einen wissenschaftlichen Arbeitskreis zu berufen, um eine Konzeption für ein Zentrum für Alternsforschung zu entwickeln. Im Oktober 1990 übergab der Wissenschaftliche Arbeitskreis seinen Abschlußbericht dem Ministerpräsidenten, dem der Ministerrat am 19. November 1990 zustimmte.

Nach schwierigen und langwierigen Verhandlungen zwischen Bund und Land über die gemeinsame Finanzierung des Zentrums ist es vor allem auch der Beharrlichkeit und Unbeirrbarkeit von Prof. Lehr zu verdanken, daß das Deutsche Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg schließlich mit Wirkung vom 30. 9. 1995 gegründet und Frau Lehr zur Gründungsdirektorin berufen wurde.

Das DZFA ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Baden-Württemberg mit einer Förderung zu 50% aus Landes- und zu 50% aus Bundesmitteln. Zwei wesentliche Aufgaben stehen im Mittelpunkt: Auf der einen Seite soll das DZFA eine Plattform für interdisziplinäre Grundlagenforschung bereitstellen; auf der anderen Seite soll auch ein Beitrag zur Umsetzung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung in die Praxis und in politische Entscheidungen geleistet werden.

Das DZFA befindet sich heute mitten in einer aktiven und dynamischen Auf- und Ausbauphase. Zwei der geplanten vier Abteilungen haben bereits die Forschungsarbeit aufgenommen. Die Abteilung für Entwicklungsforschung (Leiter: Prof. Dr. Peter Martin) beschäftigt sich mit der Konstanz und Veränderung menschlichen Erlebens und Verhaltens im Erwachsenenalter. Es geht dabei insbesondere um Forschungsfragen der kognitiven Entwicklung, der Entwicklung der Persönlichkeit, der Entwicklung sozialer Netzwerke, des Einflusses bedeutender Lebensereignisse auf das Altern sowie um Fragen der Entwicklung und Aufrechterhaltung von körperlicher und geistiger Gesundheit und subjektiven Wohlbefindens im höheren und sehr hohen Alter. Hundertjährige interessieren hier besonders, zumal in Deutschland etwa 10.000 Menschen leben, die einen dreistelligen Geburtstag feiern. Einen ersten Forschungsschwerpunkt in der Abteilung Entwicklungsforschung legte Frau Lehr auf die Durchführung der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE). Diese schon seit 1992 durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg als Initialprojekt für das DZFA geförderte Studie untersucht in Kooperation von Medizinern, Psychologen, Psychiatern und Sportwissenschaftlern Bedingungen gesunden und zufriedenen Alterns. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst hat sich bereit erklärt, auch für 1999 die Weiterfinanzierung der ILSE-Studie bis zu der Höhe von DM 500.000 sicherzustellen.

Die Abteilung für Soziale und Ökologische Gerontologie (Leiter: Prof. Dr. Hans-Werner Wahl) hat die Aufgabe, Aspekte der Person-Umwelt-Relation im höheren Lebensalter zu bearbeiten, wobei eine besonderer Schwerpunkt auf den räumlich-dinglichen-technischen Umwelt alter Menschen liegt. Angesprochen sind hier vor allem Forschungsfragen zum Wohnen und Wohnumfeld alter Menschen, zu Umzug und Mobilität alter Menschen, zu neuen Technologien und Designgestaltungen als neue Umwelten auch für alte Menschen sowie die Bedeutung von umwelt-relevanten Kompetenzeinbußen (z.B. des Sehens, des Gehens) für den weiteren Verlauf des Alternsprozesses.

In einer dritten Abteilung, der Abteilung für Epidemiologie von Erkrankungen und funktionelle Beeinträchtigungen im Alter, sollen Auftretenshäufigkeit und Risikofaktoren für Krankheiten und daraus folgende Einschränkungen der Alltagskompetenz erforscht werden. Diese Abteilung wird zu Beginn des Jahres 1999 ihre Arbeit aufnehmen. Die vierte Abteilung schließlich, die Abteilung für Interventions- und Rehabilitationsforschung, wird voraussichtlich im Jahre 2001 etabliert.

Mit dem Endausbau wird das DZFA somit durch eine in dieser Weise zum ersten Mal gegebene Konstellation von wissenschaftlichen Disziplinen im Bereich der Gerontologie "unter einem Dach" charakterisiert sein. Daß dieser Innovationsimpuls für die deutsche und internationale Alternsforschung konkrete Gestalt angenommen hat bzw. weiter annehmen wird, ist wohl vor allem auch die ganz persönliche Leistung von Frau Prof. Dr. h.c. Ursula Lehr.

Durch ihre engagierte wissenschaftliche und politische Tätigkeit hat Prof. Lehr dafür gesorgt, daß sich die gerontologische Forschung in Deutschland uneingeschränkt etabliert hat. Ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten haben zum Verständnis von normalen Alternsprozessen beigetragen und kommen damit jedem alternden Bürger zugute. Zur Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die politische Realität hat sie nicht zuletzt durch ihre Tätigkeit als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Jugend beigetragen.


Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Hans-Werner Wahl
Deutsches Zentrum für Alternforschung
Tel. 06221 548110, Fax 548112
e-mail: wahl@dzfa.uni-heidelberg.de

oder:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
e-mail: michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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